Wenn es im Theater kracht, blitzt und brennt, steckt meistens Achim Blitzer dahinter. Er ist als Rüstmeister bei den Stuttgarter Staatstheatern für Rüstungen, Waffen, Pyrotechnik und für manchen Illusionszauber zuständig – und rennt auch schon mal in Flammen über die Bühne.
Nimm diesen Stich! Ein Schauspieler sinkt zu Boden. Ein Sänger liegt in seinem Blut. Ein Tänzer zieht eine Klinge aus dem leblosen Körper seines Kollegen. Applaus! Der Tote steht auf, verbeugt sich vor dem Vorhang. Von denjenigen, die sein nur scheinbares Ableben verantworten, sind die meisten längst zu Hause. Nur einer ist auch abends da. Zum Beispiel, um die Auslöser der Pistolen „bei den zarten Ballettdamen“ vorzuspannen. Und falls ein Akteur auf der Bühne zu schießen vergisst oder falls eine Platzpatrone nicht losgeht, sorgt er von außen für einen Ersatz-Knalleffekt. „Wenn jemand erschossen wird, haben wir immer Dienst“, sagt Achim Bitzer, „wenn jemand vergiftet wird, nicht.“
Bitzer ist Rüstmeister an den Stuttgarter Staatstheatern. Gemeinsam mit vier Kolleginnen und Kollegen – in Stuttgart gibt es die größte Rüstmeister-Abteilung der deutschsprachigen Theaterlandschaft – ist er zuständig für die Fertigung von Rüstungen („Die sehen aus wie im Original, sind nur viel leichter. Sonst würden Sänger oder Schauspieler nach zehn Minuten unter dem Gewicht zusammenbrechen“). Und für Waffen, Flammenwerfer, Theaterblut, für Pyrotechnik wie für die Untergestelle und Drahteinlagen von Röcken, Perücken, Flügeln, Hüten und historischen Krägen. Er ist Handwerker, Tüftler, Illusionskünstler. Seit einiger Zeit ist Rüstmeister kein Lehrberuf mehr, in Deutschland gibt es nur etwa 50 davon. Eine Stuttgarter Rüstmeisterin ist gelernte Silberschmiedin, Bitzer selbst ist Werkzeugmacher, war auch mal Zeitsoldat, spricht vom Learning by Doing.
Was es (noch) nicht gibt, wird halt erfunden
Vor allem aber ist Achim Bitzer eine Art Daniel Düsentrieb. Geht nicht – gibt’s nicht, und was es (noch) nicht gibt, wird halt erfunden. Eine Armbrust oder ein Bogen, deren Pfeile niemanden verletzen können, weil sie die Waffen gar nicht verlassen? Ein beweglicher Schwanz fürs Katzenkostüm? Ein stumpfes Messer, bei dem ein Teil so scharf sein muss, dass man ein Seil damit durchtrennen kann? Eine Sicherheitsfackel, die ausgeht, sobald man sie loslässt? Alles kein Problem. Den brennenden Mann, der zuletzt bei Schillers „Räubern“ über die Bühne laufen musste, hat Achim Bitzer sogar selbst gegeben. „Das“, sagt er, „hat Laune gemacht“ – auch bei dem Kollegen, „der mich danach löschen musste“. Zur Sicherheit sind bei Vorstellungen immer drei Feuerwehrleute vor Ort, „aber wir haben bei denen einen guten Ruf“. Nur einmal hat ein Feuerwehrmann plötzlich Angst bekommen und übervorsichtig den eisernen Vorhang heruntergelassen. Passiert ist aber nie etwas. Kein Brand, keine Verletzung. Nach einem Feuer, das die Rüstmeister entzündet haben, gibt es nicht einmal Rückstände: Die rasch entflammbare Nitro-Zellulose, mit der sie arbeiten, verbrennt vollständig.
Die zentrale Waffenkammer ist ein fensterloser Kellerraum im Staatstheater-Gebäude: Hier werden Gewehre und Pistolen aller Kaliber und Epochen aufbewahrt. Messer mit versenkbarer Klinge, Messer mit einem eingearbeiteten füllbaren Ballon, der, wenn er gedrückt wird, aus der Scheide dunkelrotes Theaterblut tropfen lässt. Messer, die beides kombinieren – das sieht täuschend echt aus. Es gibt auch ein Messer, das scheinbar tief ins Fleisch hineinschneidet: ein Werkzeug aus der Illusionisten-Trickkiste. Ein Schussapparat ahmt mithilfe von Gewichten, die auf Platzpatronen fallen, täuschend echt das Geräusch eines Maschinengewehrs nach. In Regalen liegen Handschellen und Handgranaten.
In zwei Jahren ist der Rüstmeister ein rüstiger Rentner
In der Werkstatt der Rüstmeister steht in der Ecke sogar ein 3-D-Drucker. Mit dem arbeiten aber nur jüngere Kollegen. Achim Bitzer selbst macht alles mit der Hand – und nimmt zumindest im Kopf die Arbeit abends immer mit: „Bei mir gibt’s keine Trennung mehr zwischen Theater und Zuhause – fragen Sie meine Frau.“ Nur an Silvester ist es bei Bitzers still. Anstatt zu tun, was jeder sofort vermuten wird, nämlich auf dem Balkon ein Zauberwerk der Pyrotechnik abzufackeln, sitzt man (kaum zu glauben!) zusammen mit dem Hund still drinnen und wartet ab, bis alles vorbei ist.
In zwei Jahren ist Bitzer rüstiger Rentner. Und dann? „Manchmal macht Schaffen richtig Spaß“, sagt der Rüstmeister lachend. Er wird weiter an Waffen und Pyrotechnik herumbasteln, und so dürfte auch zukünftig noch manches Knallbum aus seiner Tüftlerstube auf den Bühnen der Stuttgarter Staatstheater zu erleben sein. Und notfalls trickst Bitzer eben zu Hause ein bisschen herum. Es wäre doch ein toller Aprilscherz, wenn er auch mal im heimischen Wohnzimmer tun würde, was ihm im Theater schon mit großer Wirkung gelungen ist: Glühbirnen mit einer Sprengladung versehen und dann so zerspringen lassen, als hätte sie jemand zerschossen. Wäre das ein Spaß!