In Baden-Baden gibt es viele russische Zeitungen. Foto: dpa/Rolf Haid

Russen in Baden-Baden haben einen unterschiedlichen Blick auf das Geschehen. Viele kritisieren die Berichterstattung der deutschen Medien.

Baden-Baden - Sergey hat Geburtstag. An diesem Vorfrühlingswochenende hat er seine russische Verwandtschaft eingeladen, die in halb Europa verstreut lebt. Die Gruppe spaziert durch den Stadtpark von Baden-Baden. In der wohl russischsten aller deutschen Städte bestaunen sie das Palais Gagarin. Nein, sagt Sergey, er wolle nicht über die Situation reden, die gerade Schlagzeilen mache. Bitte nicht. So wie er reagieren viele.

 

Hannelore Kohl durch Moskau geführt

Janna will sprechen. Als Reiseleiterin habe sie schon die ehemalige Kanzlergattin Hannelore Kohl durch Moskau geführt, sagt sie, seit 2001 lebe sie in Deutschland und führe nun hier Touristen. Bestimmt mehr als 30-mal sei sie in der Ukraine gewesen. Es sprudelt geradezu aus ihr heraus.

„Mir tut das alles im Herzen weh“, sagt die 63-Jährige. „Aber warum haben die Europäer den Krieg erst jetzt gesehen? Warum nicht schon 2014? Warum hat Europa nicht gesehen, wie das Regime in Kiew mit den Menschen in den Volksrepubliken Donezk und Luhansk umgegangen ist?“, fragt sie. In Donezk und Luhansk seien die Menschen bereits in den letzten acht Jahren im Keller gesessen und hätten die Bomben des Kiewer Regimes ertragen. „Warum sieht Europa nicht, dass es ein Regime in Kiew unterstützt, das Nazis toleriert?“

Die Ukraine kann in die EU, nicht in die Nato

Sie sei, sagt Janna, nicht dagegen, dass die Ukraine Mitglied in der Europäischen Union werde. „Jedes Land kann frei entscheiden.“ Nato, nein, das lieber nicht. Aber die aktuelle Regierung in Kiew, die dürfe nicht an der Macht bleiben. „Sie stellen ihre Panzer in die Stadt und nehmen die Menschen als Schutzschild“, sagt Janna. „Das machen doch nur Terroristen.“ Die Zeit drängt. Eine Gruppe wartet auf die Führung. „Das sind Ukrainer“, sagt Janna, „die buchen mich seit Jahren.“

Mit ihrer Meinung ist Janna nicht alleine. Er sei Russe, sagt Victor, er sei gegen diesen Krieg und kein Freund von Putin. „Aber was ihr in den Medien hier erzählt, das ist nicht wahr.“ Victor holt sein Handy aus der Tasche und zeigt das Video einer jungen Frau, die durch Donezk spaziert. Sie erzählt von jahrelangem Beschuss durch ukrainische Soldaten und Scharfschützen, die auf Zivilisten zielen. Das Video wird auf den sozialen Netzwerken geteilt. „Alles ist wahr“, sagt Victor, „meine Nichte wohnt auch dort.“ Geboren ist Victor in Charkiw, zu Zeiten der Sowjetunion. Er habe noch Freunde dort, sagt Victor, und dass es „immer die kleinen Leute“ seien, die leiden müssten. In seinem Beruf hat es Victor tagtäglich mit vielen Menschen zu tun. Da sei er in der letzten Woche schon ein paarmal angefeindet worden, als blöder Russe, mit einem blöden Präsidenten.

Die Nato lässt die Ukraine im Stich

Vladislaw hat diese Anfeindungen nicht erlebt. Der 27-Jährige aus Rostow lebt seit 2004 in Deutschland. „Ich habe hier mit Jungs aus der Ukraine gegrillt und gekickt“, sagt er, jetzt tue es weh zu sehen, „wie Brüder auf Brüder schießen“. Vieles kann er nicht verstehen. „Die Nato hat die Ukraine acht Jahre unterstützt und lässt das Land jetzt im Stich“, sagt er. Jetzt, wo Russlands „kranker Präsident“ Soldaten schickt.

Seine Frau Sofija nickt zustimmend. „Ich weiß manchmal nicht, was ich glauben soll“, sagt sie. Die polnische Nachbarin habe ihr erzählt, wie in polnischen Medien berichtet wurde, dass russische Raketen gezielt ukrainische Kindergärten zerbomben. Glauben mag sie das nicht. Vieles andere auch nicht. Erst recht nicht glaubt sie daran, dass der Krieg eine Lösung sei. „Wo soll das enden?“