Warten, immer wieder endlos Warten heißt es für die Helfer und Ehrenamtlichen an der Grenze. Foto: Hug

Unser Redakteur Cornelius Eyckeler trifft bei der Hilfsaktion von Hauser-Reisen in Rumänien auf zahlreiche ukrainische Flüchtlinge. Es gibt eine große Welle der Hilfsbereitschaft.

Sighetu Marmatiei - Es ist dunkel geworden am Grenzübergang von Sighetu Marmatiei, der rumänischen Stadt mit etwa 37 600 Einwohnern. Der Bus des Rottweiler Reiseunternehmens Hauser-Reisen steht mittlerweile leer bereit, um 48 Flüchtlinge aufzunehmen. Es geht entlang des Flusses Theiß, der die Ukraine von Rumänien trennt. Plötzlich sind Flutlichter zu sehen.

Die ersten Zelte tauchen auf, Menschenmassen ebenfalls. Zahlreiche Helfer, Grenzbeamte, Ersthelfer, Medienvertreter tummeln sich vor der Brücke, über die vereinzelt Frauen und Kinder – zu Fuß oder mit dem Auto – aus der Ukraine kommen. Sie haben das Nötigste dabei, manche auch weniger. Sie werden empfangen mit warmem Tee, medizinischer Versorgung und Übersetzern, die versuchen, ihnen eine Weiterreise zu ermöglichen.

Mit dabei ist Michael Maier. Der 32-Jährige ist seit Samstagmorgen im Grenzgebiet und hat organisatorisch Einiges auf die Beine gestellt. Ihm haben die 48 Frauen und Kinder die Busfahrt nach München zu verdanken.

Helfer scheinen irgendwie Ordnung ins Chaos zu bekommen

Unterstützt wird er am Abend vom siebenköpfigen Team, das sich am Mittwoch von Rottweil aus auf die gut 1400 Kilometer lange Reise nach Rumänien aufgemacht hat. Darunter Marion Probst, die sich neben der großen Hilfsbereitschaft noch aus einem anderen Grund entschlossen hat mitzukommen. Sie hat von Michael Maier, ihrem Sohn, einen Tag nach Kriegsausbruch erfahren, dass er auf dem Weg nach Rumänien ist. "Da reagiert man als Mutter erstmal geschockt", sagt Probst. Ebenfalls mit dabei: Margot Fijalkowski und Elora Hug, die ebenfalls beschlossen haben, einen sozialen Beitrag zu leisten. Von Rottweil aus leisten Maximilian Reinhardt, Stefan Beck, Axel Keller sowie dessen Frau Hülya tatkräftige Unterstützung. Zurück zum Grenzübergang. Sirenen heulen auf, kurz darauf rauscht ein Krankenwagen vorbei, Kindergeschrei löst das Heulen der Sirenen ab. Es wirkt alles unfassbar chaotisch. Die Helfer aber scheinen irgendwie Ordnung in dieses Chaos zu bekommen.

Misi Cucicea arbeitet als Volunteer beim Roten Kreuz. Er berichtet von täglich 500 Menschen, die hier aus der Ukraine flüchten. Der Marsch bis zur Grenze muss für einige eine regelrechte Tortur sein. Alexandra Olariu, ebenfalls eine freiwillige Helferin aus Bukarest, berichtet von einer Frau, die barfuß über die Brücke kam. Sie verlangte nach Flipflops, da ihre Füße so arg schmerzten, dass es ihr nicht möglich war, ordentliche Schuhe anzuziehen. Wieder andere nutzten laut der 32-Jährigen die Gunst der Dunkelheit, um in eisiger Kälte durch den Fluss zu schwimmen.

Freiwillige funktionieren Gemeindegebäude in Spendenlager um

Später wird klar, wieso sie diese lebensgefährliche Aktion wagten. Von einigen Stellen wird uns zugetragen, dass die ukrainischen Grenzer von den Flüchtenden Geld verlangt haben sollen. Andernfalls schickten sie die Menschen wieder zurück in das vom Krieg gebeutelte Land. Sogar vom Gebrauch der Waffen sollen sie im Extremfall nicht zurückgeschreckt haben. Verifizieren ließen sich diese Vorwürfe nicht. Zu dunkel war es am Übergang. Auf der anderen Seite konnte man nichts erkennen. Doch brennende Grabkerzen an einem Zaun lassen erahnen, welches Elend und welche Not hier herrschen müssen.

Zum Glück für die flüchtenden Menschen herrscht eine gewaltige Hilfsbereitschaft – nicht nur am Grenzübergang, sondern auch einige Hundert Meter weiter in Sighetu Marmatiei. Dort haben anfangs etwa zehn, als der Rottweiler Spendenbus eintraf mindestens 100 freiwillige Helfer ein Gemeindegebäude kurzerhand zum Spendenlager umfunktioniert.

Als der Hauser-Bus vorfährt, sind die Helfer noch dabei, einen Lkw zu entladen. In einer unwahrscheinlichen Geschwindigkeit gelangen die vielen Pakete in das Gebäude. Als der Rottweiler Bus entladen wird, zeigt sich im Inneren des Gebäudes das Ausmaß der Hilfsgüter. Riesige Berge voller Spenden türmen sich hier auf. Und werden immer größer, als sich die zahlreichen Güter aus dem Neckartal dazugesellen. Es ist alles dabei: Nahrungsmittel, Klamotten, Süßigkeiten, medizinische Güter, Stofftiere, Schlafsäcke und sogar ein Zelt. Die Freude ist groß, auch bei Iona Alexe. Die 24-jährige Mutter ist mit ihrem kleinen Sohn angereist und versucht, die vielen Helfer etwas zu koordinieren.

Deutlich erschöpfte Flüchtlinge schlafen sofort ein

Gegen 23 Uhr, nachdem alle knapp 50 Flüchtlinge ihren Platz im Bus gefunden haben, nachdem Michael Maier alle Pässe soweit aufgelistet hat, setzt das Fahrer-Team um Armin Zepf, Jürgen Strauß und Seniorchef Hans Keller den humanitären Transport in Bewegung Richtung Deutschland. Die Passagiere, erschöpft von den Strapazen der vergangenen Tage, schlafen sofort ein. Sie werden von Freunden oder Familienangehörigen in München, Stuttgart oder auch Rottweil abgeholt, um für die nächste Zeit eine sichere Bleibe zu haben.