Bei der italienischen Version des Schützenpanzers Lynx kooperiert Leonardo mit Rheinmetall. Foto: AFP/AXEL HEIMKEN

Der Chef des Rüstungskonzerns Leonardo, Roberto Cingolani, setzt auf die Digitalisierung und europäische Allianzen. Dazu gehört ein großes Panzerbündnis mit Rheinmetall.

Jahrzehnte galten Rüstungskonzerne als Schmuddelkinder, mit denen man lieber nichts zu tun hatte. Das hat sich durch den Ukraine-Krieg geändert. Einer der Hauptnutznießer des Branchenbooms ist der italienische Leonardo-Konzern, der gerade eine große Panzer-Allianz mit der deutschen Rheinmetall geschmiedet hat.

 

Hintergrund: Italien will mehr als 200 Kampfpanzer vom Typ Panther und 350 Schützenpanzer vom Typ Lynx bei den Deutschen bestellen. Rheinmetall verpflichtet sich dafür, einen italienischen Fertigungsanteil von 60 Prozent sicherzustellen.

Der Konzernchef hat nennt mehr als 100 Patenten sein eigen

Unter Roberto Cingolani (62) hat Leonardo deutlich an Dynamik gewonnen. Der temperamentvolle Physiker, der von 1989 bis 1991 am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Festkörperforschung gearbeitet hat und von 2005 bis 2019 wissenschaftlicher Direktor des Genueser Forschungsinstituts Istituto Italiano di Tecnologia (IIT) war, ist seit Mai 2023 Leonardo-Chef. Unter Premierminister Mario Draghi war er Minister für die ökologische Transformation. Auch Draghis Nachfolgerin Giorgia Meloni schätzt ihn sehr. Sie bot ihm einen Ministerposten an, den er aber ablehnte.

Cingolani, der selbst mehr als 100 Patente hat und Experte für Robotik und Künstliche Intelligenz ist, setzt auf Digitalisierung und europäische Allianzen. Im Panzerbau wollte er zunächst ein Bündnis mit der deutsch-französischen KNDS (Krausss-Maffei-Wegmann/Dexter). Doch als man sich nicht einigen konnte, schwenkte er um auf Rheinmetall. Gemeinsam mit den Deutschen will er am Panzerkonzept der Zukunft mitwirken. Doch als Ersatz für den in die Jahre gekommenen Schützenpanzer Dardo und den ebenso veralteten Kampfpanzer Ariete will Italien jetzt erstmal den Panther und den Schützenpanzer Lynx von Rheinmetall. Bei deren italienisierter Version kommen Fahrgestell und Motoren von Rheinmetall, Elektronik, Geschützturm und Kanone von Leonardo.

In der Raumfahrt will Leonardo auch mitmischen

Rheinmetall-Chef Armin Papperger will die Position in Italien seit Jahren ausbauen. Der Konzern hat fünf Werke im Land und will ein „Netzwerk mit italienischen Unternehmen schaffen.“ Rheinmetall-Italien-Chef Alessandro Ercolani hat vor einiger Zeit bei einer Anhörung vor dem Parlament in Rom angeboten, „zusammen mit den nationalen Champions der Verteidigungsindustrie das größte europäische Landzentrum zu errichten, das es Italien ermöglichen wird, nicht nur im Bereich der Avionik und der Marine, sondern auch im Bereich der Landtechnik eine führende Rolle zu spielen.“ Auf dem Weg dazu sind die beiden Partner nun ein gutes Stück vorangekommen. Leonardo will sich auch auf nationaler Ebene stärken: Die Übernahme der Iveco-Rüstungssparte Iveco Defence Vehicles in Bozen steht angeblich kurz bevor.

Cingolani setzt auch sonst auf Bündnisse: In der Raumfahrt diskutiert er nach eigenen Worten aktuell über eine große europäische Allianz mit Airbus und Thales beim Bau von Satelliten. Bereits jetzt arbeiten die französische Thales und Leonardo im Joint Venture Thales Alenia Space zusammen, an dem die Italiener mit 33 Prozent beteiligt sind. Im Dienstleistungssektor (Telespazio) sind die Kräfteverhältnisse umgekehrt. Und in der Rüstungselektronik hat Leonardo über die Beteiligung von 25,1 Prozent an Hensoldt auch ein starkes Standbein in Deutschland.

Der Aktienkurs von Leonardo explodiert geradezu

Beim Raketenbauer MBDA arbeitet Leonardo schon seit vielen Jahren mit Partnern wie Airbus und Bae Systems zusammen. Ein weiterer Schwerpunkt des italienischen Unternehmens ist der Hubschrauberbau. Die US-Tochter Agusta Westland kooperiert mit Sikorski und Bell. In der Luftfahrt sind die Italiener bei der Endmontage des US-Kampfjets F-35, beim Eurofighter-Konsortium und beim Regionalflugzeugbauer ATR dabei. Gemeinsam mit Großbritannien (Bae Systems) und Japan (Mitsubishi) entwickeln sie mit dem Tempest ein Kampfflugzeug der Zukunft. Der Tempest steht in Konkurrenz zu dem europäischen Kampfflugzeug Future Combat Air System (FCAS), ein französisch-deutsch-spanisches Projekt unter französischer Federführung. Wer mag, kann darin einen Widerspruch zum Bekenntnis zu europäischen Projekten und der Forderung nach einem großen europäischen Rüstungsprogramm nach dem Muster des Europäischen Wiederaufbauprogramms namens Next Generation sehen.

Der umtriebige Cingolani denkt aber auch an die wirtschaftliche Seite. Die Aktionäre des zu 30 Prozent staatlichen Unternehmens sollen in Form von Dividenden und Aktienrückkaufprogrammen angemessen am Erfolg des Unternehmens, das stark vom Nachfrageboom in der Rüstungsbranche profitiert, beteiligt werden: In Form von steigenden Dividenden und Aktienrückkaufprogrammen. Der Aktienkurs explodiert geradezu. Binnen eines Jahres hat er um 106 Prozent zugelegt. Die Kapitalisierung liegt bei 13,5 Milliarden Euro.

Glänzende Aussichten

Perspektiven
An der Börse ist Leonardo einer der großen Gewinner. Und Analysten sehen auch die zukünftigen Perspektiven rosig. Fast alle raten zum Kauf. David Perry von J.P. Morgan hebt vor allem die „über viele Jahre positiven Aussichten“, den soliden Ausblick sowie die Perspektiven steigender Margen und Dividenden hervor. Kennzahlen
Leonardo kam 2023 auf einen Umsatz von 15,3 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 658 Millionen Euro. Die Auftragsbücher sind voll und decken mehr als einen Jahresumsatz ab. Bis 2028 sollen der Umsatz auf 21 Milliarden Euro und die Rendite von 8,4 auf 11,5 Prozent verbessert werden.