Sie haben so manches Geheimnis um die Narrentafel gelüftet: (von links) Gunther „Gunne“ Wilde, Fotodesigner Ralf Graner, Künstler Holger Rabenstein, Museumsleiterin Martina Meyr und Narrhalla Oberelfer Stephan Drobny. Foto: Siegmeier

Stephan Drobny und Holger Rabenstein waren erfolgreich auf Spurensuche und haben Interessantes entdeckt. Eine ganz besondere Fotoaktion gibt es außerdem.

In vielen Rottweiler Wohnzimmern hängt eine Replik der legendären Rottweiler Narrentafel. Zu sehen ist eine größere Narrengruppe sowie einige Zivilpersonen, die nicht verkleidet sind, vielleicht Zuschauer. Doch wo, wie und wann ist diese Tafel eigentlich entstanden? Warum sind manche Narrenfiguren doppelt abgebildet und wie und warum kam sie ins Stadtmuseum?

 

Alles Fragen, denen der Narrhalla-Oberelfer Stephan Drobny, Museumsleiterin Martina Meyr und der Künstler Holger Rabenstein, der in den vergangenen 50 Jahren zig autorisierte Repliken der Tafel als ganz eigene Kunstwerke produziert hat, nachgegangen sind. Allein Holger Rabenstein hat unendliche Stunden in verschiedenen Archiven zugebracht, um den vielfältigen Geheimnissen der Tafel auf die Spur zu kommen. Und bei seinen Recherchen hat er eine Menge herausgefunden.

„Die Narrentafel ist Eigentum der Narrhalla. So ist es auf der Rückseite der Tafel vermerkt. Auch das kam erst ans Licht, als man sich die originale Tafel, die im Depot des Stadtmuseums liegt, mal genauer anschaute“, informiert Stefan Drobny. Aber warum ist sie im Museum? „Wir wissen, dass sie 1933 ins Stadtmuseum kam. Vermutlich weil jemand sie in Sicherheit bringen wollte“, sagt Martina Meyr.

Ersatz für den abgesagten Narrensprung

„Ansonsten gäbe es sie vielleicht gar nicht mehr, wer weiß“, ergänzt Drobny. Wer sie gebracht hat, das weiß man allerdings nicht. Stephan Drobny vermutet, dass die Tafel in einem Privathaus hing, da die Narrhalla damals keine eigenen Räume gehabt habe.

Bisher ging man davon aus, dass die Narrentafel 1871 entstanden ist, als der Narrensprung aufgrund des Deutsch-Französischen Krieges, bei dem es viele Tote zu beklagen gab, ausfiel, und sich die Narren stattdessen zu einem „lebigen Bild“ aufgestellt hatten, das von einem Fotografen aufgenommen wurde.

Zeitungsannoncen geben Einblick

„Doch das stimmt so nicht ganz“, sagt Martina Meyr. Aus Rottweil selbst habe es in diesem Krieg zum einen lediglich drei Tote zu beklagen gegeben, zum anderen aber hatte die Regierung zu Friedensfeiern aufgerufen. Die Rottweiler, gewitzt wie sie waren, nutzten diese Möglichkeit, um Fasnet zu feiern. Das kann man anhand von einigen Zeitungsannoncen belegen.

Auch wer der Fotograf dieses für die damalige Zeit einzigartigen Kunstwerks war, ist nicht sicher. Man vermutet den Fotografen Carl Hebsacker, der ursprünglich aus Tübingen stammt, aber in Rottweil geheiratet hat und für einige Jahre hier lebte. Die Familie Hebsacker hatte in Tübingen eine Drogerie.

Neue Auflage mit 100 Stück

„Das würde passen, da man ja für die Fotografie und vor allem für die Abzüge eine Menge Chemie benötigte“, folgert Holger Rabenstein, der bereits im Jahr 1974 die vom damaligen Stadtarchivar Winfried Hecht autorisierten Repliken anfertige. Übrigens noch bis vor wenigen Jahren.

Jetzt gibt es ein neues Projekt, denn mittlerweile hat die Narrhalla ein eigenes Stüble und möchte in den nächsten Jahren die Archivalien auf Vordermann bringen. Dazu braucht’s Geld. Und so entstand die Idee, eine hochwertige Fotografie (Laserdruck auf Hahnenmühle-Papier) anzufertigen und diese gerahmt in einer Auflage von 100 Stück zum Verkauf anzubieten.

Erlös für das aktive Brauchtum

Ralf Graner von Graner Photodesign hat die Tafel im Studio reproduziert und nimmt auch ab sofort Bestellungen für das Kunstwerk modernster Technik entgegen. Gedruckt wird sie von Rob Hak. Der Preis beträgt 450 Euro. Die Tafel kann per Mail unter info@ralfgraner.de bestellt werden.

Der Erlös abzüglich aller Produktionskosten kommt als Spende den Archivalien der Narrhalla zugute, damit diese der Nachwelt und Öffentlichkeit erhalten bleiben. „Wir möchten auch, dass diese einmalige Ikone der Schwäbisch-Alemannischen-Fastnacht wieder ins Bewusstsein kommt“, sagt Stephan Drobny.

Holger Rabenstein erklärt die Laufbodenkamera. Mit einer solchen wurden die Einzelbilder für die Narrentafel in den 1870er-Jahren aufgenommen. Foto: Siegmeier

Das Original besteht übrigens aus drei Einzelbildern, die mit einer Laufbodenkamera im Format 30 mal 40 Zentimeter aufgenommen wurden. So erklärt sich auch, warum manche Narren mehrfach zu sehen sind. Sie wurden vermutlich aufgrund von Lücken einfach dazu platziert.

„Das war ein sehr aufwendiges und langwieriges Verfahren. Es muss auch sehr lange gedauert haben, bis die Bilder gemacht waren. Die Gruppe stand vermutlich über Stunden“, sagt Holger Rabenstein, der beim Gespräch eine Laufbodenkamera dabeihat und kurz erklärt, wie sie funktioniert.

Im Hintergrund ist übrigens keine Hausfassade der Innenstadt, sondern eine Leinwand mit aufgemalten Fenstern. Und wenn man den Untergrund anschaut, dann könnte man aufgrund der vielen Äste einen Waldboden vermuten. Wo das Bild aufgenommen ist, bleibt unklar.

Und wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass das Bild nicht nur aus drei Einzelbildern zusammengesetzt, sondern eine bewundernswerte Collage ist, und das auf selbst hergestelltem Papier. Einige Köpfe sind so in das Papier eingefügt, dass man es kaum fühlen kann – ein echtes Kunstwerk seiner Zeit also.

Einige Fragen sind noch offen

Und noch etwas: Die Farbfotografie gab es natürlich auch noch nicht in den 1870ern. Das heißt, der Fotograf hat auch das gesamte Bild von Hand koloriert. Vermutlich hat es Jahre gedauert, bis das Gesamtkunstwerk fertig war. Und vielleicht findet man ja irgendwann noch heraus, wer Auftraggeber war und was sie damals gekostet hat, wer weiß. Über die Narrentafel und ihre Geschichte soll es auch noch eine schriftliche Dokumentation geben.