Bei der Diskussion geht es für die Wernz-Schwestern um das Recht auf freie Selbstbestimmung. Foto: Annette Riedl/dpa

Sie hat besonders auf Facebook hohe Wellen geschlagen: die Debatte darum, ob es Frauen künftig erlaubt sein soll, in Schwimmbädern "oben ohne" zu baden. Auf Anfrage unserer Redaktion äußert sich nun die Gruppe "Feministisches Dorfgeflüster" dazu.

Rottweil - "Vielen in unserer Gruppe war tatsächlich gar nicht bewusst, dass ihnen in so einem Fall ein Rausschmiss drohen würde", sagt Emily Wernz. Sie ist Co-Initiatorin des "Feministischen Dorfgeflüsters" (FDG), einer Gruppe, die sich 2020 im Kreis Rottweil gegründet hat, um das Thema Feminismus in den Blickpunkt zu rücken und ein Forum zu schaffen, in dem Meinungen Platz finden.

 

Kürzlich wurde dort auch die "Oben ohne"-Debatte aufgegriffen. Ursprung der Diskussion in Rottweil ist ein Fall in Göttingen. Dort bekam eine Person, die sich als non-binär definiert, Hausverbot, weil sie im Schwimmbad ihr Bikini-Oberteil auszog. Die Erklärung: Die Schwimmbad-Mitarbeiter charakterisierten sie als weiblich. Und Frauen durften bis dato in Göttingen nur mit bedeckten Brüsten schwimmen. Seit 1. Mai dürfen sich nun in den Göttinger Bädern samstags und sonntags alle Menschen obenrum frei machen.

Unterschiedliche Reaktionen

Ob es auch in Rottweil dazu kommen wird? Steven Ulrich, Abteilungsleiter Bäder, bremste die Aussicht darauf aus. Als Argumente nannte er unter anderem, dass Gaffern dadurch Tür und Tor geöffnet würde und dass sich speziell Familien mit Kindern durch die gelockerten Regeln gegen einen Besuch des Bades entscheiden könnten.

In der Facebook-Diskussion plädierte die eine Seite für Toleranz und freie Selbstbestimmung, während die andere auf den Schutz der Frauen vor übergriffigen Männern und den Schutz der Kinder verweist.

Auch unter unserem Post wurde eifrig debattiert:

Scham als Instrument

"Auffällig ist, dass niemand so ganz genau definiert, was er mit ›Schutz der Kinder‹ meint", sagt Emily Wernz. Sie ist der Meinung, dass Verbote generell zumindest hinterfragt werden sollten. Im Fall der "Oben ohne"-Debatte ist sie, ebenso wie die ganze FDG-Gruppe, der Meinung, dass das Verbot aufgehoben werden sollte.

Mädchen würden schon früh sexualisiert – spätestens mit dem Wachsen der Brüste in der Pubertät – und bekämen Schamgefühl beigebracht. Auch kleinen Kindern gebe man schon Bikini-Oberteile, sexualisiere sie damit und mache ihnen so klar, dass sie etwas haben, was bedeckt werden muss.

Sexuelle Normen wie diese suggerierten, dass es sich bei der weiblichen Brust um etwas Schlechtes, Falsches handle, sagt FDG-Co-Initiatorin Lisa Wernz. Sie findet: "Die Scham ist ein Instrument der Unterdrückung der Frau." Ihrer Meinung nach sei es deshalb überfällig, diese Scham abzulegen. "Wir leben in einer nicht sex-positiven Gesellschaft, und es gibt gesellschaftliche Regeln, die man anerkennen sollte. Aber genauso wichtig ist es, Räume zu öffnen, in denen es keine Einschränkungen gibt", sagt sie.

Recht auf Selbstbestimmung

Bei der Diskussion gehe es nicht darum, alle dazu zu bringen, oben ohne herumzulaufen, sondern um die freie Entscheidung und das Recht auf Selbstbestimmung, sagt Emily Wernz. "Ich als Frau möchte selbst über meinen Körper bestimmen und darüber, was ich zeige."

Und was ist mit Gaffern? "Gaffen ist eine Form der sexualisierten Belästigung und schon jetzt, angezogen, Realität", sagt Lisa Wernz. Wichtig sei es, Täter und Opfer nicht zu verwechseln. Nicht nackte Brüste seien das Problem, sondern die Gaffer. Ein Verbot schütze nicht, sondern nehme der Frau die Entscheidung ungefragt ab.

Zu sehr in Kategorien gedacht

Das ganze Thema der Regeln und Verbote müsse mit Blick auf non-binäre Personen generell neu diskutiert werden, finden die Schwestern. Denn mit dem Denken in den Kategorien "Mann oder Frau" mache es sich die Gesellschaft zu einfach. "Das ist, wie sich immer wieder zeigt, einfach nicht die Realität", sagt Emily Wernz.

Schade finden beide die Kampfhaltung in Diskussionen wie diesen. "Wir können auch die Argumente der Menschen, die für ein Verbot sind, nachvollziehen, denn wir alle sind verschieden sozialisiert und religiös geprägt. Weiter kommt man aber bei einer solchen Diskussion nur, wenn man die Betroffenen sprechen lässt und ihnen vor allem auch zuhört."