Mohamed Yehia Dicko hat sich als Vermittler in Lebensgefahr gebracht. Foto: /Christian Putsch

Entführungen gehören noch immer zu den wichtigsten Finanzierungsquellen von Dschihadisten in der Sahelzone. Nun kam ein südafrikanischer Sanitäter nach über sechs Jahren frei. Zu verdanken hat er das einem Mann, der sich für ihn in Lebensgefahr begeben hat. Die Geschichte einer abenteuerlichen Rettung.

Als Gerco van Deventer nach sechs Jahren, einem Monat und zwölf Tagen in Geiselhaft der Islamisten in Mali freikam und in den Raum trat, in dem seine Familie wartete, da erkannte ihn seine Frau nicht. Der einst so stämmige Südafrikaner, ein Diabetiker, hatte außer Nudeln, Reis und Kartoffeln kaum etwas zu essen bekommen, er verlor 50 Kilogramm Gewicht und einige Zähne. Es war sein Sohn, der bei der langersehnten Begegnung kurz vor Weihnachten als erstes auf ihn zulief, den Vater umarmte – dann folgte seine überglückliche Frau. „Ich habe mir in meinem Kopf so oft ausgemalt, wie ich sie in den Armen halte“, sagte van Deventer der Zeitung „City Press“. Als der Moment endlich kam, „war das Freude und Erleichterung, alles auf einmal“.

 

Der Sanitäter Van Deventer, 48, war im Jahr 20217 für eine Sicherheitsfirma in Libyen tätig, als er von Kriminellen entführt und an die Al-Qaida-Gruppe „Nasr al-Islam wal Muslimin“ (JNIM) nach Mali verkauft wurde. „Als sie in meinem Pass sahen, dass ich Südafrikaner bin, wollten sie es zunächst nicht glauben“, so van Deventer im Interview, „für sie sah ich aus wie ein Deutscher.“ Es wäre wohl die erfolgversprechendere Nationalität für Verhandlungen gewesen. Südafrika gilt als eines der Länder, dessen Regierung nicht nur Zahlungen, sondern auch jegliche Gespräche mit Entführern ablehnt.

In den Kriegsländern Mali und Burkina Faso, wo ganze Regionen in der Hand von Dschihadisten sind, gehört das Entführungsgeschäft zu den wichtigsten illegalen Geschäftsfeldern. Allein im ersten Halbjahr 2023 wurden mehr als 180 Entführungen registriert – durchschnittlich also eine pro Tag. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. In den Jahren 2003 bis 2012, als sich der Islamismus in der Sahelzone ausbreitete, trug die Entführung von rund 100 Touristen und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen aus Industrienationen zum Startkapital so mancher Terror-Gruppe bei.

Diese lukrativen Entführungen sind rar geworden, die meisten Opfer stammen inzwischen aus der Region. Oft geht es um Geld, mal um Einschüchterungen von Dörfern, mitunter um ein politisches Druckmittel. Der Südafrikaner van Deventer passte in keines dieser Schemen. Und wurde dennoch jahrelang am Rande der Sahara festgehalten.

Anruf bei dem Mann, ohne den der Familienvater womöglich den Rest seines Lebens dort verbracht hätte. Mohamed Yehia Dicko, 57, ist einer der bekanntesten Geschäftsleute mit malischen Wurzeln in Südafrika; er berät von Johannesburg aus Bergbauunternehmen. Und er war der wichtigste Verhandlungsführer in den zähen Gesprächen mit den Entführern. „Ich bin kein Spezialist“, sagte Dicko, „man kann nicht gerade behaupten, dass ich das studiert hätte.“

Seine Familie betete für ihn

Vor zehn Jahren bat die Hilfsorganisation „Gift of the Givers“ in einem Radiosender um Unterstützung für einen anderen Südafrikaner, der damals in Mali ebenfalls in der Hand von Islamisten war. Dicko meldete sich, zapfte sein umfangreiches Netzwerk an – und wurde zum Mittelsmann. Mit Erfolg, 2017 kam der Mann frei. Dann wurde van Deventer zur Geisel. Und Dicko machte sich auf Bitte der Familie erneut auf die Suche. Das sei wie eine Lotterie, sagt er. Es habe kein Lebenszeichen gegeben, nicht einmal einen ungefähren Aufenthaltsort. Manchmal reiste er sogar mit öffentlichen Bussen in Städte wie Gao; als das zum unkalkulierbaren Risiko wurde, nutzte er UN-Flüge. Zu Hause beteten seine Frau und die fünf Kinder für ihn.

„Wir haben in verschiedenen Gegenden in Mali, Niger und Mauretanien humanitäre Arbeit geleistet, Lebensmittel verteilt, Bohrlöcher angefertigt“, sagt Dicko. Dabei habe man gezielt von dem Schicksal van Deventers erzählt, auf Hinweise gehofft. „Das war wie ein Spiel, bei dem man sein eigenes Leben riskiert, das galt für uns als die Suchenden, aber auch für die Befragten“, sagte er, „einige hatten große Angst.“ Aber letztlich habe man so die entscheidende Telefonnummer erhalten.

Als erstes Lebenszeichen kam ein Video

Es dauerte dann lange, bis das erste Lebenszeichen – ein Video – vorlag. Am Ende hatte Dicko mit knapp 20 Mittelsleuten gesprochen, mal während persönlicher Treffen, mit anderen nur telefonisch. Ein Mann aus Mauretanien erwies sich als der wichtigste Kontakt. Van Deventer, so erfuhr er, wurde alle paar Monate an neue Orte in der Sahara gebracht – auch über Landesgrenzen, die in der endlosen Wüste wenig Bedeutung haben. Die Terroristen bleiben aus Angst vor Drohnenangriffen nie lange am gleichen Ort. „Südafrikaner sind nicht das Ziel, diese Entführung war ein Fehler“, sagte Dicko, „der Fokus der Täter lag klar auf westlichen Staatsbürgern.“ Innerhalb der Gruppe JNIM habe es lange Streit gegeben, ob man van Deventer freilassen sollte. Zunächst seien drei Millionen Dollar gefordert worden, später 500 000. Während seiner Gespräche bekam Mohamed Yehia Dicko tiefe Einsicht in die Strukturen der Sahel-Zone, die inzwischen für 43 Prozent der weltweiten Terror-Opfer verantwortlich ist. Die meisten Dschihadisten seien Tuaregs und arabische Gruppen, die teils aus Libyen und der Westsahara eingedrungen seien. Mehrfach habe er gehört, dass unter den Kämpfern Syrer und Iraker seien. „Sie verlangen von den Bewohnern Steuern für die Viehherden, für alles. Die Leute werden teilweise von mehreren Gruppen abkassiert, verlieren alles.“

Allerdings profitieren nach Einschätzung von Ulf Laessing, dem Leiter des Regionalprogrammes Sahel der Konrad-Adenauer-Stiftung, auch Bevölkerungsgruppen. „Gerade in Malis Kidal-Region werden Geiseln oft jahrelang geparkt“, sagte Laessing, „dafür braucht man Fahrer, Köche und weitere Hilfskräfte. Viele machen schlicht aus wirtschaftlichen Gründen mit und stützen als Handlanger das System.“ So habe die im vergangenen Jahr freigelassene französische Geisel Olivier Dubois erzählt, wie es ihm einmal gelungen sei, seinen Entführern zu entkommen. Dann aber scheiterte der Journalist bei dem Versuch, jemanden zu finden, der ihn in Gegenden mit Regierungspräsenz fährt. Niemand wollte sich gegen die Islamisten stellen, es vergingen weitere Monate, bevor Dubois nach Verhandlungen freikam.

„Insgesamt sind Entführungen nicht mehr ganz so lukrativ wie früher, weil kaum ein westlicher Ausländer in den Gegenden unterwegs ist – und wenn, dann nur mit Sicherheitseskorte“, sagte Laessing. Entsprechend hätten Gruppen wie die JNIM ihr Geschäft diversifiziert, würden verstärkt auf die Geiselnahme lokaler Bürger, den Schmuggel von Gold sowie Viehdiebstähle setzen.

Van Deventer wurde nach langen Verhandlungen freigelassen: Am 17. Dezember 2023 kam die Meldung, er sei von den Terroristen „sehr plötzlich“ und „ohne Bedingungen“ dem algerischen Geheimdienst übergeben worden, teilte Gift of the Givers mit. Die Hilfsorganisation habe definitiv nichts bezahlt, sagt Dicko. Aber bei den letzten Schritten, an denen auch Algerien beteiligt war, sei er nicht involviert gewesen.

So mancher Kenner bezweifelt eine „bedingungslose“ Freilassung. „Keine Regierung und kein großer Konzern würde jemals zugeben, dass Geld gezahlt wurde“, sagt der Anwalt Andrei Liakhov, der von London aus Sicherheitsfirmen in Afrika berät. „Die Entführung der falschen Person kann den Preis senken, aber nicht eliminieren.“ Liakhov half vor allem bei Geiselbefreiungen während einer Welle von Piratenangriffen auf Frachter vor Somalias Küste. „Am Ende waren die Versicherungsunternehmen im Hintergrund entscheidend, sie haben die Limits der Auszahlungen vorgegeben.“

Neun Monate vor van Deventer war der amerikanische Entwicklungshelfer Jeffery Woodke von Islamisten freigelassen worden. Die USA betonten, es sei kein Lösegeld geflossen. Doch kurz davor hatte Washington Nigers Regierung für neue Entwicklungsprojekte zugesichert. Die Gerüchte, dass davon etwas an die Entführer weitergeleitet wurde, halten sich bis heute.