So sieht ThyssenKrupp Elevator den Aufzug der Zukunft in einem Hochhaus: Die Kabinen fahren nicht nur hoch und runter, sondern sind auch horizontal unterwegs. Foto: Animation: TKE

Neues System MULTI soll in Rottweil bis zur Marktreife getestet werden. Aufzüge der Zukunft fahren auch quer.

Rottweil - Am Donnerstag hat ThyssenKrupp Elevator (TKE) die Katze aus dem Sack gelassen: Im neuen Rottweiler Testturm soll ein "revolutionäres neues Aufzugssystem" bis zur Marktreife gebracht werden. Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender der ThyssenKrupp Elevator AG, stellte den MULTI gestern in der Konzernzentrale in Essen in großem Rahmen vor. Und Rottweil spielte bei der Präsentation dieses "Durchbruchs in der Aufzugsindustrie" eine wichtige Rolle.

Der neue Aufzug MULTI basiert laut TKE auf einem ganz neuen Konzept: Mithilfe von Linearmotoren, die an jeder Kabine befestigt sind, kann erstmals auf das Aufzugsseil verzichtet werden. Dadurch kann der neue Aufzug sowohl vertikal als auch horizontal und mit mehreren Kabinen in einem Schacht fahren. "Der Rottweiler Testturm ist ein entscheidendes Puzzleteil, um diese Innovation schnell weiterzuentwickeln", sagt ein Unternehmenssprecher. Erst wenn der Bau auf dem Berner Feld Ende 2016 fertig ist, könne ein Prototyp erstellt und getestet werden. Noch ist der MULTI ein Forschungsprojekt.

Doch wie fährt ein Aufzug im 246 Meter hohen und sehr schlanken Testturm dann horizontal? Zwei Schächte werden laut TKE im Turm für den MULTI reserviert sein, die miteinander verbunden sind und in denen die Kabinen dann zirkulieren könne. "Die horizontale Bewegung ist nicht das Problem", heißt es bei TKE auf Nachfrage. Vielmehr gehe es um die Geschwindigkeit und das Zusammenspiel mehrerer Aufzüge in nur einem Schacht.

Im Video wuseln viele blaue Aufzüge durchs Gebäude

ThyssenKrupp präsentierte den MULTI gestern in Essen als "völlig neue und effiziente Beförderungslösung für Gebäude mittlerer und großer Höhe". Ähnlich wie im früheren Paternoster können mit MULTI mehrere selbstfahrende Aufzugskabinen pro Schacht in einem Umlaufsystem betrieben werden – "mit dem Unterschied, dass der Paternoster im Schleichgang unterwegs war und nicht anhalten konnte", so der Sprecher. Der MULTI soll dagegen fünf Meter pro Sekunde bewältigen. Dadurch erhöhe sich die Beförderungskapazität in einem Schacht um bis zu 50 Prozent, der Platzbedarf des Aufzugs in einem Gebäude könne um den gleichen Faktor reduziert werden.

Wie es aussehen kann, wenn mehrere, unabhängig voneinander fahrende Kabinen im gleichen Schacht hoch und runter sowie hin und her fahren, präsentierte TKE gestern auch in einem animierten Video. Kleine blaue Aufzüge wuseln da durch ein Gebäude. "Alle kommunizieren untereinander und wissen, wann der Weg frei ist", so der Unternehmenssprecher. Passagiere erhalten so alle 15 bis 30 Sekunden Zugang zu einer Aufzugskabine. Der "Trans­rapid" von ThyssenKrupp liefert das nötige Know-how zu dieser Technologie.

Andreas Schierenbeck sieht diesen kontinuierliche Passagierfluss als einen der großen Vorteile des Systems: "Pro Jahr warten Büroangestellte in New York City zusammen 16,6 Jahre auf einen Aufzug, weitere 5,9 Jahre verbringen sie in den Kabinen."

Dass sich dass ändern wird, dazu soll nun also der Rottweiler Testtower entscheidend beitragen. "Wir wissen seit längerem, dass wir den Turm nicht zuletzt für diese Innovation unbedingt brauchen", erklärt der Sprecher des Unternehmens. Genaueres habe man aber vorher nicht verraten können.

Kein Wunder also, dass ThyssenKrupp den Fortgang des Baus in Rottweil mit Argusaugen verfolgt. Und für Rottweil selbst eventuell beruhigend, dass das Unternehmen seine Rolle als Anbieter von Hochleistungsaufzügen im hart umkämpften globalen Wettbewerb weiter stärkt. u Wie der Bau tatsächlich voran geht, kann jetzt auch über eine Webcam auf der Homepage der Stadt Rottweil verfolgt werden. Und ab morgen geht es schon ins Finale unseres Namenswettbewerb für den neuen Testturm. "MULTI-Tower" ist allerdings nicht in der Auswahl vertreten.

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