In Russland drohen ihm Gefängnis oder Militärdienst. Der 55-jährige Kirill ist in Furtwangen gestrandet, getrennt von seiner Familie. Foto: Markus Reutter

Kirill kam 2022 von Russland nach Furtwangen, um hier Urlaub zu machen. Kurze Zeit später, rief die russische Regierung die Mobilmachung aus. Das hat für Kirill alles verändert.

Seine Heimat ist Russland, dort hatte er Familie und Arbeit. Nun ist der 55-jährige Kirill in Furtwangen gestrandet. „Zurück kann ich nicht mehr“, meint er im Gespräch mit unserer Redaktion in gutem Deutsch. Das hat er sich in den vergangenen drei Jahren selbst beigebracht. „Eine schwere Sprache“, schmunzelt er.

 

Doch nach Lachen ist ihm nicht zumute. Seine Familie ist wegen des von Putin initiierten Kriegs in der Ukraine zerrissen. Sein Sohn sei vor der Mobilmachung ins Ausland geflüchtet. Seine Tochter studiere in den USA. Zuhause in Russland sei seine Frau verblieben, die sich dort um ihre Mutter kümmere.

Seit mehr als drei Jahren habe sich seine ganze Familie nicht mehr treffen können, sie stehe lediglich noch übers Internet in Kontakt. Von Furtwangen aus habe er bereits 2022 einen Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) am Standort Freiburg gestellt. Drei Jahre später: Erst im August sei er dazu vom BAMF angehört worden. Nun warte er auf den Entscheid der Behörde.

In Russland drohenHaft oder Militärdienst

Dass er mit Militärdienst oder Gefängnis bei einer Rückkehr nach Russland rechnen muss, ist für Kirill klar. So sei er Reserveoffizier. Bereits zwei Mal habe er nach der Mobilmachung Vorladungen von der russischen Militärbehörde erhalten, weiß er von seiner Frau. Außerdem habe er sich in seiner Zeit in Russland für die Opposition rund um Nawalny engagiert. Listen mit Namen von Nawalnys Unterstützern, auch mit seinem Namen, seien dem russischen Geheimdienst bekannt. Er wisse von vielen Personen, die in der russischen Opposition aktiv waren und deshalb eingesperrt wurden. Putin dulde keine Kritik, keine Opposition, und habe dementsprechend die Gesetze geändert.

Wie stehen seine Chancen auf Asyl in Deutschland? Soweit Kirill bekannt, würden Asylanträge von Russen häufig abgelehnt. Er selbst lernte bei seinem Asylantrag im Jahr 2022 bei der Landeserstaufnahmeeinrichtung in Freiburg eine Familie und eine Einzelperson aus Russland kennen, die ebenfalls Asyl beantragten. Bei beiden seien die Anträge mittlerweile abgelehnt worden. Von der Familie wisse er zumindest, dass sie gegen den Bescheid klage.

Keinerlei Sozialhilfe in Anspruch genommen

Kirill hat sich in Furtwangen gut integriert. In einer Nachbargemeinde hat er eine Teilzeitstelle gefunden, mit der er sich finanzieren könne, freut er sich. Er habe in der ganzen Zeit in Deutschland keinerlei Sozialhilfe in Anspruch genommen. Ein regelmäßiger Termin für ihn ist auch das wöchentliche Sprachcafé in Furtwangen, das von Hannelore Frank geleitet wird und in dem Migranten die deutsche Sprache üben können. Frank hat in Kirill eine willkommene Unterstützung gefunden. Er habe sie auch bei einem mehrwöchigen Urlaub bereits vertreten, betont sie seine Zuverlässigkeit und seine Fähigkeiten.

Derzeit bewirbt sich der 55-Jährige auf Vollzeitstellen, um seinen Verdienst aufzubessern. Er bringt reichlich Berufserfahrung mit. In Moskau habe er studiert, gearbeitet habe er unter anderem als Projektmanager, Kundenbetreuer und Abteilungsleiter. Bei bisherigen Bewerbungsgesprächen in Deutschland habe er häufig eine Absage erhalten mit dem Hinweis, er sei überqualifiziert.

Rückkehr keine Option

Was würde er tun im Fall einer endgültigen Absage seines Asylantrags? Eine Rückkehr unter dem Putin-Regime nach Russland ist für ihn keine Möglichkeit. Er werde deshalb vermutlich ein anderes Land suchen müssen, um dort hoffentlich in Sicherheit leben zu können. Wenn er in Deutschland abgelehnt würde, könne er vermutlich auch in keinem anderen europäischen Land mehr auf einen erfolgreichen Asylantrag hoffen.

Im Sprachcafé hat er auch Menschen aus der Ukraine kennengelernt. Mit denen habe er sich immer gut verstanden, weil sie sich in ihrer kritischen Haltung gegenüber dem heutigen russischen Regime einig waren. Er habe auch Russland-stämmige Menschen in Furtwangen und Umgebung getroffen. Mehrheitlich hätten sie Putins Politik abgelehnt. Er kenne aber auch eine Frau, die schon Jahrzehnte in Deutschland wohne, aber trotzdem Putin für gut und sein Handeln für richtig halte.

Opposition mundtot gemacht worden

Kirill erinnert sich mit Wehmut an seinen Vater in Russland, der ein Anhänger Putins sei. Wegen der unterschiedlichen Meinung sei es zum Bruch mit seinem Vater gekommen.

Wie lange zieht sich der Krieg in der Ukraine seiner Meinung noch hin? Darauf vermag Kirill keine Antwort zu geben. Er befürchtet aber, dass der Hass, der sich wegen des Krieges zwischen den Menschen in der Ukraine und Russland aufgebaut habe, noch lange nachhallen werde. „Ich schäme mich“, beteuert Kirill im Blick darauf, dass Russland die Ukraine angegriffen hat, auch wenn er selbst und viele Russen nicht dafür verantwortlich seien.

Auch in Russland sieht er keine Kraft, sich gegen das Putin-Regime zur Wehr zu setzen. Die Opposition sei mundtot gemacht worden, hinter Gittern oder getötet. Ein kritischer Blick auf die Politik werde nicht gepflegt. Vielmehr funktioniere die Kreml-Propaganda sehr gut.

China hat laut Kirill einen großen Einfluss auf Russland. Wobei er davon ausgeht, dass China kein Interesse hat, Russlands Krieg in der Ukraine beenden zu wollen.