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Rottweil/Villingendorf Familiendrama: Mammut-Prozess neigt sich dem Ende zu

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Vor dem Wohnhaus in Villingendorf hatten Nachbarn kurz nach dem Familiendrama Blumen abgelegt. Foto: SDMG

Rottweil/Villingendorf - Drei Menschen starben im September 2017 bei einem Familiendrama in Villingendorf. Der Tatverdächtige flüchtete und konnte erst Tage später festgenommen werden. Ihm wird vorgeworfen, seinen eigenen Sohn erschossen zu haben, außerdem den neuen Lebensgefährten seiner Ex-Partnerin sowie dessen Cousine.

Die Mutter des sechsjährigen Jungen überlebte. Der Verdächtige soll die Tat aus Eifer- und Rachsucht begangen haben.

Am 16. März begann der Prozess am Landgericht Rottweil vor der Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Karlheinz Münzer gegen den Angeklagten Drazen D. Zahlreiche Zeugen wurden gehört. Nach 15 Prozesstagen war die Beweisaufnahme abgeschlossen, das Urteil wird am 26. Juni erwartet.

Unsere Chronologie listet auf, was sich an den einzelnen Verhandlungstagen im Gerichtssaal abgespielt hat.

Tag eins: 16. März 2018

Der Verhandlungs-Marathon startet unter großem Medien- und Besucheraufkommen. Die Anklage lautet auf dreifachen Mord.

Siehe auch: Prozess-Auftakt im Liveblog

Am ersten Prozesstag stehen die Örtlichkeiten in Villingendorf im Mittelpunkt: die Wohnung, die Auffindeorte der Toten, erschütternde Tonaufzeichnungen der Notrufe - und die Hinweise zahlreicher Zeugen, die Drazen D. schon vor der Tat in Villingendorf gesehen haben.

Am Nachmittag hatte der Sohn des Angeklagten in Villingendorf seine Einschulung gefeiert, am Abend wurde er mit "drei Schüssen auf nächster Nähe" getötet.

Drazen D. zeigt während des gesamten Prozesstags keine Regung. Anfangs nennt er Namen und Geburtstatum und gibt daraufhin zu Protokoll, dass er "im Moment keine weiteren Angaben" machen wolle.

Unsere Bilder zeigen den Angeklagten Drazen D. bei seiner Vorführung im Gerichtssaal:

Tag zwei: 4. April 2018

Am zweiten Prozesstag sagt die Schwester der Ex-Partnerin von Drazen D. aus. Sie schildert ein jahrelanges Martyrium. Wenige Wochen vor der Bluttat soll Drazen D. gegenüber der Frau angekündigt haben, dass "alles vorbereitet" sei. Er werde in einem Monat kommen und ihren Freund, dessen Kinder und seinen eigenen Sohn erschießen. Nur seine Ex wolle er am Leben lassen, sie "quälen" und ihr die Augen ausstechen, damit sie den Rest ihres Lebens allein mit ihren Gedanken sei.

Hilfegesuche bei der Polizei führten ins Leere: Dort habe man der Frau und ihrem neuen Freund gesagt: "Solange nichts passiert ist, kann man nichts machen."

Tag drei: 6. April 2018

An Tag drei des Prozesses schildern Notärzte und Nachbarn das dramatische Geschehen in der Tatnacht. "Der Fernseher lief noch, es kam ein Zeichentrickfilm", erinnert sich einer der Kriminalbeamten. Das Kind lag tot am Boden.

Auf der Terrasse fand der Notarzt den toten Lebensgefährten der Mutter. Seine 29-jährige Cousine war schwer verletzt, schleppte sich jedoch noch zur Straße. Sie starb später in der Rottweiler Helios-Klinik wegen des hohen Blutverlusts.

Die dreijährige Tochter der 29-Jährigen hatte sich geistesgegenwärtig im Badezimmer versteckt, sie wurde erst später entdeckt. Noch im Krankenhaus habe sie sich an einen 51-jährigen Sanitäter geklammert und war völlig durcheinander. So schildert es der Mann.

Die Mutter des getöteten Jungen konnte fliehen und bei Nachbarn Unterschlupf finden. Als sie später vom Tod ihres Kindes erfuhr, sei sie "innerlich zusammengebrochen", berichtet ein Polizeibeamter.

Tag vier: 16. April 2018

Am vierten Prozesstag bricht Drazen D. vor Gericht erstmals sein Schweigen.  "Es ist zu viel", sagt er. Er könne für heute nicht mehr. Zuvor war unter anderem seine Psychiaterin vernommen worden, die Drazen D. im Jahr 2007 auf Drängen seiner damaligen ersten Frau aufgesucht habe. Sie sprach von Angstattacken, Schlafstörungen, einem Hang zu Alkohol, Schulden und Spielsucht. Sein Selbstbild sei "vom klassisch männlichen Rollenbild" geprägt gewesen. Dass er einmal die Waffe gegen seinen Sohn richten würde, habe sie jedoch "in keinster Weise" gedacht.

Die Rede kommt an diesem Prozesstag auch auf frühere Urteile gegen den Angeklagten. So hat er bereits früher seine jeweiligen Partnerinnen brutal misshandelt.

Tag fünf: 17. April 2018

Die ehemalige Chefin von Drazen D. spricht am fünften Verhandlungstag von einem "schwierigen Mitarbeiter". 15 Jahre lang hatte er in dem Autohaus am Bodensee gearbeitet, ehe er 2014 entlassen wurde. Er habe ein Problem mit Autoritäten gehabt. Ihr gegenüber habe er bereits Drohungen gegen seine damalige Frau ausgesprochen. "Wenn ich die Kinder nicht bekomme, bringe ich sie um, bevor meine Frau sie hat."

Tag sechs: 23. April 2018

Fassungslosigkeit im Gerichtssaal: Drazen D. hatte vor Bekannten und Landsleuten damit geprahlt, dass er den Aufenthaltsort seiner Ex-Partnerin kenne - und, dass er sie umbringen werde. Auch seine Suche nach einer Waffe war vielen bekannt. Im Zeugenstand meinen sie nur: "Wir haben ihn nicht ernst genommen."

Tag sieben: 24. April 2018

Immer wieder wird vor Gericht deutlich: Drazen D. ist ein Angeklagter, der die meisten Indizien gegen sich gleich selbst liefert. Auf dem Suchverlauf seines Smartphones etwa finden sich gespeicherte Bilder- und Videodaten, die die Zuhörer im Gerichtssaal erschaudern lassen: "Vater erschießt sich und Kind", "Menschen töten live", "Klappbares Gewehr M48", ein Video, das eine entstellte Frau nach einem Säureanschlag zeigt, "Rache eines Vaters" und "Telefonbuch Villingendorf". Letzteres zeigt: Er hat den Wohnort seiner Ex akribisch ausspioniert.

Einer Kripobeamtin hat die Mutter des getöteten Jungen erschütternde Details aus der Tatnacht geschildert. Mit den Geschehnissen könne sie nicht fertig werden, sie hadere damit, sich nicht schützend auf ihr Kind geworfen zu haben. Sie habe "niemals damit gerechnet", dass Drazen D. sein eigenes Kind erschießen würde.

Aufnahmen vom Tatort in der Nacht nach dem Dreifachmord:

Die junge Mutter, die vor wenigen Wochen das Kind ihres getöteten Lebensgefährten zur Welt gebracht hat, habe Baden-Württemberg verlassen, werde polizeilich betreut und "kämpft jeden Tag ums Überleben", so die Kripobeamtin.

Tag acht: 26. April 2018

Am achten Prozesstag sagt der frühere Ehemann der Expartnerin von Drazen D. aus. Seine Frau habe eine Affäre mit Drazen D. begonnen, woraufhin dieser ihn immer wieder bedroht habe. Mehrfach drohte Drazen D. dem heute 63-Jährigen, er wolle ihn zu Tode foltern. Drazen D. plante wohl auch, Frau und Kinder aus erster Ehe in München aufzusuchen und zu erschießen.

Die frühere Frau des neuen Lebensgefährten der überlebenden Mutter erzählt, dass sie mehrfach auf den kleinen Jungen aufgepasst habe. "Einmal hat er geweint, weil er starke Sehnsucht nach seinem Papa hatte."

Der Ehemann der verstorbenen Cousine war ebenfalls bei der Einschulungsfeier dabei, hatte das Haus aber kurzzeitig verlassen, um etwas zu besorgen. Bei seiner Rückkehr waren drei Menschen tot. "Mir fehlt meine Frau und die Mutter für meine Kinder", sagt er. Die Polizei habe große Fehler gemacht, meint der 32-Jährige zudem.

Tag neun: 15. Mai 2018

Die Exfrau von Drazen D. berichtet vor Gericht von ihrer Horror-Ehe. Ihr Exmann habe abartige Tötungsfantasien gehabt und ihr immer wieder geschildert, was er mit ihr und den Kindern machen werde, wenn sie ihn verlasse. Erst nach neun Jahren schaffte sie den Absprung.

Am Nachmittag dann erscheint die einzige überlebende Augenzeugin des Familiendramas von Villingendorf vor Gericht: die Mutter des getöteten Kindes. Die 31-Jährige schildert detailliert, wie Drazen D. aus dem Dunkeln auf die Terasse trat und wie ihn alle geschockt anstarrten, als er mit dem Satz "Schönen Abend" in Sekundenschnelle auf ihren Lebensgefährten schoss. Der zweite Schuss traf die Cousine, im Sterben rief ihr Lebensgefährte auf Russisch: "Renn. Renn. Hol die Polizei." Niemals aber hätte sie gedacht, dass er den gemeinsamen Sohn töten würde.

Auch die Schilderung der schrecklichen Jahre mit Drazen D. vor der Tat erschüttern die Zuhörer. Sie berichtet von ihren verzweifelten Gesuchen bei der Polizei um Hilfe. Sie sagt: "Das alles wäre vermeidbar gewesen."

Weil die 31-Jährige ein Versagen der Polizei sieht, die ihr vor der Tat trotz der Bedrohungen nicht geholfen habe, hat sie Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Ermittlungen laufen.

Tag zehn: 16. Mai 2018

Am 16. Mai sagen Kriminaltechniker zu den gesicherten Spuren am Tatort aus. Demnach wurde der sechsjährige Sohn von Drazen D. mit einer Kriegswaffe aus einer Entfernung von 50 Zentimetern beschossen - zweimal in die Brust und einmal in den Bauch, als das Kind bereits am Boden lag.

Mit einem Schuss in die Brust wurde auf der Terrasse der 34-jährige Lebensgefährte der Mutter getötet. Seine 29-jährige Cousine, die erst kurz zuvor nach Villingendorf gekommen war, starb im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen.

Unsere Aufnahmen zeigen die Suche nach dem Tatverdächtigen:

Der Tatverdächtige flüchtete. Tagelang suchten die Ermittler nach dem Kroaten - gingen zeitweise sogar davon aus, dass er sich ins Ausland abgesetzt haben könnte. Mit Hubschraubern, Drohne und einem Großaufgebot an Einsatzkräften wurden die um Villingendorf liegenden Wälder durchsucht - ohne Ergebnis.

Ein Videobericht über die Suchaktion in den Wäldern rund um den Tatort:

Einige Tage später dann sah ein Passant den Tatverdächtigen durch Neufra spazieren. Die Tatwaffe hatte er noch bei sich. Er habe während seiner Flucht in einer Gartenhütte bei Neufra gehaust, gab er zu Protokoll.

Dieser Videobericht entstand kurz nach der Festnahme von Drazen D. in Neufra:

Tag elf: 17. Mai 2018

Am 17. Mai wird vor Gericht die Handhabung der Originalwaffe demonstriert, das Ergebnis: Die Opfer hatten nach den Schüssen keine Überlebenschance.

Im Gerichtssaal wird dabei auch die Kleidung der Getöteten gezeigt. Unter anderem das kleine Unterhemd des Sechsjährigen und das blau-karierte Hemd, das er bei seiner Einschulung getragen hat.

Tag zwölf: 28. Mai 2018

Am zwölften Verhandlungstag sagt unter anderem eine Verwandte des Angeklagten Drazen D. aus, die ihn bei der Beschaffung der Waffe begleitet haben soll. "Die Tat war schlecht, aber über ihn kann ich nichts Schlechtes sagen", macht sie klar und ergänzt: "Er hat seinen Sohn über alles geliebt."

Tag dreizehn: 29. Mai 2018

Am 13. Verhandlungstag treten Zeugen des Jugendamts auf. Man habe im Fall von Mutter und Sohn keine Veranlassung für einen Aufenthalt im Frauenhaus oder in einer Schutzwohnung gesehen, heißt es, während ein Vertreter der Nebenkläger entgegenhält, dass es schon damals Hinweise auf eine Kindeswohlgefährdung gegeben habe.

Drazen D. kündigt indessen an, dass er am nächsten Verhandlungstag Angaben zur Tat machen wolle.

Tag vierzehn: 30. Mai 2018

Kurz vor Schließung der Beweisaufnahme bricht Drazen D. sein Schweigen. Der Kroate berichtet von Erfahrungen im Krieg, Bedrohungen und von seiner Flucht. Er gibt auch zu, seine Ex-Freundin geschlagen zu haben, er schiebt dies auf seinen Alkoholkonsum.

Als die Sprache auf seinen Sohn kommt, kämpft Drazen D. Mit den Tränen. Er sei in einer anderen Welt gewesen, meint er. Sein Sohn sei alles für ihn gewesen.

Tag fünfzehn: 18. Juni 2018

Ein psychiatrischer Gutachter spricht über die Persönlichkeit von Drazen D. Er kommt zu dem Schluss, dass der Angeklagte schuldfähig ist - und dass er die drei Morde bewusst und geplant begangen hat. Seine frühere Alkoholsucht, Cannabiskonsum und seine Kriegserlebnisse – das alles habe bei der Tat keine Rolle gespielt. Im Gegenteil: die Tatsache, dass er seit vier Jahren keinen Alkohol mehr trinke, zeige, dass er sich steuern könne.

Eine Therapie des 41-Jährigen sei nur schwer möglich und seine Persönlichkeitsstörung könne nicht medikamentös behandelt werden. Die Prognose sei in alles Bereichen schlecht.

Mit dem 15. Verhandlungstag wird die Beweisaufnahme geschlossen, am 21. Juni folgen die Plädoyers. Das Urteil wird am 26. Juni erwartet.

Mehr zum Familiendrama in Villingendorf auf unserer Themenseite.

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