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Rottweil Veränderung muss unbequem sein

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Tobias Raff hat seine Ernährung komplett auf vegan umgestellt. Foto: Cools Foto: Schwarzwälder Bote

Low-Waste-Haushalt, veganes Leben, 30 Kilo weniger und jede Menge Ideen für seine Heimatstadt – Tobias Raff ist einer, der keine Angst davor hat, sein Leben vollkommen umzukrempeln. Auch für Rottweil hat er Großes geplant.

Rottweil. Keine Milch, kein Fleisch, Stofftüten beim Einkaufen und mindestens eine gesellschaftspolitische Dokumentation pro Woche – so sieht Tobias Raffs Alltag aus. Der Rottweiler ist in den vergangenen zwei Jahren an viele Grenzen gestoßen – nicht nur an seine eigenen körperlichen, sondern auch an die anderer. Menschen, die nicht verstehen können, wie er lebt, Menschen, die fürchten, er wolle sie mit seinem neuen Lebensstil "bekehren". Keinesfalls, stellt Raff klar. "Ideologisch an die Sache heranzugehen, ist das Schlimmste", betont er. Der 43-Jährige will niemandem etwas aufdrängen. Die vegane Lebensweise sei eben das, was ihm guttue.

Dabei ist Raff jedoch kein naiver Traumtänzer. Er weiß: "Wer 100 Prozent vegan leben will, muss aus der Gesellschaft aussteigen." Für ihn gehe es nicht darum, seinen Verbrauch tierischer Produkte auf Null zu bringen, sondern seine Lebensweise dort anzupassen, wo es sinnvoll ist. Manchmal müsse man auch mal Fünf gerade sein lassen, meint der 43-Jährige. Seine Frau, die seit vier Jahren vegan lebt, handhabe das ein wenig strenger. "Ich nenne ihr immer das Beispiel von einem veganen Radfahrer, der eine Fliege verschluckt. Darf er sich deshalb nicht mehr vegan nennen?"

Die vegane Ernährung habe er zuallererst aus gesundheitlichen Gründen für sich entdeckt. Raff nahm durch die Umstellung in Verbindung mit Sport 30 Kilo ab. "Vorher war ich das genaue Gegenteil von vegan: Ich habe praktisch nur Burger und Eis gegessen", erinnert sich Raff. Seine Frau Jessica lebe aus ethischen Gründen vegan, erklärt er. Das Leben der Familie hat sich komplett verändert. "Wir kaufen nun kein Fleisch mehr, stattdessen zwei Drittel Gemüse und ein Drittel Obst", erzählt Raff. Insgesamt verzichte er auf alles Fettige und Süße.

Eigentlich mag der Rottweiler das Wort Verzicht nicht. "Mittlerweile schmeckt mir Fleisch einfach nicht mehr." Seinen Kindern stehe es frei, sich der Einstellung anzupassen. "Natürlich kochen wir zu Hause vegan, aber wenn sie mit dem Opa essen gehen, können sie sich bestellen, was sie wollen", sagt Raff. Zwang mag er nicht. Genau vor diesem fürchten sich auch die Menschen, wenn die Raffs ihnen von ihrer Lebensweise erzählen. "Mittlerweile erwähnen wir es kaum mehr", erzählt er. Zu oft habe es schon Anfeindungen oder sogar Bedrohungen gegeben.

Gegenwind gewohnt

Die sind für Raff nichts Neues. Er ist es gewohnt, dass seine Aktionen zu Gegenwind führen. Gute Ideen hat er nämlich jede Menge. So haben er und seine Frau vor gut drei Jahren einen Podcast mit Namen "Veggie-Cast" gestartet, den sie in nächster Zeit neu aufbauen wollen. "Wir hatten immerhin ein paar 1000 Hörer", sagt Raff stolz.

Themen waren unter anderem Ernährung, Ethik und Tierhaltung. "Da ging es aber nicht darum, die vegane Lebensweise zu bewerben. Wir hatten auch durchaus konträr eingestellte Gäste", erzählt Raff. So eine Diskussion könne seiner Meinung nach auch auf politischer Ebene ausgetragen werden. "Man muss sich nur ausreden lassen." "Gute Gespräche", darum sei es vor allem gegangen.

Sein politisches Interesse sei schon vor dem ganzen Veggie-Thema erwacht. Am 30. September 2010 war er bei der Stuttgart-21-Demonstration am "Schwarzen Donnerstag" und in gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei verwickelt – ein einschneidender Moment. Später begleitete er einen Fernsehsender zu Unruhen in Spanien und diskutierte mit Vertretern aus der Politik.

Keine Frage, dass er sich auch 2015 mit Aufkommen der Flüchtlingskrise dazu berufen sah, zu helfen. Seine Frau und er seien sich dabei einig gewesen, dass es nicht reiche, "nur Geld zu spenden und dann umzuschalten". Nächstenliebe müsse wehtun, den Menschen aus seiner Komfortzone bringen.

Also sammelten die Raffs Sachspenden. Mit dem Ergebnis hätte wohl niemand gerechnet. "Die Leute brachten Unmengen an Material. Wir hatten unsere Adresse angegeben. Manchmal kamen wir nach Hause, und innerhalb von zwei Stunden hatten sich die Spenden an der Hauswand hoch gestapelt", erzählt Raff. Sechs Wochen lang sortierten er und seine Frau täglich vier Stunden Kleidung.

Und mit der Sammlung war es nicht getan. Raff reiste zur Balkanroute und nach Calais, verteilte Spenden, half Verwundeten. "Da haben sich Szenen abgespielt, an die ich heute kaum mehr denken möchte", sagt er nur dazu.

2016 kam bei Tobias Raff im Zuge seiner Umstellung zur veganen Lebensweise eine Idee auf: möglichst geringe Müllproduktion. Die Raffs kamen darauf, als sie eines Abends nach dem Essen die leeren Plastikschalen vor sich sahen. Das war der Startschuss, um sich genauer mit dem Müll zu beschäftigen und vor allem mit der Frage, wie man diesen reduzieren kann.

Der Anfang sei nicht leicht gewesen. "Auch jetzt schaffen wir es noch nicht, überhaupt keinen Verpackungsmüll mehr zu verursachen", gibt Raff zu. Aber immerhin Low-Waste (wenig Müll) sei möglich. Von einst fünf gelben Säcken ging der Verbrauch auf einen Sack pro Monat herunter. "Beim Einkaufen nehmen wir immer unsere eigenen Stofftaschen zum Abwiegen und zum Transport der Lebensmittel mit", nennt Raff ein simples Beispiel.

Füllhorn an Ideen

Um auch anderen die Chance zu geben, weniger Müll zu verursachen, wollten die Raffs einen "Unverpackt"-Laden eröffnen, in dem es verpackungsfreie Lebensmittel gibt. Doch die Kosten sprengten den Rahmen. "Allein ist das kaum zu stemmen. Dafür müsste man alles aufgeben, zuallererst die sicheren Jobs", gibt Raff zu. Die Idee besteht noch, doch man wisse ja auch nicht, wie gut das in Rottweil angenommen werde.

Trotzdem hat Raff noch ein Füllhorn an Ideen. So spricht er sich für einen Modellversuch zum bedingungslosen Grundeinkommen aus. Gerade Rottweil sei größenmäßig prädestiniert dafür, sagt der 43-Jährige. Bei einem solchen gebe man rund 400 Bürgern ohne Vorgaben Geld für ein Jahr und lasse sie ein Haushaltsbuch führen. "Wenn jeder einfach das tun könnte, was er am liebsten mag, dann wäre es ein totaler Umbruch. Dann könnte man kapitalistische Strukturen aufbrechen", meint Raff. Die Krux: Dazu bräuchte man rund fünf Millionen Euro. "Die hab ich grad nicht parat", lacht er.

Was jedoch umsetzbar sei und was er derzeit mit seiner Frau plant, sei ein Verein zur solidarischen Landwirtschaft (Solawi). "Das ist im Prinzip wie eine kleine Planwirtschaft. Jeder Teilhaber bringt sich ein und finanziert die Produktion auf einem Acker mit. Für das, was die Teilhaber geben, erhalten sie jeweils genau den gleichen Anteil Gemüse", erklärt Raff. Jeder sei beteiligt, und es mache sehr viel Spaß, versichert er.

Die Raffs sind bereits Mitglied bei der Solawi in Villingen-Schwenningen. Doch Raff will auch Rottweilern die Möglichkeit geben, etwas Neues und seiner Meinung nach Faireres zu machen. "Das ist hoch spannend. Dazu muss man auch nicht zwingend Veganer sein", sagt er. Und es funktioniere. "Barfood in Villingen sind bereits im zweiten Jahr mit rund 90 Mitgliedern, und sie haben pro Jahr 80 000 Euro zur Verfügung", sagt Raff.

Ziel: Verein gründen

Um das Projekt in Rottweil umsetzen zu können, braucht Raff einige Interessierte, die dazu bereit wären, den Vorstand zu bilden. Dann plant Raff, einen Verein zu gründen, eine Satzung auf den Weg zu bringen und einen Interessentenabend zu veranstalten. Gemeinsam könne man etwas Großes starten. "Ich hoffe, die Rottweiler lassen sich drauf ein", meint er.

Ansonsten wird der rührige Rottweiler bestimmt weitere Ideen finden, um Rottweil ein wenig fairer zu machen.  Wer sich Raffs Idee eines Vereins für solidarische Landwirtschaft anschließen will, kann ihn per E-Mail an tobiasraff@mailbox.org erreichen.

 
 

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Armin Schulz

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