Einen Kalkbrennofen haben die Archäologen freigelegt. Foto: ArchaeoBW

Sie ist ein Fenster in die Geschichte Rottweils: die Ausgrabung auf einem Grundstück an der Hölderstraße. Die Archäologenteams der Grabungsfirma ArchaeoBW und des Landesamtes für Denkmalpflege gewinnen viele neue Erkenntnisse.

Rottweil - Vorsichtig kratzt die junge Frau die Erde von den grauen Steinen, die in einem Ring angeordnet aus dem Boden ragen. Noch ist – zumindest für Laien – kaum zu erkennen, was das sein könnte. Doch für die Experten ist klar: "Das ist ein Kalkbrennofen. Den hat man benötigt, um Steine für die Steingebäude zu brennen. Die Datierung wissen wir noch nicht, aber da er alle Strukturen der Römerzeit zerschneidet, könnte er gut ins Mittelalter passen", erklärt Klaus Kortüm vom Landesamt für Denkmalpflege, der sich als Fachaufsicht regelmäßig vor Ort ein Bild macht. Um das Alter genau zu klären, benötige man noch Holzkohlereste, die man mittels der C14- oder Radiokarbon-Methode datieren lasse.

 

Seit mehr als einem Jahr wird nun mittlerweile auf dem mehr als 4000 Quadratmeter großen Grundstück gegraben. Eine zusammenhängende Ausgrabung dieser Größenordnung gebe es nur höchst selten in Rottweil. Auf diesem Areal hatten die Römer ihre Kastelle, und man hat auch Indizien für die mittelalterliche Siedlung um den Königshof ausgemacht.

Münzen mit einem Adler

Zentimeter um Zentimeter erschließen sich die Archäologen neue Erkenntnisse. "Wir haben beispielsweise Münzen mit einem Adler gefunden, die in Rottweil geprägt wurden. Diese so genannten Brakteaten stammen vermutlich aus der Zeit zwischen 1218 und 1250", sagt Klaus Kortüm. Brakteaten sind Münzen, die aus einem dünnen Metallblech einseitig und auf einer weichen Unterlage geprägt wurden. Sie waren ab der Mitte des zwölften, bis ins 14. Jahrhundert hinein nahezu im gesamten deutschsprachigen Raum die vorherrschende regionale Münzsorte. "Diese Münzen sind ein Indiz dafür, dass Rottweil Stadt war, denn Münzen wurden nur in Städten geprägt", so der Experte.

Eine beachtliche Siedlung

Die Mittelstadt soll sich ab dem 10. Jahrhundert zu einer beachtlichen Siedlung entwickelt haben, die über ein großes Straßen- und Wegenetz verfügte. Man nimmt an, dass hier wohlhabende Kaufleute gewohnt haben, sagt Kortüm. Doch genaue Belege dafür gibt es bislang nicht. Auch hier hoffen die Archäologen, Licht ins Dunkel bringen zu können. Hinweise auf zwei mittelalterliche Steingebäude, die etwa zwölf auf sechs Meter groß waren, wurden bereits gefunden. "Da die Steinwände eine Mauerstärke von mehr als 80 Zentimetern hatten, gehen wir davon aus, dass es sich um zweistöckige Gebäude handelt", informiert Kortüm. Auch den Estrichboden der Gebäude habe man gefunden.

Einige Indizien

Man nimmt an, dass die Gebäude wohl bis 1250 existierten. Was genau mit der Siedlung passiert ist, als die Menschen in die "neue (heutige) Stadt" umzogen, dazu fehlen ebenfalls noch Erkenntnisse. Es gebe einige Indizien dafür, dass Häuser im Bereich der Mittelstadt länger bestanden hätten, als man bislang annimmt. Die Hoffnung ist groß, hier noch weitere Fundamente zu finden. Zudem wurde ein mögliches frühmittelalterliches Grubenhaus (6. bis 8. Jahrhundert) entdeckt, wie sie auch bei der Grabung auf dem Gelände der Waldorfschule gefunden wurden. Die kniehoch eingetieften Hütten sollen als Webhütten gedient haben. "Es wäre jetzt noch schön, wenn wir als Beweis dafür den Abdruck eines Webstuhls finden würden", sagt Klaus Kortüm. Das Textilhandwerk habe hier im Mittelalter vermutlich eine große Rolle gespielt.

Römische Elitetruppe

In den tieferen Schichten haben die Archäologen Spuren der römischen Vergangenheit entdeckt, die offene Fragen zum Leben in den beiden Militärlagern der Mittelstadt klären konnten. "Aufgrund der besonderen Größe der Wohnräume des ersten Kastells, ein Legionslager, nehmen wir an, dass hier die Elitetruppe der Legion untergebracht war", erklärt Klaus Kortüm. Das spreche für die Bedeutung des Legionslagers, das offenbar "als vollständiges Legionslager konzipiert war". Die Mittelstadt gilt bei den Experten als "Filetstück der Stadtgeschichte". So ruhen viele Hoffnungen auch in den nächsten Monaten noch auf diesem Gebiet.