„Es geht mir nicht darum, die ‚Tagesthemen‘ anzugreifen, sondern darum, selbst eine gute und erfolgreiche Sendung zu machen“, sagt Lothar Keller Foto: RTL

Lothar Keller hat seine Karriere in Stuttgart begonnen. Jetzt leitet er die neue „RTL Direkt“-Redaktion und verrät, was der Privatsender besser macht als die Konkurrenz vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Berlin - Das TV-Magazin „RTL Direkt“ erzielt als Konkurrent von „Tagesthemen“ und „Heute Journal“ regelmäßig Traumquoten. Der Mann, der hinter dem Erfolg steckt, heißt Lothar Keller – er ist der Redaktionsleiter der Sendung, die von Pinar Atalay und Jan Hofer moderiert wird. Wir haben ihn im „RTL Direkt“-Studio in Berlin getroffen.

 

Herr Keller, Ihre erste TV-Redakteursstelle hatten Sie in den 1990ern beim Sat-1-Landesstudio in Stuttgart-Heslach. Werden Sie nostalgisch, wenn Sie daran zurückdenken?

Für Berufsanfänger ist die Regionalberichterstattung – sei es bei Zeitungen, beim Hörfunk oder im Fernsehen – ein Glücksfall, weil man da alles machen kann. Vom berüchtigten Kaninchenzüchterverein bis zur Landespolitik. Ich weiß noch, wie ich in Stuttgart meine erste Liveschalte vom Cannstatter Wasen gemacht habe. Ich habe hier meine erste Sendung moderiert, ich konnte ein Talkformat ausprobieren, ich war zum ersten Mal Chef vom Dienst, also verantwortlich für eine Sendung. Und das alles als Berufsanfänger. Dass ich deshalb aber nostalgisch auf die Zeit zurückschaue, würde ich nicht sagen.

Auch was die technischen Veränderungen angeht, gibt es wahrscheinlich keinen Grund zur Nostalgie.

Bei meiner erste Liveschalte vom Cannstatter Wasen stand ein großer Übertragungswagen vor der Tür, und wir mussten 100 Meter Kabel ziehen. Heute machen wir so eine Übertragung mit einem kleinen Rucksack, in dem vier, fünf SIM-Karten und eine WLAN-Verbindung drin sind. Das ist alles viel, viel einfacher und billiger geworden. Deshalb nutzen wir das auch heute viel häufiger. Es ist aber auch alles viel schneller geworden und dadurch manchmal oberflächlicher oder fehleranfällig. Das hat aber weniger mit den technischen Möglichkeiten zu tun als mit dem Aufkommen des Internets, der sozialen Medien.

RTL konkurriert im Newsgeschäft aber auch mit ARD und ZDF.

Den Wettbewerb gibt es natürlich. Aber „RTL aktuell“ ist seit Jahrzehnten eine Sendung, die auf Augenhöhe mit ARD und ZDF ist. In der für das Privatfernsehen besonders wichtigen Zielgruppe zwischen 14 und 49 sind wir deutlich führend. Und das ist ja keine kleine Zielgruppe. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen kommt jedes Jahr auf an die acht Milliarden Euro Gebührengelder. Ich finde es manchmal erstaunlich, was wir im Bereich Nachrichten gleichwertig oder besser machen, obwohl die Öffentlich-Rechtlichen eigentlich einen enormen Vorsprung bei den Ressourcen haben.

Sie sind jetzt der Chef von Pinar Atalay und Jan Hofer, die viele Jahre Aushängeschilder des öffentlich-rechtlichen Fernsehens waren. Ist „RTL Direkt“ ein Frontalangriff auf „Tagesthemen“ und „Heute Journal“?

Es geht mir nicht darum, die „Tagesthemen“ anzugreifen, sondern darum, selbst eine gute und erfolgreiche Sendung zu machen. Wenn Menschen, die bisher „Tagesthemen“ gesehen haben, zu uns kommen und sagen, dass sie auch „RTL Direkt“ interessant finden, ist das schön. Mich würde aber fast noch mehr freuen, wenn wir Zuschauerinnen und Zuschauer gewinnen, die vorher gar keine Informationsprogramme geguckt haben. Ich freue mich nämlich über den Erfolg jedes Informationsprogramms. Es kann nicht schaden, wenn die Zahl der informierten Menschen weiter wächst.

Atalay und Hofer zu „RTL Direkt“ zu holen, war aber schon ein Coup.

Die öffentliche Aufmerksamkeit für unsere Sendung, aber auch für den Sender insgesamt, weil Pinar Atalay ja noch bei „RTL aktuell“ moderiert, war dadurch natürlich sehr groß. Das ist sicherlich kein Nachteil, weil das die Anziehungskraft beweist, die unser Haus für Menschen mit solchen Namen hat. Aber sie bringen halt auch eine enorme Erfahrung mit. Pinar war fast zehn Jahre bei den „Tagesthemen“ und Jan über Jahrzehnte bei der ARD.

Und was macht „RTL Direkt“ anders?

Zum einen ist es keine klassische Nachrichtensendung. Es ist nicht „RTL aktuell“ drei Stunden später oder „RTL Nachtjournal“ zwei Stunden früher. Es sieht auch anders aus als die „Tagesthemen“ oder das „Heute Journal“. Und das war schon eine sehr bewusste Entscheidung. Wir haben zwar einen großen Nachrichteninformationsanteil mit den aktuellen Beiträgen des Tages. Wir berichten über den Stand der Sondierungen oder Koalitionsverhandlungen. Wir haben einen Block mit einem Überblick über wichtige andere Themen in der Welt. Wir nehmen uns aber auch die Zeit, ein aktuelles Thema in einem längeren Gespräch und mit Reportage aufzugreifen. „RTL Direkt“ ist ein Hybrid zwischen Nachrichten und Talk.

Als etwa der Drogenbericht veröffentlicht wurde, hatten Sie den ehemaligen GZSZ-Schauspieler Eric Stehfest als Studiogast, der sich mit Atalay über seine Drogenerfahrungen unterhalten hat.

Es geht ja immer um die Frage, wie kann ich Menschen für ein Thema interessieren, das gesellschaftliche Relevanz hat. Weil vorher „Das Sommerhaus der Stars“ lief, haben wir uns überlegt: Wer guckt das, und über welchen Menschen, über welches Interview bleiben diese Zuschauer bei unserer Sendung dran? Da war Stehfest ein idealer Gast, weil er nicht nur bei diesem Publikum bekannt ist, sondern auch wirklich seine eigenen Erfahrungen gemacht hat und darüber sehr intensiv erzählen kann. Vielleicht ist das etwas, was grundsätzlich Informations- und Nachrichtensendungen bei RTL von denen der öffentlich-rechtlichen Sender unterscheidet: dass wir näher rangehen an die Lebenswirklichkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer, eher über Schicksale zu berichten, betroffene Menschen in die Berichterstattung einbeziehen – dass wir nicht glauben, dass Politik nur unter Politikern in Berlin stattfindet.

Wenn Sie aber doch Politikerinnen oder Politiker einladen, ist es ein Vorteil, dass Ihre Sendung nicht wie die „Tagesthemen“ in Hamburg oder das „Heute Journal“ in Mainz produziert wird, sondern dass Ihr Studio in Berlin ist.

Ja, das ist ein Riesenvorteil. Wir können den Politikerinnen und Politikern sagen: Kommt kurz vorbei, wir befinden uns nur 300 Meter von eurem Büro entfernt. Das Gespräch dauert eine Viertelstunde. Das heißt, vom Büro ins Studio und wieder zurück ins Büro brauchen sie nur 45 Minuten. Das ist für Politiker ein Riesenvorteil. Sie wissen, es dauert nicht lange, sie sind schnell wieder weg und haben trotzdem ihr Publikum.

Ist der Quotendruck bei so einer Sendung von Anfang an hoch?

Die Menschen müssen sich erst daran gewöhnen, dass sie um diese Uhrzeit bei RTL eine Nachrichtensendung sehen können. Dass sie es nach und nach tun, sehen wir aktuell, denn die Quoten sind im Oktober und November deutlich gestiegen. Bei der jungen Zielgruppe 14-49 liegen wir im Schnitt bereits deutlich vor den „Tagesthemen“ oder dem „Heute Journal“. Und gerade haben wir Marktanteile von bis zu 16,5 Prozent bei den jungen Zuschauern erzielt sowie neue Rekorde bei der Gesamtreichweite. Wir wollen auf jeden Fall einen langen Atem haben, um die Sendung zu etablieren. Stephan Schmitter, der Geschäftsführer von RTL News, hat gesagt: Es ist ein Marathon, kein Sprint. Das ist für unser Haus typisch. Andere private Sender wechseln oft schneller ihre Formate. Ich bin zuversichtlich, dass wir da lange dran arbeiten werden und die Sendung sich noch verändern wird, weil wir auch selbst sie und ihre Dynamik und das, was bei den Zuschauern am besten ankommt, noch kennenlernen müssen.

Lothar Keller, „RTL News“ und die News-Offensive von RTL

Person
 Lothar Keller (56) stammt aus Gummersbach und arbeit seit 1996 beim Kölner Privatsender RTL als Journalist. Seit 2000 ist er politischer Korrespondent im Berliner Hauptstadtstudio, seit 2017 gehört er zum Moderatorenteam des „RTL Nachtjournals“.

Sendung
 Seit diesem Sommer ist Keller Redaktionsleiter der neuen Nachrichtenjournals „RTL Direkt“, das montags bis donnerstags um 22.15 Uhr live aus Berlin ausgestrahlt wird. Die Sendung ist Kern der Newsoffensive von RTL. Hauptmoderator ist der Ex-„Tagesschau“- Sprecher Jan Hofer. Eine Woche pro Monat vertritt ihn Pinar Atalay, die zuvor die „Tagesthemen“ moderiert hat.