Auf dem Cannstatter Wasen ist es in der ersten Woche rund gegangen. Foto: dpa

Das Stuttgarter Frühlingsfest verzeichnet laut dem Veranstalter einen so erfolgreichen Beginn wie nie zuvor. Knapp eine halbe Million Menschen kamen in der ersten Woche. Angestiegen ist dabei aber auch die Zahl der Einsätze von Polizei und Rotem Kreuz.

Das Stuttgarter Frühlingsfest verzeichnet laut dem Veranstalter einen so erfolgreichen Beginn wie nie zuvor. Knapp eine halbe Million Menschen kamen in der ersten Woche. Angestiegen ist dabei aber auch die Zahl der Einsätze von Polizei und Rotem Kreuz.

Stuttgart - Das Alter von Menschen zu schätzen ist so eine Sache. Besonders, wenn die Betroffenen kreidebleich und offenkundig sturzbetrunken sind. Die beiden Mädchen jedenfalls, die am frühen Abend vor einem Festzelt auf dem Boden sitzen, scheinen von der Volljährigkeit noch weit entfernt zu sein. Die Dirndl sind verdreckt, große Worte nicht mehr möglich.

Es läuft ziemlich flüssig auf dem Frühlingsfest. Und das nicht nur in Sachen Alkoholkonsum. Die späten Osterferien und das gute Wetter während der ersten Woche haben dem Wasen einen großen Ansturm beschert. Nicht nur Jugendliche haben die freie Zeit für einen Frühlingsfest-Besuch genutzt. „Wir hatten den stärksten Familientag aller Zeiten“, sagt Marcus Christen vom Veranstalter in.Stuttgart. Bereits morgens um 10 Uhr seien die Besucher am Mittwoch in Scharen auf den Wasen geströmt, so Christen, der sich gerade über diese Gäste sehr freut: „Die Familien sind wieder da.“

Aber nicht nur die. Knapp eine halbe Million Menschen ist bis Freitag aufs Festgelände gekommen. Laut Christen ist das der beste Auftakt in der Geschichte des Festes. Das liege nicht nur an den Ferien und warmen Temperaturen: „Das Fest hat inzwischen auch ein gutes Image. Es hat genauso wie das Volksfest in den vergangenen Jahren eine tolle Entwicklung genommen.“ Und ein paar gute Tage stehen noch bevor: Über den 1. Mai folgt das nächste lange Wochenende. Höchstens das Wetter, das bald kühler und nass werden soll, könnte die Bilanz der nächsten beiden Wochen bis zum Ende am 11. Mai trüben.

Auch beim Volksfest sind schon Tage ausgebucht

Zufrieden sind bisher auch die Festwirte. „Das war ein guter Start. Abends ist das Zelt immer voll, an allen Wochenenden und Feiertagen ausgebucht“, sagt Theo von Pagliarucci vom Festzelt Wasenwirt. Dass das Feiern auf den Bierbänken mittlerweile schwer angesagt ist, zeigt sich nicht nur an den zahlreichen Dirndl und Lederhosen der Besucher, sondern auch an den Reservierungen: Beim Volksfest, das Ende September beginnt, sind in den Zelten bereits jetzt mehrere Tage komplett belegt. „Wir haben unser Reservierungssystem am 15. März geöffnet. Die Samstage waren innerhalb einer Woche ausverkauft“, sagt von Pagliarucci.

Bei so viel Andrang bleibt auch die Kehrseite nicht aus. Vielen Clubs und Kneipen in der Stadt wird der Trachten-Trend mittlerweile verdächtig – sie verbieten den Zutritt in Lederhose oder Dirndl kurzerhand. Auch, weil eine solche Kluft oftmals einen Hinweis darauf gibt, dass der Träger oder die Trägerin bereits ordentlich einen über den Durst getrunken hat. Taxifahrer und Mitarbeiter der Zelte berichten, dass nicht nur das Fest so voll ist wie nie zuvor, sondern auch so mancher Besucher.

Das zeigt sich auch beim Alkoholverkauf in den Supermärkten rund um den Wasen. Bereits am späten Vormittag ist dort zeitweise der Andrang groß gewesen. „Es wird kräftig vorgeglüht“, weiß auch Marcus Christen. Betrunkene Jugendliche gebe es immer häufiger. Das sei aber ein allgemeines gesellschaftliches Problem. Veranstaltungen auf dem Wasen wie die Realschulparty am 8. Mai oder eine Party namens Abi-Attack seien für die in.Stuttgart und die Polizei kein Problem. Sie ließen sich beherrschen.

Die Rettungskräfte jedenfalls haben bisher alle Hände voll zu tun. „Wir verzeichnen eine deutliche Zunahme von Einsätzen und Hilfeleistungen“, sagt Udo Bangerter vom Roten Kreuz. Und die Polizei spricht gar von einer knappen Verdoppelung der Anzeigen im Vergleich zum Vorjahr auf rund 250. Dabei seien alle gängigen Delikte vertreten. Immerhin: Mehr Gewahrsamnahmen wegen Volltrunkenheit oder eine Zunahme schwerer Gewaltvorfälle habe es nicht gegeben, so ein Sprecher. Bei mehr Leuten auf dem Platz spürten das eben auch die Helfer.

Die haben sich auch um die beiden Mädchen im Dirndl vor dem Festzelt gekümmert. Alleine gehen war nämlich eher schwierig.

Hintergrund

Jugendschutz auf dem Wasen

Die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart gibt vor, wann sich Kinder und Jugendliche auf dem Wasen aufhalten dürfen. Wer jünger ist als 14 Jahre, darf nach 20 Uhr nur noch in Begleitung von Erziehungsberechtigten auf dem Festgelände sein. Ab 22 Uhr gilt das auch für Jugendliche unter 16 Jahren.

Die Betreiber der Festzelte regeln den Zugang unterschiedlich. Zum Teil lassen sie Jugendliche unter 16 Jahren nicht allein ins Zelt, zum Teil überhaupt keine Minderjährigen ohne Begleitung der Eltern. Im Zweifel erfolgen an den Zugängen Ausweiskontrollen.

Das Ordnungsamt führt vor den Festen auf dem Wasen Gespräche mit den Festwirten und anderen Gastronomen. „Sie sind für das Thema sensibilisiert und schulen ihr Personal. Die Ordner wissen überall Bescheid“, sagt Martin Treutler. Der Leiter der Gewerbe- und Gaststättenbehörde der Stadt lobt die Wirte, weiß aber auch, dass trotz Kontrollen immer wieder Jugendliche in die Zelte gelangen, die dort nichts verloren haben. Ein weiteres Problem: Viele kommen bereits betrunken aufs Gelände. „Die Flaschensammler rund um den Wasen machen gute Geschäfte“, sagt er. Die Zugangsstrecken sind regelmäßig mit Flaschen und leeren Getränkeboxen reichlich gepflastert.

Stadt und Polizei schicken regelmäßig jugendliche Testkäufer auf den Wasen, um herauszufinden, wo sie an Alkohol kommen. Ein erster Besuch ist in den vergangenen Tagen bereits erfolgt. „Es hat Verstöße gegeben, aber das Ergebnis war nicht schlecht“, sagt Treutler. Die Quote sei bei rund 20 Prozent gelegen. Weitere Testbesuche werden in den nächsten zwei Wochen folgen – ebenso wie eine abschließende Bilanz und Ansprachen an die ertappten Sünder. Für die können Verstöße gegen den Jugendschutz teuer werden.

Auch die Polizei und die Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart versuchen, Jugendliche für die Gefahren durch Alkohol zu sensibilisieren. Immer wieder gibt es Präventionsaktionen. Dennoch bleibt das Problem allgegenwärtig. Speziell das, was außerhalb des Festgeländes passiert, etwa schon bei oder vor der Anreise, lässt sich schlecht beeinflussen. (jbo)

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