Irgendwann geht es zu Ende. Schön, wenn man diesen Gang nicht alleine antreten muss. Foto: Försterling

Wunsch und Aufgabe: Nähe vermitteln auf dem letzten Weg. Drei Frauen erzählen von ihrer Arbeit.

Rottweil - Menschen beim Sterben begleiten? Ständig mit dem Tod in Berührung kommen? Für die meisten sicherlich undenkbar. Doch Irmgard Friedrich, Ursula Switek und Gabriele Sautermeister haben Erfüllung in dieser Aufgabe gefunden.

Irmgard Friedrich und Ursula Switek gehören zur Rottweiler Hospizgruppe, Gabriele Sautermeister engagiert sich bei der Sitzwache. Seit vielen Jahren begleiten die drei Frauen schwache, schwer kranke und sterbende Menschen auf ihrem letzten Weg. Die Sitzwache arbeitet schwerpunktmäßig nachts – eine besonders zehrende Angelegenheit für die Betreuer, da viele berufstätig sind.

Egal ob in Privatwohnungen, Pflegeheimen oder Krankenhäusern – Hospizpflege findet dort statt, wo Sterbende nicht alleine sein wollen und wo die Angehörigen mit dem nahenden Tod überfordert sind. "Wir reden oder singen mit den Menschen, oft reichen auch einfache Berührungen aus, um Nähe zu vermitteln", erzählt Irmgard Friedrich.

Dabei dürfe man sich auf keinen Fall mit Nebenbeschäftigungen wie Stricken oder Lesen ablenken, sondern müsse "einfach nur da sein", so Ursula Switek. Begleitung auf dem letzten Weg, das sei ihre Aufgabe. Sterbehilfe dagegen lehnen sie ab.

Mit dem Leben im Reinen

"Oft werden wir erst in der letzten Lebensphase gerufen, wenn die Menschen nicht mehr ansprechbar sind", berichtet Gabriele Sautermeister. Dann sei großes Feingefühl gefragt. "Wenn sich der Betreute nicht mehr äußern kann, fragt man sich oftmals, ob man ihm überhaupt helfen konnte", räumt sie ein. Ihre beiden Kolleginnen nicken zustimmend. Und dann fällt Irmgard Friedrich eine berührende Geschichte ein:

Damals sei sie zu einer sterbenden Frau gerufen worden, die nicht mehr ansprechbar war. "Ich habe das Fenster aufgemacht und ihr erzählt, dass die Vögel zwitschern und gerade Frühling ist", erinnert sich die betagte Dame. Dann habe sie das Lied "Alle Vögel sind schon da" angestimmt – und bei der zweiten Strophe sei die sterbende Frau mit eingestiegen. "Dieser Moment hat mir gezeigt, dass meine Arbeit einen Sinn hat und dass ich helfen kann", resümiert Friedrich.

Die drei Hospizarbeiterinnen erzählen, sie würden häufig erleben, dass Menschen nicht sterben könnten. "Wenn sie nahe Angehörige nicht zurück lassen wollen oder noch offene Konflikte haben, dann klammern sie sich ans Leben", erklärt Ursula Switek.

Irmgard Friedrich fällt ein weiterer Fall ein: Ein alter Mann lag ihm Sterben. "Er hat sich sein Leben lang für seine Schwester verantwortlich gefühlt und wollte sie nun einfach nicht alleine lassen", erzählt die Sterbebegleiterin. Erst als die Schwester ihm versichert habe, "dass er gehen darf, und dass sie ihre restlichen paar Jahre auch noch alleine schafft", habe er beruhigt ausgeatmet und sei gestorben. "Wenn die Menschen mit sich und ihrem Leben im Reinen sind, dann ›können‹ sie sterben", bestätigt Ursula Switek.

"Es beschäftigt einen und wühlt auf"

Die ständige Konfrontation mit dem Tod und schweren Schicksalen – wie stecken Hospizarbeiter diese enorme seelische Belastung weg? "Klar, es beschäftigt einen und wühlt auf", räumt Gabriele Sautermeister ein. Trotzdem bezeichnet sie Hospizarbeit als "Geschenk für einen selbst". Ursula Switek stimmt zu: "Es macht glücklich, für die Sterbenden da zu sein und den Angehörigen zu helfen."

Durch ihre Arbeit, betonen die drei Frauen, hätten sie einen anderen Bezug zum Tod bekommen. "Man kann durchaus ein fröhliches Leben führen, muss sich aber immer bewusst sein, dass es irgendwann zu Ende geht", findet Gabriele Sautermeister. Diese Einstellung würde sie sich auch in der heutigen Gesellschaft wünschen, in der Sterben, Tod und Trauer immer noch Tabuthemen sind, denen man allzu gerne ausweicht.

u Die Hospizgruppe und die Sitzwache sind Träger der Ausstellung "Lebenskunst Sterben". Diese findet vom 16. März bis 1. April im Rottweiler Kapuziner statt.

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