Die Academy of St. Martin in the Fields und Joshua Bell setzen bei Russ Klassik auf Reduktion und Ausdruck.
Weltweit bekannt wurde er mit einem Experiment: Vor knapp zwei Jahrzehnten – damals feierte ihn die Klassikwelt schon als Superstar an der Geige – ist Joshua Bell während der Rushhour in einer U-Bahn-Station von Washington als Straßenmusiker aufgetreten. Das Ergebnis: Die meisten Menschen eilten an ihm und seiner Stradivari vorüber, eingenommen hat er fast gar nichts. So wenig kann große Kunst wert sein, wenn sie auf Marketing und Inszenierung, vor allem aber auf ihren angestammten Raum und ihr Stammpublikum verzichtet.
Am Dienstagabend ist der mittlerweile 58-jährige US-Amerikaner in Stuttgart mit dem Orchester aufgetreten, dem er seit fast fünfzehn Jahren als Musikdirektor vorsteht. Dass es sich dabei um die Londoner Academy of St. Martin in the Fields handelt, ist insofern bemerkenswert, als man dieses Orchester bis in die 1980er Jahre hinein vor allem wegen seiner zahllosen Schallplatteneinspielungen kannte, meist unter seinem Gründer Neville Marriner. Unter Joshua Bells Leitung stehen Aufnahmen nun nicht mehr im Fokus, und im Beethovensaal konnte man hören, warum.
Ganz gleich, ob Brahms‘ Violinkonzert gespielt wird, Schumanns „Frühlingssinfonie“ oder ein meditatives Werk („Earth“) des US-Amerikaners Kevin Puts: Joshua Bell treibt als Solist wie als Konzertmeister dem Romantischen wie dem Post-Romantischen alle Schwere und alles Kollektive aus. Stattdessen setzt er auf Leichtigkeit, Beweglichkeit, individuellen Ausdruck, auf ein Live-Musizieren im erfüllten Augenblick. Der Kollateralschaden: Etliche Einsätze und Phrasen der Streicher wie auch der unterschiedlichen Instrumentengruppen sind nicht präzise koordiniert. Was man hört, taugt nicht fürs Aufnahmestudio. Dafür ist aber mächtig Leben in der Bude.
Im sehr durchsichtigen Orchesterklang entdeckt man zahlreiche Details, die sonst oft verdeckt sind
Dass hier außerdem das Wuchtige, Mächtige oft ziemlich filigran daherkommt, hat auch mit der Besetzung des Orchesters zu tun, dessen Tuttigruppen mit zwölf Violinen, vier Bratschen und vier Celli klein besetzt sind. Die Balance mit den Bläsern ist zuweilen heikel, da knallt auch mal eine Soloflöte über Gebühr ins Ohr. Außerdem sorgt die dynamische Reduzierung auf manchen Strecken zumal des Brahms-Konzertes für eine gewisse klangliche Einförmigkeit, weil die starken Kontraste fehlen – das Orchester ist hier mehr Spielpartner als Gegenpart. Und wer bei Schumanns Erster auf den gewohnt warmen, satten, „deutschen“ Klang wartet, der wartet schon deshalb vergebens, weil das Bassfundament ein wenig unterrepräsentiert ist.
Gleichzeitig erinnert sich die Academy aber auch ihrer Wurzeln: Ursprünglich war sie eine reine Streichertruppe, die sich noch dazu so lange auf Barockmusik spezialisierte, bis die Konkurrenz der historisch informierten Ensembles zu stark geworden war. Den rhetorischen Ansatz, also die Idee einer Versprachlichung der Musik, spürt man aber noch heute. Und im sehr durchsichtigen Orchesterklang entdeckt man zahlreiche Details, die sonst oft verdeckt sind. Das gilt besonders für Brahms‘ op. 77, das Bell als Solist bis hin zu seiner fantasievoll zusammengefügten eigenen Kadenz mit feinem, agilem Ton gestaltet und mit delikaten klanglichen Schattierungen ausstattet.
Die hohen Piano-Töne des Geigers sind Zuckerl für Ohren-Gourmets. Sie machen sogar die gelegentlichen Kitschecken von Kevin Puts‘ Werk, in dem Orchester und Solist nach Chaconne-Art in großer Freiheit über einen Klangteppich aus Tönen von Harfe und Celli schreiten, zum reinen Genuss. Hätte Joshua Bell vor der Bühne einen Hut aufgestellt, so wäre dieser am Ende des Abends prall voll gewesen; als Mitglieder der Klassik-Blase kann uns dies freuen, aber auch nachdenklich machen.