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Rottweil Verein will Abschiebung verhindern

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Yousef Jarrar und seine Cousine Nahla H. sind gemeinsam aus ihrer Heimat Syrien geflohen. Derzeit leben sie in Rottweil. Foto: Schickle

Kreis Rottweil - Das Schlimmste ist das Warten. Seit Yousef Jarrar und seine Cousine Nahla H. ihre Heimat Syrien im September 2013 verlassen haben, liegt ihr normales Leben auf Eis. Mit einer Schleuserbande sind sie über das Mittelmeer nach Europa, nach Italien, gekommen. Zumindest die Überfahrt haben sie überlebt. Angekommen ist Yousef Jarrar dennoch nicht: Seit Dezember lebt er wie seine Cousine im Übergangswohnheim in Rottweil. Nun droht ihm die Abschiebung nach Italien.

Dass es so weit kommt, wollen Max Burger und Christoph Frank vom Freundeskreis Asyl Rottweil verhindern. Sie sind aufgeschreckt von einem Fall in Lauterbach. Dort wurde kurz nach Ostern ein junger Somali abgeschoben, und das örtliche Netzwerk für Flüchtlinge ging auf die Barrikaden. Der 29-Jährige sei beliebt gewesen im Ort und integriert, hieß es. Ähnlich erklären Burger und Frank ihren Einsatz für Jarrar. In einem Schreiben an den Petitionsausschuss des Bundestags bezeichnen sie den 37-Jährigen als "stets hilfsbereiten, kompetenten und freundlichen" Mann, dessen Abschiebung in die Arbeit des Freundeskreises "eine empfindliche Lücke" reißen würde. Jarrar berichtet unter anderem in Schulen von seiner Heimat und seinen Erfahrungen als Kriegsflüchtling. "Was da passiert bei den Schülern ist das allerwertvollste, was wir machen können", findet Christoph Frank. Von den "massiven Vorurteilen" bleibt nicht mehr viel übrig.

Yousef Jarrar ist einer von 722 Flüchtlingen im Landkreis (Stand Ende März). Vor rund einem Jahr, zum 30. April 2014, waren es noch 406, am 7. Dezember 2013 insgesamt 204 gewesen, berichtet Bernd Hamann, Dezernent für Soziales, Jugend und Versorgung. Viele kommen aus Afrika und Syrien, sagt er, andere aus Südosteuropa.

Im Landkreis Rottweil werden die Flüchtlinge dezentral untergebracht. Das heißt, sie werden auf die Kommunen verteilt – je nach Einwohnerzahl. Die größte Unterkunft ist das Wohnheim in Rottweil, wo rund 190 Menschen leben. Bisher haben die Plätze im Kreis ausgereicht. "Da muss man auf Holz klopfen", sagt Hamann. Denn findet sich nicht mehr genug Wohnraum, wären Massenlager in Hallen oder Container die Folge.

Dezentrale Unterbringung bewährt sich im Landkreis

Für Bernd Hamann hat sich die dezentrale Unterbringung bewährt – für Flüchtlinge und Bevölkerung. Je kleiner die Einheiten, desto mehr bürgerschaftliches Engagement gebe es, desto weniger Gründe für Provokationen und desto eher sei Integration möglich, erklärt der Fachmann.

Integration ist das Stichwort, das Burger und Frank in Aktion versetzt. Nicht für jeden Flüchtling könnten sie sich in dem Maße einsetzen wie für Yousef Jarrar. Aber bei ihm sei es ein Geben und ein Nehmen. Er bringe sich ein. Seine erschütternden Erfahrungen auf der Flucht bewegten seine Zuhörer zutiefst, schreiben sie nach Berlin. "Derartige Veranstaltungen sind bei den rapide steigenden Flüchtlingszahlen [...] für den Erhalt einer positiven Stimmung in der Bevölkerung von enormer Wichtigkeit". Auch Bernd Hamann beschreibt die Stimmung gegenüber Flüchtlingen im Kreis als "sehr wohlwollend". Doch sie sei ein zartes Pflänzchen. Schließlich mache das Fremde erst mal Angst. Deshalb schätzt er die Tatsache, dass sich im Kreis viele "in hervorragender, vorbildlicher Weise für Asylbewerber einbringen", umso mehr.

Italien ist nicht Syrien: Aber angesichts dessen, was der 37-Jährige von seiner Ankunft in dem Land erzählt, ist für Christoph Frank und Max Burger klar: Die Italiener sind mit der Flut an Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, überfordert.

Auch der Rottweiler Sozialdezernent sagt angesichts dessen, was im Mittelmeer passiert: "Da hab ich mit Sicherheit zwei bis drei Herzen in meiner Brust." Dass sich Flüchtlinge in völlig überfüllte Boote setzen, zeige, "wie groß die Not ist". Die Schleuserbanden seien ein großes Problem, gleichzeitig meint Hamann: "Die Armut dieser Welt können wir hier in Deutschland nicht ändern", das müsse an Ort und Stelle passieren. Aber es fange hierzulande bei Kleinigkeiten an – mit Fragen wie: Was kaufe ich hier zu welchem Preis? Bei politischen Flüchtlingen indes ist die Sache klar: "Da sind wir in der Pflicht."

Wenn stimmt, was Yousef Jarrar erzählt, dann hat er in Italien Schlimmes erlebt. Er habe sich in einem Raum voller Polizisten ausziehen müssen, wurde ausgelacht und bedroht. Und er sei gezwungen worden, seine Fingerabdrücke abzugeben. Genau das ist nun sein Problem. Laut Dublin III-Verordnung ist das EU-Land, wo sich ein Flüchtling zuerst registriert, zuständig fürs Asylverfahren. Von der Bundesrepublik hat Jarrar deshalb bereits im Dezember einen Abschiebebescheid nach Italien erhalten. Der Freundeskreis Asyl kämpft dagegen an. Derzeit mit der Petition (Inhalt: Deutschland solle aus humanitären Gründen das Verfahren übernehmen) und einer Klage vor dem Verwaltungsgericht.

Yousef Jarrar fürchtet die zwangsweise Rückkehr nach Italien

Yousef Jarrar hat Angst davor, nach Italien zurück zu müssen. Er berichtet vom Leben auf der Straße: Flüchtlinge sollen in Obdachlosenheimen übernachten, müssten diese aber tagsüber verlassen. Und vor allem hat er Angst davor, wieder monatelang in der Luft zu hängen. "Ich fühle mich, als ob ich feststecke zwischen Erde und Himmel." Seine beiden Rottweiler Unterstützer rechnen damit, dass die Verwaltungsgerichtsklage dennoch abgelehnt wird.

Fast klingt es wie eine Drohung, wenn Christoph Frank sagt: Wenn so etwas passiere wie in Lauterbach, dann "fallen wir in so ein Loch, dass ich nicht weiß, ob wir weitermachen". Yousef Jarrar sagt, er sei dem Freundeskreis für das Engagement dankbar. Und er wartet weiter.

 Bei einem Syrien-Abend am Donnerstag, 23. April, berichtet Yousef Jarrar ab 19.30 Uhr in der Stadtbücherei Rottweil von Syrien. Anmeldungen unter Telefon 0741/49 43 40.

 
 

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Armin Schulz

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