In der Burgruine Hohennagold soll ein Geisterfräulein einen Goldschatz bewachen. Unsere Redakteurin hat sich auf Gespenstersuche auf dem Nagolder Schlossberg begeben.
Es ist ein steiler Aufstieg durch den Wald zur Burgruine in Nagold. Ich habe mir einen kühlen Tag ausgesucht, der Wald wirft angenehme Schatten auf den Schotterweg. Trotzdem bin ich ziemlich verschwitzt und aus der Puste, als ich oben ankomme. Trutzig ragt die Burg über mir auf.
Die Ruine hat etwas Romantisches. Die jahrhundertealten Steine, durchwachsen von der Natur, sattgrünes Gras und Brennnesseln neben sandfarbenen Stein. Der Ausblick entschädigt mich für den anstrengenden Weg. Ganz Nagold kann ich überblicken. Ich schlendere durch den ehemaligen Graben, bewundere im Hauptgelände den erhaltenen Bergfried und werfe Blicke durch die Schießscharten. Die sind teilweise zugewachsen und die Mauern zu dick, um hindurchzusehen, ohne in die Nischen zu kriechen. Das lasse ich mal bleiben.
Versprechen über den Tod hinaus
Aber ich bin ja nicht nur für die Aussicht hier – sondern auf Geister- und Schatzsuche. In diesen Ruinen soll ein Geisterfräulein – nun, leben. Und einen Schatz bewachen.
Einst soll sie die Tochter eines rGrafen auf Hohennagold gewesen sein. Ihr Vater wurde in den Krieg eingezogen, aber bevor er ging, versteckte er seine Schätze im Schlossberg und gab seiner Tochter den Schlüssel. Der Vater kehrte nicht zurück. Die Tochter blieb und bewachte das Gold – bis über den Tod hinaus.
Ich steige den Wachturm hoch. Die alte Treppe wird gesäumt von einer Eiche und einer Buche. Ein Geländer zieht oben um eine Balustrade, zwei Türen führen nach drinnen. Ich kann mir gut vorstellen, wie das Burgfräulein – hier oben steht und Ausschau hält. Nach ihrem Vater, der nie wieder heimgekehrt ist. Nach jemandem, der sie erlösen kann. Kurz überkommt mich ein Anflug von Höhenangst, als ich nach unten sehe und daran denke, wie alt diese Steine sind.
Der Geist soll mehrfach versucht haben, erlöst zu werden. Schon bei meinem Aufstieg sehe ich mich um, ob ich auf eine auffällige Blume stoße. Einst soll ein Mann hier, mitten im Winter, eine Blume gefunden haben. Er pflückte sie und ging zur Burg – dort hatte sie sich in einen goldenen Schlüssel verwandelt. Das Burgfräulein erschien und zeigte ihm den Weg zum Gewölbe – doch er bekam Angst und floh. Als er zurückkehrte, waren Schlüssel und Gewölbe fort.
Blumen? Fehlanzeige!
Obwohl ich mitten im Sommer den Berg hinaufsteige, beziehungsweise keuche, finde ich nur dichtes Grün. Blüten sind Mangelware, nur ein paar Waldblumen mit winzigen violetten und gelben Blättern behaupten sich tapfer am Wegesrand. Eher kein Sagenmaterial.
Ein zweiter Versuch schlug ebenfalls fehl. Dieses Mal träumte ein Mädchen davon, dass sie auf der Burg erwartet werde, um dort ein Geisterfräulein zu erlösen. Als Lohn versprach der Geist ihr viel Geld. Und wundersamerweise: Ihre Schwester hatte exakt den gleichen Traum. Also gingen die Mädchen zur Burg hoch – und trafen den Geist . Das Burgfräulein erschien – allerdings kopflos. Die Mädchen flüchteten. Wenn ich mir vorstelle, den steilen Weg nach unten zu rennen, sehe ich mich schon stürzen und den Berg hinunterkullern. Keine schöne Vorstellung.
Ich klopfe an den Türen am Wachturm an. Aber das Burgfräulein zeigt sich mir nicht. Erwartet habe ich es auch eigentlich nicht. Am Tag, mit einem Handy in der Hand und Wanderschuhen an den Füßen. Irgendwie passe ich nicht in dieses mittelalterliche Setting. Ich bin auch nicht allein hier oben, einige Familien nutzen das herrliche Wetter, um mit ihren Kindern die Ruine zu erkunden.
Einsamkeit auf der Burg
Wenn sie hier irgendwo sein sollte, muss sie ein freundlicher Geist sein. Von Angriffen ist nichts bekannt. Vielleicht hat sie uns Besucher sogar ganz gern da oben. Die Burg ist doch recht einsam gelegen. Ihr bleibt der Blick auf Nagold, wie es sich mit den Jahrhunderten verändert. Und die Besucher, Kinder, Hunde, die Leben in ihr tristes Dasein bringen.
Oder hat sie nach Jahrhunderten selbst ihren Frieden gefunden? Warum das Gold noch bewachen? Ihr Vater kam nie zurück. Sie konnte mit dem Gold nichts anfangen. Und wie wichtig mag einem Geist weltliches Gut sein? Was sie hielt, war ein Versprechen. Aber hätte ihr Vater dieses Schicksal für sie gewollt? Vielleicht lernte sie mit den Jahrhunderten loszulassen – und konnte damit endlich gehen.
Die Serie „Der Sage nach“
Hexen, Geister, Riesen und sogar der Teufel selbst sollen in früheren Zeiten der Sage nach ihr Unwesen getrieben haben. Zahlreiche alte Mythen ranken sich auch um Orte im Kreis Calw. Einige davon wollen wir in unserer Serie näher beleuchten, indem wir uns dorthin begeben, wo sich Unheimliches zugetragen haben soll. Im wahrsten Sinne gehen wir der Sage nach – kommen Sie doch mit! Vielleicht findet sich auch der ein oder andere Tipp für einen Ausflug. Oder zumindest für einen ungewöhnlichen Spaziergang mit Geschichte.