Das Tor auf dem großen Andachtsplatz soll die Offenheit nach allen Seiten symbolisieren, wie Nicole Schmid, Standortbetreuerin des „RuheForst“ Zollerblick, erläutert. Foto: Benjamin Roth

Bestattungen in der Natur werden zunehmend beliebter. Nun wird der Bereich mit Ruhebiotopen im „RuheForst“ in Hechingen gar erweitert. Ein Blick in den etwas anderen Friedhof.

Der Totensonntag, dieses Jahr am 23. November, ist der letzte stille Sonntag vor der hektischen Adventszeit. Als fest verankerter Gedenktag im evangelischen Kirchenjahr bietet er die Möglichkeit des Gedenkens an die Verstorbenen und des Innehaltens. Dass viele Menschen sich bereits in jungen Jahren Gedanken über ihre letzte Ruhestätte machen, bestätigt Nicole Schmid, Standortbetreuerin des „RuheForst“ Zollerblick.

 

Regelmäßig führt sie Interessierte aller Altersklassen durch den Mischwald nahe des Schloss Lindich und berät zu den sogenannten Ruhebiotopen. Seit 2017 gibt es den „RuheForst“ in Hechingen, er wurde für eine Dauer von 100 Jahren angelegt. Sprich: Wer sich im Jahr 2025 dort beerdigen lässt, hat ein Bestattungsrecht für noch 92 Jahre.

„Die Nachfrage nach Ruhebiotopen war von Anfang an da, hat in den vergangenen Jahren aber nochmal zugenommen“, informiert Schmid. Bei vielen Menschen bestehe der Wunsch, nach ihrem irdischen Tod in die Natur zurückzukehren.

Wöchentlich Bestattungen

Pro Woche finden in der Regel zwei bis sechs Bestattungen im „RuheForst“ Zollerblick statt. Das Besondere: Die Trauerfeiern können individuell gestaltet werden. Die einzige Voraussetzung ist, dass die Bestattung in einer Urne stattfinden muss. „Wir hatten hier schon sehr unterschiedliche Trauerfeiern – ob mit Klavier oder Musik aus Lautsprechern, alles ist möglich“, betont Nicole Schmid, die vor Ort unter anderem die Ansprechpartnerin für die Bestatter ist.

Fällt ein Baum um, bleibt er liegen. Das Konzept des „RuheForst“ Zollerblick sieht vor, die Natur in ihrem Urzustand zu belassen. Foto: Benjamin Roth

Für die Trauerfeiern stehen zwei Andachtsplätze zur Verfügung, die sich in ihrer Art und ihrem Umfeld unterscheiden und von den Trauernden geschmückt werden dürfen. Sogar die Urne ihrer Angehörigen dürfen die Trauernden, wenn gewünscht, selbst zur Ruhestätte tragen.

Ruhebiotope gibt es in verschiedenen Arten – auch als Stein. Foto: Roth

Nicht umsonst sagt Schmid: „Unser Konzept ist ein anderes als das von klassischen Friedhöfen.“ Beispielsweise ist Grabschmuck ausdrücklich verboten, lediglich zur Trauerfeier darf welcher mitgebracht werden. „Werden später Blumen oder andere Andenken an den Ruhebiotopen angebracht, muss ich sie leider entfernen.“ Die dadurch entfallenden Verpflichtungen für die Grabpflege seien wiederum für viele Menschen ein Grund, sich im „RuheForst“ bestatten zu lassen. Die Grabpflege übernimmt im „RuheForst“ die Natur.

Kreislauf der Natur

Heißt: Die Waldfläche soll in ihrer ursprünglichen naturgemachten Art nicht verändert werden. Umgestürzte Bäume werden liegen gelassen, es sei denn, sie stellen eine Gefahr für die Waldbesucher dar. „Dieser natürliche Kreislauf hat auch einen symbolischen Wert“, informiert Schmid. Der „RuheForst“ ist dazu ein Bannwald, sprich: es wird nicht gejagt oder Holz geerntet. Waldeigentümer ist die Unternehmensgruppe Fürst von Hohenzollern, Betreiber die „RuheForst“ GmbH, die bundesweit zahlreiche weitere Standorte im Portfolio hat.

Rund 800 Ruhebiotope

Doch zurück zu den Ruhebiotope: Von Buchen über Kiefern und Kirschen bis hin zu Totholz, Baumstümpfen und Steinen gibt es knapp 30 unterschiedliche Bestattungsmöglichkeiten. Pro Ruhebiotop, insgesamt sind es in Hechingen rund 800, gibt es in der Regel zwölf Bestattungsplätze. Gewählt werden kann zwischen einem Gemeinschafts- oder Familien- respektive Freundschaftsbiotop. Bei letzterem erwirbt man zwölf Plätze, die frei im Bekannten- und Verwandtenkreis verteilt werden können. Je nach Dimension des Ruhebiotops, sprich der Größe des Baumes, variiert auch der Preis. Vier sogenannte Wertstufen gibt es insgesamt.

Grabstätte als Erinnerung

Und wie wählen die Menschen ihre Ruhestätte im „RuheForst“ aus? „Das ist ganz unterschiedlich, häufig aber mit persönlichen Erlebnissen verbunden“, spricht Nicole Schmid von ihren Erfahrungen. Manche wählen beispielsweise eine Tanne, weil sie eine solche im Garten stehen hatten. Sie berichtet aber auch von einem Schreiner, der berufsbedingt unbedingt an einer Buche beerdigt werden wollte.

Weites Einzugsgebiet

Kurz gesagt: Die Individualität macht den „RuheForst“ aus. Beerdigt sind dort Menschen aus einem Einzugsgebiet von Albstadt über Bisingen bis Mössingen im Alter von über 100-Jährigen bis zu ungeborenen Kindern. Für jene ist mit dem Regenbogenwald gar ein eigener Bereich geschaffen worden. Der „RuheForst“ in Hechingen – eben kein gewöhnlicher Friedhof.

Weitere Ruhebiotope im Parkplatzbereich

Erweiterung
Der Grabstättenbereich im „RuheForst“ Zollerblick wird im Frühjahr 2025 nochmals erweitert. Nahe des Parkplatzes werden weitere Ruhebiotope angelegt. „Einige Menschen können oder wollen nicht so weit zum Grab ihres Angehörigen gehen“, erläutert Nicole Schmid die Hintergründe. Noch müssen in dem neuen Bestattungsbereich einige Wege angelegt, Parkbänke aufgebaut und ein weiterer kleiner Andachtsplatz gestaltet werden.