Simone Hauswald ist mit sich nach „einer Karriere mit Höhen und Tiefen“ im Reinen. Foto: Flaig

Zwei Pole kennzeichnen die Karriere der Biathletin Simone Hauswald. Der eine ist eine tiefe Wunde, der andere eine unerwartete Flut an Glückshormonen.

Am 28. März 2010 hat sich ein Kreis geschlossen: Simone Hauswald sicherte sich zum Abschluss ihrer sportlichen Laufbahn mit dem deutschen Biathlon-Mixed-Team die Goldmedaille bei der Weltmeisterschaft im russischen Chanty-Mansijsk. Sieben Jahre vorher hätte sie an gleicher Stelle fast den Grundstein für eine vielleicht noch gewaltigere Karriere gelegt.

 

Zum Start schon fast Weltmeisterin

„Als ich 2003 in Chanty-Mansijsk bei der WM an den Start gegangen bin, bin ich gleich in meinem ersten Einzelrennen Vierte geworden“, erinnert sich die damals als Simone Denkinger auf Loipe und Schießstand gegangene Wehingerin, die heute in Schönwald (Schwarzwald-Baar-Kreis) lebt. „Nur ein Fehler weniger“, meint sie und erinnert sich lachend, dass es ja überhaupt nur ein Fehler war, den sie geschossen hatte, „hätte mir die Goldmedaille beschert. Und dann wäre alles anders gewesen, denn wenn du dich beim WM-Debüt gleich zur Weltmeisterin küren darfst, verläuft natürlich alles anders.“

Höhen und Tiefen – wie das Leben spielt

Zwar erinnert sich die nicht nur damalige Sympathieträgerin an diesen vierten Platz, aber es ist kein Nachweinen in der Art: „Mann, was wäre da bloß aus mir geworden!“ So ist die gebürtige Rottweilerin nicht gestrickt, im Gegenteil. „Dieses Hätte, Wenn und Aber, das macht alles keinen Sinn. Schlussendlich war meine Karriere geprägt von vielen Höhen und Tiefen, wie das Leben manchmal so spielt“, sagt sie. Es kommt nicht von ungefähr, dass sie nach ihrer Karriere nun als Mentalcoach arbeitet. „In jeder Niederlage steckt immer auch eine Chance, und die habe ich für mich auch genutzt. Ich war immer offen für neue Dinge und offen, Dinge, die nicht so gut geklappt haben, über Bord zu werfen.“ Das ist auch heute noch so, denn „das ist ein Entwicklungsprozess, der sich auch auf meine Persönlichkeit ausgewirkt hat“.

Startschuss mit 6 Jahren

Simone Hye-Soon Denkinger war sechs Jahre alt, als sie begann, die Welt auf zwei schmalen Langlauf-Lättchen zu durcheilen. Schnell wurde beim SC Gosheim das Talent der Tochter einer Südkoreanerin und eines Deutschen erkannt, und so kam sie dorthin, wo sie heute mit an der Karriere ihrer Nachfolger und Nachfolgerinnen arbeitet: ans Skiinternat Furtwangen. Nach dem Wechsel zum Biathlon hatte sie 2002 ihren ersten Auftritt im Weltcup – und musste gleich einen der vielen Rückschläge einstecken, die ihren Weg pflasterten: Beim Training im finnischen Vuokatti rutschte sie auf einer Eisplatte aus, brach sich das rechte Wadenbein und musste ihre Form erst einmal ganz neu aufbauen. „Das im Fernsehen anzuschauen, waren schon harte Momente“, gibt sie zu. Aber auch das hat sie „immer ein Stück weit nach vorne gebracht“.

Der wunde Punkt 2006

Viele würden diese schlimme Verletzung als ihren absoluten Tiefpunkt beschreiben, doch der wunde Punkt in Simone Hauswalds Karriere ist eher psychischer Natur. Immer wieder kommen ihre Gedanken zurück auf Turin 2006. Sie reist mit dem Team zu den Olympischen Winterspielen in die Hauptstadt der italienischen Region Piemont – wird aber nur als Ersatzläuferin nominiert, „als zweite Ersatzfrau“, wie sie präzisiert. „Wenn du Leistungssportler bist und auf der internationalen Bühne stehst, ist Olympia dieses hohe Ziel, wonach jede Athletin und jeder Athlet strebt“, weiß die heute 43-Jährige. Sie ist zwar in Turin vor Ort – aber starten darf sie nicht. „‘Dabei sein ist alles’, dieses olympische Motto, ist eben doch nur ein plumper Spruch“, sagt sie. Die Enttäuschung von Turin hat sich tief in ihre Seele eingeschnitten, und auch wenn die Wunde nach der langen Zeit vernarbt ist, sie spürt sie immer noch: „Wenn du da bist und das erlebst und das eigentlich gerne anders hättest, dann ist das wirklich auch eine Niederlage.“

Vier intensive Jahre

Da hat sie sich gesagt: In vier Jahren steht Vancouver auf dem Plan, das werden wahrscheinlich ihre ersten und letzten richtigen Spielen sein. Akribisch bereitet sie sich darauf vor, vier Jahre lang, Schritt für Schritt, Saison für Saison. „2006 bis 2010 war eine sehr intensive Zeit“, gibt Simone Hauswald zu. Turin als Kehrtwende. Vier Jahre später, sie hat schon ihren Rücktritt zum Saisonende bekannt gegeben, erlebt sie einzigartige Höhepunkte, eine wahre Leistungs-Explosion. Auf die Bronzemedaillen im Massenstart und der Staffel bei Olympia in Vancouver folgt ihre Krönung zur „Königin von Oslo“. Sie läuft und schießt in der Form ihres Lebens – und gewinnt alle drei Rennen, Sprint, Verfolgung, Massenstart. „Die drei Rennen hier in Oslo waren wie von einem anderen Stern. Es hat alles gepasst, und ich durfte zum König“, sagt sie damals. Am Ende gewinnt sie den Sprintweltcup und wird eine Woche später im letzten Rennen ihrer Karriere Weltmeisterin mit der Mixed-Staffel in Chanty-Mansijsk. „Ich erinnere mich immer noch dran, wie Uwe Müssiggang (damaliger Frauen-Bundestrainer, Anm. der Red.) kopfschüttelnd gesagt hat, er kann nicht verstehen, wie man in so einem hohen Alter noch so eine Leistungssteigerung vollbringen kann“, erzählt Simone Hauswald lachend.

Mosaiksteinchen Mentaltraining

Zwei Jahre zuvor hatte sie begonnen, „das letzte Mosaiksteinchen Mentaltraining“ in ihren Trainingsplan zu integrieren. Denn tatsächlich hatte vor ihrer Leistungsexplosion am Karriereende etwas gefehlt. „Ich war immer diese Trainingsweltmeisterin, sehr fleißig und akribisch und ehrgeizig, und manchmal hat mir auch ein Stück weit die nötige Lockerheit gefehlt – so im Nachhinein betrachtet“, gibt sie zu. Durch das mentale Auf-die-Spur-bringen „konnte ich diese Leistungen, die ich immer im Training gebracht habe, auch tatsächlich auf den Punkt abrufen“, erinnert sie sich. Eine Erfahrung, die sie geprägt hat. Und deshalb arbeitet sie heute als Mentalcoach – auch im Skiinternat Furtwangen. „Ich sage das auch beim Coaching: Ich finde es so schön, dass die Jungs und Mädels das für ihre spätere Karriere jetzt mit 18 Jahren lernen dürfen, was ich erst mit 28 gelernt habe“, weiß sie, wie wichtig gerade beim Biathlon, beim Schießen, die psychologische Komponente ist: „Wie kann ich die Gefühle so beherrschen, die Gedanken so fokussieren, dass ich nur im Moment bin?“ Der „Supertruppe“ im Skiinternat, die sportlich von ihrem Mann Steffen betreut werden, traut sie es so zu, „es weit nach oben zu schaffen“.

„Es war eine tolle Zeit“

Sie selbst ist mit ihrer Karriere mit den beiden Extrem-Polen 2006 und 2010 komplett im Reinen, „weil ich einfach weiß, dass es eine tolle Zeit war. Und es fühlt sich schön und rund an, weil ich ja mit einem Höhepunkt aufhören konnte und nicht wegen einer Verletzung oder wegen schlechter Leistungen aufhören musste. Es war eine Herzensentscheidung.“ Rund ein Jahr nach dem Karriereende kamen ihre Zwillinge zur Welt, „die Jungs werden jetzt elf, da bin ich auch gut beschäftigt“, sagt sie lachend. Und den Biathlon-Weltcup beobachtet sie natürlich immer noch. „Ich kann das jetzt ganz entspannt vor dem Fernseher anschauen. Ich vermisse tatsächlich nichts, möchte aber auch alles, was ich an schönen Dingen und Erfahrungen gemacht habe, nicht missen.“

Termine

Simone Hauswald arbeitet seit vielen Jahren als Mentalcoach und hat mit Martin Sowa, Autor zahlreicher Fachbücher für den Inklusionssport und zweifacher Krimiautor und Kurzgeschichtenschreiber aus Großengstingen, ein Buch geschrieben, das „Umarme dein Leben! Du hast nur eins“ heißt. Zu jedem der 26 Buchstaben des Alphabets hat Simone Hauswald 26 lebensbejahende Impulse geschrieben und Martin Sowa entsprechende positive, humorvolle Kurzgeschichten. Die beiden sind am 30. November in der Buchhandlung Osiander in Tübingen zu einer Signierstunde, am 4. Dezember von 13 bis 18 Uhr auf dem Weihnachtsmarkt im Skimuseum in Hinterzarten. Und am 16. Dezember wartet um 19 Uhr eine nicht ganz gewöhnliche Lesung auf die interessierten Leserinnen und Leser, wiederum im Skimuseum mit Musik von Steffen Tröster und Norbert Freudigmann.