Dieter Bohlen raus, Hape Kerkeling rein - und mitten in der Woche einen ganzen Themenabend zum Wirecard-Skandal: RTL will zeigen, dass es mehr drauf hat als „Dschungelcamp“ und „Temptation Island“. Aber warum?
Köln - Warum trauen uns die Zuschauer keine Hintergrund-Berichterstattung zu? Warum suchen sie auf unseren Streaming-Portalen keine spannenden Serien und Filme? Wieso ist unser Ruf bei den jungen Kreativen so schlecht, dass sie ihre neuen Ideen lieber anderswo verkaufen? Das sind die Fragen, die offenbar auf den Chefetagen der privaten TV-Sender gerade energisch diskutiert werden – auch bei RTL. Die Zeiten, da die Kölner bei den Zuschauer-Marktanteilen sogar vor ARD und ZDF lagen, sind lang vorbei; das war im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. 2020 lag man mit 8,1 Prozent im Jahresdurchschnitt deutlich hinter dem Zweiten (13,6) und dem Ersten (11,3).
Die Erkenntnis in der Kölner Chefetage lautet offenbar: Wir müssen etwas verändern – am Programm, vor allem auch beim Marken-Image. Wobei besagte Chefetage seit Mitte Februar neu besetzt ist: Der 49-jährige Henning Tewes leitet seitdem in Personalunion RTL und das zugehörige Streamingportal TVNow. Und es dauerte keine zwei Wochen, da setzte es schon den ersten Paukenschlag: die Entlassung Dieter Bohlens, der fast zwei Jahrzehnte lang mit seinen Motzereien gegen talentlose Kandidaten bei „Deutschland sucht den Superstar“ und „Deutschland sucht das Supertalent“ zum prägenden Gesicht von RTL wurde.
Christoph Maria Herbst ist brillant
An diesem Donnerstag, 22. April, ist nun ein erster ganz neuer Akzent im Programm des Kölner Privatsenders zu besichtigen: Den ganzen Abend von 20.15 Uhr bis Mitternacht widmet RTL dem Wirecard-Finanzskandal – perfekt getimet zu einem Zeitpunkt, da auch gerade die Arbeit des Untersuchungsausschusses des Bundestages mit den Vernehmungen von Wirtschafts- und Finanzminister seinem Höhepunkt zustrebt.
Zum TV-Auftakt gibt es Raymond Leys Dokudrama „Der große Fake – Die Wirecard-Story“ mit dem fabelhaften Christoph Maria Herbst in der Rolle des Wirecard-Chefs Markus Braun. Der spannend aufbereitete Film ist eine Collage aus Spielszenen und Interviews mit Aktienexperten, Profiteuren und Opfern. Den Vorwurf, manches Detail bleibe trotzdem unklar, will RTL im Anschluss um 22.15 Uhr mit einem „Spezial“ ausräumen, in dem das betrügerische Wirecard-Konstrukt, vor allem aber die Mitverantwortung der Politik noch genauer dargelegt wird.
Moderiert Jan Hofer bald eine zusätzliche Nachrichtensendung?
Dieser Themenabend ist auch medienpolitisch spannend: Das Dokudrama „Der große Fake“ hat RTL bereits vor drei Wochen in seinem Streamingdienst vorab veröffentlicht – ein Indiz, dass die Kölner auf ihrem Portal TVNow künftig nicht nur die Fans von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und „Temptation Island“ ansprechen wollen, sondern auch ein anspruchsvolleres Publikum.
Und noch eine spannende Neuerung: Pünktlich zum spektakulären Einsatz von Christoph Maria Herbst im „großen Fake“ startet TVNow eine exklusive Miniserie mit dem beliebten Schauspieler: „Tilo Neumann und das Universum“.
Auch Hape Kerkeling soll demnächst exklusive Formate für den Streamingdienst entwickeln – während Ex- „Tagesschau“-Chefsprecher Jan Hofer der Anchorman für eine zusätzliche Nachrichtensendung im RTL-Abendprogramm werden könnte. Ob bei so viel Suche nach neuer Qualität auch Mario Barth, Oliver Pocher und das „Dschungelcamp“ um ihre RTL-Zukunft bangen müssen, bleibt abzuwarten. Aber es könnte einsamer um sie werden.