Albstadt ist um eine Institution ärmer – Ursula Eppler hat ihren Posten als Kustodin der Musikhistorischen Sammlung Jehle im Lautlinger Schloss nach 39 Amtsjahren aufgegeben. Zeitgleich endet die Betreuung des digitalen Bestandsverzeichnisses durch ihren Bruder Volker Jehle.
Albstadt-Lautlingen - 1977 hatte der Musikalienhändler, Musikhistoriker und Klavierbauer Martin Jehle der Stadt Albstadt seine reiche Instrumenten- und Schriftensammlung überlassen; 1982 übernahm seine Tochter Ursula Eppler mehr oder weniger vertretungshalber von ihrem Bruder und mittelbar vom Vater selbst die Aufgabe, sie zu betreuen und interessierten Besuchern des Lautlinger Schlosses zu zeigen. Danach war sie es, die fast vier Jahrzehnte lang begeistert und begeisternd ihre Gästen über die Eigenheiten von Clavecin und Hammerklavier aufklärte, in die Editionsgeschichte evangelischer Gesangbücher einführte und vor allem – erzählte. Etwa, wie Martin Jehle als Weltkriegssoldat die norwegische Griffbrettzither Langleik erwarb und dafür seine halbe Kompanie anpumpte, wie der nachmalige Klavierbauer Andreas Streicher den jungen württembergischen Regimentmedicus und Dichtergenius Friedrich Schiller den Häschern des Herzogs Karl Eugen entzog, wie Missionarinnen in Afrika ihre Harmonien auf dem Eselsrücken transportierten und wie ein aus vielen Kalebassen konstruiertes Marimbaphon kriegsbedingt im Suezkanal "steckenblieb". Ihr Wissen war stupend und ihre Leidenschaft für die Musik und die Instrumente ansteckend, um nicht zu sagen "hochinfektiös".
Diese Ansteckungsgefahr dürfte fürs erste gebannt sein – Ursula Epplers Nachfolge ist bereits geklärt; dass sie "adäquat" ersetzt werden kann, darf niemand erwarten; für jemanden wie sie, die Tochter des Stifters, profunde Kennerin seines Erbes und einzigartige Vermittlungskünstlerin, kann es keinen angemessenen Ersatz geben. Der Grund, weshalb sie aufhört, liegt nahe: Ursula Eppler ist mittlerweile 75 Jahre alt und außerstande, in einer auf drei Geschossen verteilten Sammlung ohne Fahrstuhl Präsenz zu zeigen wie ehedem. Sie muss – buchstäblich – kürzer treten.
Auch Volker Jehle scheidet aus
Mit ihr geht Volker Jehle, ihr Bruder. 40 – nicht ganz lückenlose – Jahre lang hat er die Sammlung seines Vaters wissenschaftlich betreut, inventarisiert und dokumentiert; noch kurz vor seinem Abschied hat er die achte überarbeitete und ergänzte Auflage seines Bestandsverzeichnisses vollendet, das seit 2013 von 2700 auf über 5000 Seiten angewachsen ist. Eine neunte Auflage wird es nicht geben; Jehle und die Stadt Albstadt hatten sich nach Ursula Epplers nicht auf eine Aufstockung der geringfügigen Beschäftigung auf eine reguläre Stelle verständigen können, und so scheidet auch er – wohlgemerkt im Einvernehmen mit der Stadt, ohne jede Ranküne, dafür mit der Bitte an die Stadt, die Sammlung Jehle zu hegen, zu pflegen und der Nachwelt in bestem Zustand zu erhalten. Die "Ära Jehle" ist damit zu Ende.
Außer der achten Auflage des Bestandsverzeichnisses, die erstmals Kolumnentitel zur besseren Orientierung aufweist, hat Volker Jehle der Stadt noch ein weiteres Abschiedsgeschenk hinterlassen, nämlich zwei Fotoalben "Choralbücher des 18. Jahrhunderts" und "Messbücher vor 1800" auf der Webseite. Wer diesseits der wissenschaftlichen Auseinandersetzung Interesse an den Geschichten hat, die sich um die Sammlung Jehle ranken und die Ursula Eppler so unnachahmlich zu erzählen versteht, dem sei das im April bei Shaker Media erschienene Buch "Musikhistorische Sammlung Jehle. Reden und Essays" ihres Bruders empfohlen. Es ist im Buchhandel erhältlich und kostet 11,90 Euro.