Zwei Rüstungsmessen zeigen, wie sich das Image der Branche durch die Zeitenwende verändert. Beim Besuch wird auch klar, wie viel Militärtechnik aus Baden-Württemberg kommt.
Der Wochenendausflug mit den Kindern führt im tschechischen Brno (Brünn) auf die Rüstungsmesse IDET. Gemeinsam mit anderen Zivilisten und natürlich Militärvertretern trifft man sie bereits in der Schlange vor den Metalldetektoren, wie man sie von Flughäfen kennt. Das Spektakel für Fachleute und Familien findet alle zwei Jahre im Messezentrum und an der Militäruni statt. Dass es sich keineswegs um eine reine Fachmesse handelt, davon zeugen die vielen Plakate in der mährischen Stadt, die zum Besuch einladen.
Dem bunt gemischten Publikum wird einiges geboten: in den Messehallen die aktuellsten Waffensysteme, im Außenbereich Panzer, Trucks und weitere Fahrzeuge der tschechischen Armee, Polizei und Feuerwehr, außerdem ein Brückenleger namens „Biber“ und ein Rheinmetall-Radpanzer vom Typ „Boxer“. Fallschirmspringer springen aus einem kreisenden Hubschrauber und landen unter Applaus von den prall gefüllten Zuschauerrängen auf einer eingezäunten Fläche vor der Haupthalle.
Waffe im Anschlag
Waffen als Showelement, Krieg zum Anfassen: in Brno wirbeln Soldaten der Hradní stráž („Burgwache“) mit aufgepflanzten Bajonetten ihre verchromten Gewehre herum, werfen sie in die Luft und setzen sie geräuschvoll auf dem Boden ab. Wer mag, kann derweil auf einen Kampfpanzer – Typ Leopard 2 A4 – klettern und einen Blick ins Innere werfen. Kein Spielplatz: der Blick ins Innere macht deutlich, wie eng es in so einem Kampfpanzer zugeht, der von der Ukraine im Verteidigungskampf gegen Russland genutzt wird.
Auf einer Rüstungsmesse ist der Krieg ständig präsent. Und doch erlebt man in Brno einen für deutsche Verhältnisse lockeren Umgang mit dem Kriegsgerät. Einige Stände locken mit Kaffee oder Bier Interessierte an, denen man auf Wunsch ein Gewehr in die Hand drückt. Am Stand des tschechischen Waffenherstellers CZ hört man den ganzen Tag das herzhafte Geräusch durchgeladener Gewehre, gefolgt von dem leiseren Klicken durchgedrückter Abzüge. Durchladen, Anlegen, Abdrücken: Klick-Klack-Tick. Klick-Klack-Tick.
Blankoscheck für die Rüstung
Am selben Stand probieren Interessierte die Pistole mit dem Namen Shadow 2 Compact aus. Das ausgestellte Exemplar mit blau-silber eloxierten Aluminiumgriffschalen kostet etwa 1 800 Euro und ist damit eher nichts für die Streifenpolizei. In Tschechien pflegt man auch privat ein anderes Verhältnis zur Waffe als hierzulande. Eine gute Viertelmillion Tschechen mit entsprechender Lizenz darf zur Selbstverteidigung eine Schusswaffe tragen. Das sind immerhin 2,4 Prozent der Bevölkerung.
Seit mehr als drei Jahren herrscht wieder Krieg in Europa. Der Ex-Bundeskanzler Olaf Scholz hat sein Wort von der Zeitenwende mit 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr unterstrichen, die neue Bundesregierung mit einem Blankoscheck für die Verteidigungsausgaben nachgelegt. Das erklärt das neue Interesse an Rüstungs- und Militärthemen – zumal viele in Europa Angst vor einem weiteren Angriff Russlands haben. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg und seinen Werkzeugen kann man da nicht länger Anderen überlassen.
Auf der zeitgleich in Bonn stattfindenden AFCEA-Messe ist der Krieg ein bisschen weiter weg als in Brno, jedenfalls geografisch. Man trifft man hier keine Kinder und Familienväter, sondern Menschen in Uniform – und solche, die man eher bei einer Hackerkonferenz erwarten würde. Weil es bei der Bonner Messe um Cyberkrieg und IT geht, gibt es keine Artilleriesysteme oder Panzer zu sehen, dafür Software, Drohnen und Satellitentechnik. Auch das gehört zum modernen Krieg dazu.
Statt Bier gibt es Cocktails und Frozen Yoghurt und Lobbyisten knüpfen Kontakte mit Bundeswehrangehörigen. Am Stand des Oberndorfer Schusswaffenherstellers Heckler & Koch bleibt das einzige Gewehr an der Wand hängen. Herumgereicht wird stattdessen ein gut acht Zentimeter langes Stück Plastik, das die Menge der abgefeuerten Schüsse und Fehlfunktionen zählt. Das ist nützlich für die Statistik und die Wartung.
Baden-Württemberg als Rüstungszentrum
Der Aufschwung der Rüstungsbranche ist auch in Bonn greifbar. Sie ist raus aus der Schmuddelecke, wird längst auch von Spitzenpolitikern der Grünen oder SPD gelobt. Viele Unternehmen, die ihre Aktivitäten in diesem Bereich früher lieber verschwiegen, gehen heute offen damit um. Eine Art Goldgräberstimmung hat den Sektor erfasst. Und auf den Messen werden buchstäblich schwere Geschütze aufgefahren: ein neuer Panzerjäger auf Basis des von Daimler Trucks entwickelten Unimog-Fahrwerks, ein neuer Leopard-Panzer, Modelle von Drohnenbooten und ein Roboterhund, der unter anderem vom SEK Baden-Württemberg eingesetzt wird.
Der Südwesten ist keineswegs nur Abnehmer dieser Technologien. Auf den Messen sieht man Fahrwerke von Daimler Truck und einen von der Firma Telerob in Ostfildern angebotenen Roboter zur Kampfmittelräumung. Auch tragbare Radarsysteme von Thales in Ditzingen, Satellitentechnik von ND Satcom in Immenstaad, Elektrik für Panzer (KNDS in Konstanz) und Drohnencontroller von Roda im badischen Lichtenau werden angeboten – alles made in Baden-Württemberg. Sie sind einige jener „potenten Rüstungsfirmen“, die Ministerpräsident Winfried Kretschmann erst diese Woche bei einem Podiumsgespräch in Stuttgart als „enormen Wachstumsbereich“ herausgehoben hatte.
Ähnlich wie in der Autobranche sind viele dieser Unternehmen eng miteinander verwoben, weil moderne Waffensysteme so komplex sind und keiner alles alleine bauen kann. Ein Eurofighter hat beispielsweise Rumpfteile aus England und Bayern, fliegt mit einem linken Flügel aus Italien und einem rechten aus Spanien.
Und mit baden-württembergischer Technik: Missionsdaten laden Piloten mithilfe von Thales-Verschlüsselungssystemen aus Ditzingen hoch, sie navigieren mit einem System von Litef aus Freiburg und zielen mit einem in Immenstaad hergestellten Hensoldt-Radar. Verschossen werden Raketen von Diehl aus Überlingen oder 27-mm-Patronen mit einer Maschinenkanone aus Oberndorf. Deshalb vernetzt sich die Branche auf Messen wie in Bonn und Brno, nicht zuletzt mit Startups auf Investorensuche.
Fast nirgends wird die Zeitenwende so gut greifbar wie bei solchen Veranstaltungen. Es geht um Kampf und Tod, Innovation und Big Business – und den Umgang damit. Für junge Menschen gilt das ganz besonders. Und ein paar Kinder trifft man in Bonn dann doch: eine Schulklasse besucht die Messe im Rahmen ihres Unterrichts. Im ehemaligen Plenarsaal des Bundestags lauschen die Schüler einer Debatte zur digitalen Verteidigung. Cyberkrieg als Unterrichtsthema, dazu die Wehrpflicht-Debatte: selten schien es logischer, mit Kindern eine Rüstungsmesse zu besuchen.