Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, gibt im Innenhof seiner Residenz in München,ein Statement vor der Presse. Marx hat zuvor Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. Foto: Peter Kneffel/dpa

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx hat Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten. Ein Fanal und zugleich Menetekel für die Kirche, meint unser Kommentator.

Stuttgart/München - München ist derzeit der Nabel Deutschlands: Erst tritt mit Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge die Top-Riege des FC Bayern München ab – und jetzt mit dem Münchner Kardinal Reinhard Marx die Führungsfigur der katholischen Kirche.

Was für ein Paukenschlag! Was für ein Desaster! Der Oberhirte, der sich wie kein anderer im deutschen Episkopat vom Konservativen zum Reformer gewandelt hat, bietet seinem Mentor Papst Franziskus den Rücktritt als Erzbischof an.

Lesen Sie weiter: Rücktritt von Kardinal Reinhard Marx – Der Lotse geht von Bord

Bitterkeit und Frust, Enttäuschung und Erschöpfung

Der Brief an den Pontifex lässt tief in die Seele des 67-Jährigen blicken. Bitterkeit und Frust, Enttäuschung und Erschöpfung sind daraus zu lesen. Ein Satz ragt ganz besonders hervor: Die katholische Kirche sei an einem „toten Punkt“ angekommen, schreibt Marx.

Der Baustellen, die er als Erzbischof zu betreuen hat, sind viele und große – allen voran der Endlos-Konflikt um den sexuellen Missbrauch durch Geistliche. Dass es in dieser für die Identität und Zukunft der Kirche so substanziellen Frage nur sehr schleppende Fortschritte gibt, dürfte Marx letztlich die Kraft und den Mut zum Weiterkämpfen genommen haben.

Unsägliches Weiter-so in der Kirche

Dass er jetzt seine beispiellose Karriere hinwirft, um ein klares Zeichen gegen das unsägliche Weiter-so in der Kirche zu setzen, gebührt höchsten Respekt. Marx’ Rücktrittsgesuch ist ein Fanal und zugleich Menetekel:

Wenn die Kirche es weiter ablehnt, ihre Bastionen gegenüber wiederverheiratet Geschiedenen, Homosexuellen und erneuerungswilligen Christen zu schleifen, wird es für sie in Zukunft nur noch einen Ort geben, wo sie sich gemütlich einrichten kann: in der gesellschaftlichen Nische einer immer kleiner werdenden religiösen Minderheit.

Hier können Sie den Brief von Kardinal Reinhard Marx an Papst Franziskus lesen.

Und hier die persönliche Erklärung des Münchner Erzbischofs.

markus.brauer@stzn.de

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: