In der Bibliothek am Münsterplatz in Villingen sind Samentütchen für Gemüse wie Erbsen und Bohnen erhältlich. Ziel ist es, die Nutzpflanzen in ihrer Vielfalt zu erhalten.
Neben Büchern, Spielen und Filmen gibt es in der Stadtbibliothek Villingen jetzt auch – Saatgut. Wie das funktioniert, erfuhr man beim Start einer außergewöhnlichen Bibliothek.
Seit 2021 regt der Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) die Pflege eines „Kulturschatzes an vitalen und robusten Sorten unserer Kulturpflanzen“ an und sieht seine Saatgut-Bibliothek bereits in 116 Städten umgesetzt.
Am Villinger Standort wurde am Samstag Einweihung gefeiert. Bibliotheksmitarbeiterin Tina Lang durchschnitt ein rotes Band vor dem Regal, in dem man ab sofort Samentütchen für Erbsen, Salat, Bohnen, Tomaten und Gartenmelde „ausleihen“ kann – und das kostenlos und ohne Vorlage eines Bibliotheksausweises.
Zwar habe es Jahre gebraucht, um aus einer Idee Realität werden zu lassen, doch nun werde über die Saatgutbibliothek ein Wissen vermittelt oder reakitiviert, das verloren zu gehen droht, so Lang, denn wer wisse denn noch, wie der Samenstand eines Salatkopfes aussehe oder was eine Gartenmelde sei?
Fachliche Expertise
Einen wertvollen Beitrag zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt leistet also, wer sich am Münsterplatz ab sofort ein bis maximal drei Samentütchen abholt, das darin enthaltene Saatgut nach Packungsanweisung unter die Erde und die getrockneten Samenstände neun Monate später wieder zurück in die Stadtbibliothek bringt. Dabei entstehen weder Mahngebühren noch Kosten bei Ernteausfall oder Misserfolg. Im Gegenteil: Über die Bibliothek kann jeder und jede Ausleihende bei Bedarf auf die fachliche Expertise von Christine Mauch und Eva Schalkers zurückgreifen.
Beide Hobbygärtnerinnen aus Villingen standen mit ihrem Pflanzenwissen Pate bei der Projektumsetzung. 80 Tütchen liegen für den Anfang bereit, sagt Tina Lang. Dabei kann man zwischen fünf Arten und 13 Sorten wählen, sich also die Tomate „Heinemanns Vortreffliche“, die Gartenbohnen „Spatzeneier“ oder die Erbse „Kleine Rheinländerin“ in den Garten oder auf den Balkon holen. Der „Keim daheim“ sprießt nämlich auch in Blumentöpfen.
Viele Sorten bereits verloren gegangen
75 Prozent der als samenfest geltenden Sorten seien bereits verloren, jetzt gelte es, den Rest des uneingeschränkt vermehrungsfähigen Saatgutes zu erhalten, wünschen sich die drei „Hebammen“ der Saatgut-Bibliothek.