Jürgen Großmann spricht über ein gutes Jahr 2025 für Nagold und die Herausforderungen für das neue Jahr.
Für den Nagolder Oberbürgermeister hat die erste Fahrt der Hesse-Bahn eine große strategische Bedeutung. Auch stadtplanerisch steht in Nagold einiges an.
Ganz allgemein gefragt: War 2025 ein gutes Jahr für Ihre Stadt? Und warum oder warum nicht?
Ja, 2025 war für unsere Stadt insgesamt ein gutes Jahr. Und das sage ich ausdrücklich vor dem Hintergrund eines weiterhin herausfordernden gesamtwirtschaftlichen und geopolitischen Umfeldes. Wir haben 2025 wichtige Investitionen auf den Weg gebracht, die unsere Stadt langfristig stärken in Infrastruktur, Bildung, Sport und Stadtentwicklung. Entscheidender Punkt: Es ist uns gelungen, nicht nur zu planen, sondern konkret umzusetzen und anzuschieben wie beispielsweise die Sanierung und Erweiterung der Eisberghalle. Das schafft Vertrauen und Perspektive. Sehr erfreulich war zudem, dass unsere Veranstaltungen im Jahreslauf wie zuletzt der Urschelherbst oder der Weihnachtsmarkt durchweg sehr gut angenommen wurden. Sie haben gezeigt, wie lebendig und kreativ unsere Stadtgesellschaft, die Einzelhändler, Gastronomen und die Vereine und Kirchen sind. Aus diesem Zusammenhalt entsteht die Anziehungskraft unserer Stadt, die sich weit in die Region hinaus entfaltet. Besonders wichtig ist mir der Blick auf den Wirtschaftsstandort: 2025 war geprägt von neuen Impulsen, neue Ladengeschäfte sind in der Innenstadt entstanden und Unternehmen und Handwerksbetriebe haben mit ihren Investitionsentscheidungen auf dem Eisberg und dem Wolfsberg klare Bekenntnisse zum Standort Nagold gezeigt. Das ist alles andere als selbstverständlich und ein starkes Signal. Und zu guter Letzt läuft der städtische Haushalt im Ruder: Wir dürfen die berechtigte Hoffnung haben, dass der Jahresabschluss 2025 mindestens ausgeglichen sein wird! Unterm Strich war 2025 kein Jahr des Stillstands, sondern ein Jahr, in dem wir gezielt Zukunft vorbereitet haben. Darauf können wir aufbauen.
Was war 2025 der wichtigste Meilenstein für Ihre Stadt?
Der wichtigste Meilenstein 2025 für unsere Stadt war ganz klar der Beginn der Sanierung und der Neubau der Zellerschule. Mit einem Investitionsvolumen von rund 35 Millionen Euro ist dieses Projekt eines der größten Hochbauvorhaben in der Nachkriegsgeschichte unserer Stadt. Es ist ein klares Bekenntnis zu Bildung, Chancengerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit unseres Schulstandorts. Die Baumaßnahme entwickelt sich sehr gut, holt im Zeitplan auf und kommt sichtbar voran. Damit schaffen wir moderne Lernräume, zeitgemäße pädagogische Strukturen und investieren nachhaltig in die nächste Generation. Für mich ist das nicht nur ein Bauprojekt, sondern ein strategischer Zukunftsentscheid im Bildungsjahrzehnt für Nagold: verantwortungsvoll, vorausschauend und mit klarer Prioritätensetzung.
Welches Projekt wird für Nagold 2026 das wichtigste sein?
Wir haben 2026 nicht das eine Projekt, sondern mehrere zentrale Zukunftsaufgaben, die bewusst unterschiedliche Ziele adressieren: Klimaschutz, Sicherheit und nachhaltige Stadtentwicklung. Ein besonders starkes Signal ist, dass wir in diesen Tagen grünes Licht für den „Grünen Himmel“ auf dem Longwy-Platz erhalten haben. Dieses Projekt steht exemplarisch für unseren Anspruch, innovative Klimaschutzmaßnahmen konkret umzusetzen. Ergänzt wird dies durch das Erdwärme- und Abwärmekonzept im Stadtpark Kleb, mit dem wir einen weiteren Schritt hin zu einer klimafreundlichen, resilienten Energieversorgung gehen. Beim Thema Sicherheit hat der Neubau des Feuerwehrmagazins in Vollmaringen höchste Priorität. Hier investieren wir gezielt in die Einsatzfähigkeit unserer Feuerwehr und damit unmittelbar in den Schutz unserer Bürgerinnen und Bürger.
Ein weiterer wichtiger Baustein unserer strategischen Stadtentwicklung ist die Renaturierung des Kreuzertals. Sie ist zentral für unser Starkregen- und Hochwassermanagement und verbindet Klimaanpassung mit ökologischer Aufwertung. Diese Projekte zeigen: 2026 wird ein Jahr sein, in dem wir konsequent in die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt investieren.
Was wird 2026 die größte Herausforderung?
In 2026 wird für Nagold vor allem eines entscheidend sein: finanzielle Stabilität und Handlungsfähigkeit zu sichern. Angesichts der gesamtwirtschaftlichen Lage und vorsichtiger Prognosen müssen wir unseren Haushalt sehr umsichtig steuern. Ziel ist ein vorsorgliches, belastbares Finanzmanagement, das uns jederzeit die notwendige Reaktionsfähigkeit erhält, ohne wichtige Zukunftsinvestitionen aus dem Blick zu verlieren. Daneben gibt es eine ganz konkrete, spürbare Herausforderung für viele Bürgerinnen und Bürger: der Bau von zwei neuen Kreisverkehren auf der B 463, der Haiterbacher Straße. Diese Verkehrsachse ist eine der wichtigsten südlichen Einfahrten in unsere Stadt. Die Bauarbeiten werden temporär erhebliche Einschränkungen mit sich bringen, sind aber zwingende Voraussetzungen für die Realisierung des Neubauprojekts Bauhaus. Wir werden alles Mögliche tun, dass diese Straßenbaumaßnahmen zügig umgesetzt werden können.
Ende Januar 2026 steht die erste Fahrt der Hesse-Bahn an. Welche Bedeutung hat das für Sie?
Die erste Fahrt der Hermann-Hesse-Bahn Ende Januar 2026 hat für mich eine große strategische Bedeutung. Mit ihr erreicht der nördliche Bereich unseres Landkreises ein zentrales Etappenziel: die Schienenanbindung an die Region Stuttgart. Das ist ein echter Fortschritt für Mobilität, Standortqualität und Klimaschutz. Gleichzeitig bin ich realistisch: Die heutigen Umstiegssituationen sind noch nicht optimal. Umso wichtiger ist es, dass die Bevölkerung das neue Angebot trotzdem annimmt. Nur wenn die Bahn gut genutzt wird, erreichen wir einen hohen Deckungsgrad bei den Betriebskosten. Das ist entscheidend für die dauerhafte Stabilität des Angebots. Klar ist aber auch: Mit der Hermann-Hesse-Bahn ist das Thema „Schienenlandkreis“ nicht abgeschlossen. Der Blick muss sich nun konsequent auf den südlichen Raum rund um Nagold richten. Hier liegt ein zentraler wirtschaftlicher Schwerpunkt des Landkreises, mit entsprechend hohem Pendleraufkommen und Entwicklungsdynamik. Deshalb vertrete ich eine klare Position: Wir brauchen realistische, zeitnahe und zügige Konzepte für eine direkte, möglichst umstiegsfreie Anbindung der südlichen Region unseres Landkreises an den Flughafen und an die Region Stuttgart.
Der Job des Bürgermeisters scheint in den vergangenen Jahren immer härter geworden zu sein – mit allen negativen Konsequenzen. Auch im Kreis Calw ist das zu spüren. Was macht Ihnen beruflich am meisten zu schaffen? Und was müsste sich ändern, um das zu verbessern?
Was mir beruflich am meisten zu schaffen macht, ist tatsächlich die enorme Verdichtung des Alltags. Der Terminkalender ist dauerhaft sehr eng, die Erwartung an ständige Präsenz ist hoch und das führt dazu, dass das laufende Tagesgeschäft viel Kraft bindet. Gerade dadurch bleibt oft zu wenig Freiraum für das Grundsätzliche und Strategische. Vollständig verändern lässt sich das kaum. Wer dieses Amt anstrebt, muss sich bewusst sein, dass es eine hohe persönliche Belastung mit sich bringt. Es braucht Resilienz, eine robuste Gesundheit und eine klare innere Haltung. Hinzu kommt, dass das Leben in der Öffentlichkeit rauer geworden ist: Hass und Hetze, insbesondere in den Sozialen Medien, gehören inzwischen leider zur Realität und dürfen nicht unterschätzt werden. Was sich aus meiner Sicht ändern müsste, ist vor allem der gesellschaftliche Umgangston und der Respekt gegenüber Menschen, die Verantwortung übernehmen. Kommunalpolitik lebt vom Dialog und von Vertrauen. Wenn wir wollen, dass sich auch künftig engagierte und qualifizierte Persönlichkeiten für dieses Amt entscheiden, dann brauchen wir mehr Wertschätzung, mehr Sachlichkeit und eine klare Grenze gegenüber persönlichen Angriffen.
Egal ob Windräder, Baugebiete oder Mobilfunkmast – immer öfter bildet sich organisierter Widerstand gegen größere Projekte in der Nachbarschaft. Halten Sie das für legitim? Oder greift hier eher das Sankt-Florian-Prinzip, das im englischsprachigen Raum auch als „not in my backyard“ („nicht in meinem Hinterhof“) bekannt ist?
Bürgerschaftliches Engagement und kritische Begleitung von Projekten sind grundsätzlich legitim und gehören zu einer lebendigen Demokratie. Beteiligung, Nachfragen und auch Widerspruch sind wichtig. Wenn das sachlich ausgetragen wird, kann das helfen, Vorhaben besser zu machen und im besten Fall sogar Akzeptanz zu schaffen. Problematisch wird es dort, wo sich Widerstand ausschließlich am eigenen Vorteil orientiert. Das sogenannte St.-Florians-Prinzip greift leider noch zu oft: Man erkennt die Notwendigkeit von Windenergie, Wohnraum oder digitaler Infrastruktur an, aber bitte nicht in der eigenen Nachbarschaft. Dieser Egoismus führt uns jedoch nicht weiter. Wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit ernst nehmen, wie Klimaschutz, Wohnraummangel, Daseinsvorsorge und Digitalisierung, dann müssen wir stärker vom Ich zum Wir kommen. Zukunft gelingt nur, wenn wir Lasten gemeinschaftlich tragen und fair verteilen. Dazu braucht es Offenheit, Dialog und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, auch dann, wenn Entscheidungen nicht ausschließlich bequem sind.
Die Finanzlage der Kommunen ist schlecht, überall muss gespart werden. Zurückstecken will natürlich niemand. Ist die Erwartungshaltung der Bürger in dieser Situation realistisch?
Wir müssen uns gemeinsam ehrlich machen: Reformen sind unausweichlich und zwar in vielen Bereichen, allen voran in den Sozialversicherungssystemen. Der Ruf nach Reformen bedeutet immer eine unbequeme Wahrheit: Entweder steigen Beiträge, Leistungen werden reduziert oder, im schlechtesten Fall, sogar beides. Dieses Spannungsfeld dürfen wir nicht länger verdrängen. Gerade bei den Sozialleistungen müssen wir sehr nüchtern feststellen, dass das heutige Leistungsniveau auf Dauer nicht mehr vollständig finanzierbar ist. Das gilt vor allen Dingen auch aus Verantwortung gegenüber kommenden Generationen. Es muss zunehmend um mehr Eigenverantwortung gehen. Für die Kommunen wirkt sich das unmittelbar aus. Über die Kreisumlage sind wir an den steigenden Sozialausgaben direkt beteiligt und diese Entwicklung belastet die kommunalen Haushalte massiv. Das schränkt unseren finanziellen Handlungsspielraum deutlich ein oder wir müssen kommunale Steuern erhöhen! Für die Stadt bedeutet das ganz konkret: Bei den freiwilligen Leistungen wird es künftig weniger Spielräume geben. Nicht alles, was wünschenswert ist, wird dauerhaft leistbar bleiben. Deshalb braucht es einen realistischen Blick auf das Machbare, klare Prioritäten und den Mut, auch unbequeme Entscheidungen zu treffen und unsere Erwartungshaltung an die öffentliche Hand deutlich zurückzunehmen.
2026 wird der Landtag gewählt. Welchen Wunsch haben Sie an die neue Landesregierung?
Ich habe im Grunde nur einen zentralen Wunsch: eine stabile, handlungsfähige Mehrheit für die neue Landesregierung. Unser Land steht vor großen Aufgaben: finanzpolitisch, aber vor allen Dingen brauchen wir wieder mehr Wachstum, Arbeitsplätze und Innovation. Diese Herausforderungen lassen sich nur mit klaren Mehrheiten, verlässlichen Entscheidungen und einem langen Atem bewältigen. Gerade für uns Kommunen ist Stabilität auf Landesebene entscheidend. Wir brauchen flexible Rahmenbedingungen mit möglichst wenig Bürokratie für schnelle Entscheidungen. Zudem muss es einen fairen Ausgleich zwischen Aufgaben, die wir erledigen sollen, und den hierfür erforderlichen Finanzmitteln geben.
Und zu guter Letzt noch etwas Persönliches: Was war Ihr schönster Moment 2025?
Es gab viele schöne und bewegende Momente in diesem Jahr. Einer ragt jedoch besonders heraus: die Stiftung der hochmodernen und 5-gruppigen Kindertagesstätte im Hasenbrunnen von Heike und Reinhold Fleckenstein. Diese außergewöhnliche Großzügigkeit und der dabei so spürbare, gelebte Nagolder Bürgersinn haben mich tief bewegt. Es war ein echter Leuchtturm, der Maßstäbe setzt und noch lange nachwirken wird!