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Rottweil Vinzenz-von-Paul-Hospital: Zwischen Depressiven und Dementen

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Ronja Hugs Arbeitsalltag ist hart, aber auch abwechslungsreich. Sie weiß nie, was sie auf der Station erwartet. Foto: Cools

Rottweil - Zögernd trete ich durch die Eingangstür und lasse den Blick schweifen. Ich habe ein mulmiges Gefühl bei dem, was mich gleich erwartet, bin aber gleichermaßen gespannt, was hinter der Tür liegt, die sich nun mit einem Surren öffnet. "Du hast dir heute genau den richtigen Tag ausgesucht. Es geht drunter und drüber", empfängt mich Ronja Hug mit einem Lachen. "Willkommen auf der M1."

Ich betrete die Station St. Maria des Vinzenz-von-Paul-Hospitals und registriere mit etwas Unbehagen, wie sich die Tür hinter mir schließt und verriegelt. Ohne Ronjas Schlüssel komme ich nun nicht mehr raus. So ist das eben auf der geschlossenen Station, der Gerontopsychiatrie. 36 Patienten werden hier stationär behandelt und von der 23-Jährigen und ihren Kollegen – mindestens sechs examinierte sind es insgesamt auf der Station - gepflegt und betreut. Jeder kümmert sich um sechs Patienten. Die Männer und Frauen hier sind größtenteils an Demenz erkrankt. Manche sind depressiv, andere suizidal.

Einige Patienten sterben auf Station

Meist verbringen die Patienten, die alle älter als 65 Jahre sind, mehrere Wochen auf der Station. Einige sterben dort. Nicht leicht wegzustecken, aber so etwas darf man nicht an sich herankommen lassen, sagt Ronja. Anfangs habe aber jeder daran zu knabbern. "Irgendwie ist es aber auch schön, dass man derjenige ist, der die Menschen bis zum Ende begleiten darf", sagt die 23-jährige Locherhoferin. Bei so vielen psychisch Erkrankten auf einer Station ist kein Tag gleich, berichtet mir Ronja.

Ihre Hauptaufgaben sind das Verabreichen von Tabletten sowie das Pflegen, die Versorgung und die Beschäftigung der Patienten. Manchmal spielt man ein Brettspiel, manchmal singt man gemeinsam, manchmal reicht es, sich zehn Minuten Zeit für die Person zu nehmen und ihre Hand zu halten. Außerdem muss Ronja das Verhalten und den Zustand ihrer Patienten dokumentieren.

Normalerweise beginnt der Arbeitstag um halb sieben. Ronja hat heute Spätschicht. Das bedeutet, dass nach der Übergabe nun das Abendessen ansteht. "Heute hatten wir zwei Aufnahmen und eine Entlassung. Das muss neben dem Alltagsgeschäft auch noch laufen, auch wenn der Zeitplan straff ist", erzählt Ronja.

Als wir den Speisesaal betreten, fällt mir zuerst ein Mann auf, der in der Ecke sitzt und zetert. Plötzlich nimmt eine Frau meine Hand, schaut mich hilfesuchend an und fragt: "Wann geht’s ins Bett?". Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, angesichts ihres desorientierten Blicks und fühle mich ein wenig hilflos.

"Wichtig ist, dass man ganz viel Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringt", erklärt Ronja. Man müsse das Verhalten des Patienten spiegeln, sich anhören, was er zu sagen habe und darauf eingehen. "Beziehungsarbeit" nennt die 23-Jährige, die schon seit fünf Jahren hier arbeitet, das. Hin und wieder wird dies mit kleinen Erfolgen belohnt, etwa wenn ein Patient eines Tages zum ersten Mal selbst sein Zimmer findet.

Fall von Hysterie

"Man muss sich eben Zeit lassen", sagt Ronja. Auf ihrer Station sei das möglich. Vor ihrer Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin hat sie einmal ein Praktikum im Krankenhaus gemacht. "Da war es ein Kommen und Gehen. Hier ist unser Personalschlüssel gut. Es wird nur selten eng, und wenn, dann liegt das meist an unvorhergesehenen Vorkommnissen." Die sind oft an der Tagesordnung – sei es ein Missgeschick beim Toilettengang, ein renitenter Patient, der nicht essen will, oder ein Fall von Hysterie.

Letzteren Fall erlebe auch ich, als eine Frau, die gerade eingeliefert wurde, panisch nach ihrem Mann sucht und uns bittet, ihn schnell anzurufen. Auf dem Gang treffen wir eine Frau, die ihr Zimmer nicht findet und sich deshalb schämt. Ich bringe sie hin, helfe ihr ins Bett, schüttle ihr Kissen aus und decke sie zu. Kurz bevor ich wieder gehe, ergreift sie meine Hand und schaut mich an. "Vielen, vielen Dank", sagt sie, und ich muss schlucken, weil ich merke, dass mir das Schicksal der dementen Patientin an die Nieren geht. Doch ich habe auch das Gefühl, ihr zumindest ein bisschen geholfen zu haben.

Die Patienten zu Bett zu bringen, dauert unterschiedlich lang. Manche sind sehr selbstständig, andere können ihre Arme und Hände kaum mehr bewegen. Ein Mann liegt nur reglos in seinem Bett und jammert, weil er trotz der Medikamente Schmerzen hat. Das zu sehen, nimmt mich mit. Ich muss das Zimmer verlassen.

Job ist Traumberuf

Für Ronja ist ihr Job ein Traumberuf. Auch war ihr relativ früh klar, dass sie auf der psychiatrischen Station arbeiten will. "Es ist unglaublich spannend. Man kommt jeden Tag hierher und weiß nicht, was einen erwartet." Gleichzeitig könne man den Menschen, von denen viele keine Angehörigen haben, die nach ihnen schauen, ein bisschen Freude schenken.

Tatsächlich ist der Umgang zwischen Patient und Pfleger die meiste Zeit ein liebevoller. "Engele" wird Ronja von einem genannt. Die 23-Jährige schafft es auch, dem panischen Neuzugang ein Stück weit die Furcht zu nehmen.

Wichtig sei, die Patienten immer wieder zur Selbstständigkeit zu bewegen. Selbst wenn es viermal dauert, bis ein Mann sein Käsebrot festhalten kann, dann ist es den Aufwand wert, sagt die Locherhoferin.

Immer wieder schaut Ronja zudem nach ihrer Diabetes-Patientin, misst ihre Werte, telefoniert mit dem Arzt und gibt ihr eine Infusion. Das medizinische Wohl der Frau liegt in ihrer Hand. Ronja hat also auch viel Verantwortung zu tragen. Außerdem legt sie acht bis neun Kilometer Strecke pro Schicht zurück. Der Job ist also nicht nur psychisch eine Herausforderung.

Ich bin nach einigen Stunden bereits fix und fertig. Ein letztes Mal noch bringe ich die desorientierte Patientin, die wieder aufgestanden ist, ins Bett, wünsche ihr eine gute Nacht und schlendere nachdenklich über den Flur. Für die Menschen hier ist das nun ihr Zuhause. Ich kann nach einigen Stunden wieder gehen, sie müssen hier bleiben.

Und auch wenn mich manches Schicksal mitgenommen und noch Stunden danach sehr beschäftigt hat, so habe ich zumindest eins geschafft: einer ängstlichen Frau vor dem Zubettgehen das Gefühl gegeben, dass sie auf der M1 nicht allein ist.

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