Christoph Balzar (erster von Links) hat zusammen mit Vertretern der Universität Göttingen und Freiburg Anfang Oktober menschliche Überreste an eine Delegation der Republik Marshallinseln zurückgegeben. Foto: Uni Göttingen/Peter Heller

Die Uni Freiburg arbeitet ihre Kolonialismusgeschichte auf. Christoph Balzar forscht nach der Herkunft von menschlichen Überresten, die sich im Besitz der Uni befinden.

Der Anatomieprofessor der Universität Freiburg Alexander Ecker sowie seine Nachfolger sammelten im 19. Jahrhundert rund 1600 menschliche Schädel, etwa 600 davon aus kolonialer Herkunft. Seit September forscht der Kulturwissenschaftler Christoph Balzar an der Uni Freiburg nach der Herkunft dieser Schädel und menschlichen Überreste („Human Remains“), die sich im besitz der Uni befinden. „Sie stehen in einem sehr problematischen Kontext kolonialer Gewalt und wurden ohne Zustimmung der Betroffenen geholt. Aus heutiger Sicht wäre so ein Vorgehen unvorstellbar“, sagt Balzar.

 

Sein Ziel ist eine möglichst vollständige Recherche und, wo immer das möglich ist, Rückgabe der Überreste an die Nachfahren der Toten in den jeweiligen Herkunftsgesellschaften. Die Dokumentation der „Human Remains“ in Freiburg ist jedoch dürftig, viele Akten wurden in den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts zerstört. Invasive Untersuchungen wie DNA-Tests verbieten sich, da sie aus Sicht der Hinterblieben ein weiteres Unrecht an ihren Ahnen darstellen würden.

Datenlage zur Herkunft der Objekte ist dünn

Balzar vergleicht für seine Forschungen alte Kaufbelege und Museumskarteien, eine mühsame Arbeit. Er will künftig digitale Rekonstruktionen und Künstliche Intelligenz nutzen, um Daten zu vernetzen und die Provenienzforschung effizienter zu machen. Die Universität Freiburg wolle sich ihrer kolonialen Geschichte stellen und sie sichtbar machen, betont Historikerin Sylvia Paletschek. Sie ist Prorektorin für Universitätskultur in Freiburg.

Das Interesse an Provenienzforschung ist in Freiburg groß, betont Paletschek. Einzelne Projekte dazu gab es bereits. In den vergangenen Jahren wurden so viermal menschliche Überreste aus Freiburg an Herkunftsländer wie Namibia, Australien oder die Marshallinseln zurückgegeben. Dank der Unterstützung des Landes kann nun umfassender gearbeitet und die Forschung ausgeweitet werden.

Früher liefen viele Geschäfte über Händler, es gab auch private Schädel-Sammler, die zur „Ecker-Sammlung“ beitrugen. Heute wird dieser Name nicht mehr genutzt, denn geraubte menschliche Überreste sollten keine Sammlungsobjekte sein. Auch wolle man Eckers Namen nicht weitere Ehre erweisen, sagt Balzar. Sprachliche Achtsamkeit sei wichtig, da die koloniale Sprache bis heute rassistische Begriffe prägt, betont der Wissenschaftler. Es gehe um den Umgang mit der Geschichte, die sichere Herkunftsbestimmung der Überreste und die Unterstützung von Rückgaben.

Aufarbeitung betrifft die gesamte Gesellschaft

Menschliche Überreste aus kolonialer Herkunft gelten heute rechtlich als illegal und geraubt, anders als archäologische Funde, über die von Fall zu Fall diskutiert werden muss. „Die Beweislast hat sich beim Thema ,Human Remains’ umgekehrt“, sagt Balzar. In Freiburg gebe es zudem ein großes zivilgesellschaftliches Interesse an der Aufarbeitung von Kolonialgeschichte. Letztlich gehe es um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Herausforderung, so Paletschek.

Balzar berichtet aber auch von Widerständen: Forschungen zu kolonialem Unrecht würden teils als möglicherweise kriminell diskreditiert und rassistisch angefeindet. Viele Rechte sehen solche Aufarbeitung als „Dorn im Auge“, so der Wissenschaftler, der sich vor seiner Zeit in Freiburg bereits zwei Jahrzehnte in Berlin mit dem Thema Dekolonialisierung befasst und entsprechende Erfahrungen gemacht hat. Freiburg sei bisher von solchen Anfeindungen verschont geblieben, doch man könne nie wissen, was noch kommt, so Paletschek.