Eine Gruppe Demonstranten steht vor einer Barrikade von Bereitschaftspolizisten auf einer Straße. Tausende Demonstranten versammeln sich zu einem Protest gegen den Präsidenten Lukaschenko. (Symbolfoto) Foto: Dmitri Lovetsky/AP/dpa

"Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung" hält Kontakt. Hoffnung weicht Wut.

Rottweil/Belarus - Auch die Rottweiler "Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung", die seit vielen Jahren mit ihren weißrussischen Partnern soziale Projekte und Kindererholungen organisiert hat, schaut voller Sorge auf die Entwicklung in dem diktatorisch geführten Land.

Beispiellose brutale Polizeigewalt

Für freie Wahlen und den Rücktritt des Präsidenten gehen hunderttausende zurzeit in Belarus auf die Straße. Tausende Demonstranten wurden seither von Spezialeinheiten der Polizei festgenommen, inhaftiert und misshandelt. Wie die Rottweiler "Bürgerinitiative für eine Welt ohne atomare Bedrohung" berichtet, sei drei Tage lang das Internet von der Regierung gesperrt worden, so dass es keinerlei Kontakte gegeben habe. Nun kämen täglich sehr beunruhigende Nachrichten von den Freunden aus Minsk und Luninetz, in denen von beispiellos brutaler Polizeigewalt und gezielten Angriffen auf die Demonstranten durch Spezialeinheiten berichtet werde.

Der Funke vom Wahlsonntag habe das ganze Land erfasst, es sei die größte Protestbewegung seit der Ausrufung der Republik 1991. Die 24-jährige Julia aus Brest, die an vielen Jugendprojekten in Rottweil teilgenommen habe, schrieb wenige Tage nach der Wahl: "Gestern war die größte Demonstration in der Geschichte des modernen Belarus. Zum ersten Mal in meinem Leben spüre ich Hoffnung, dass sich in meinem Land etwas ändern kann. Unsere Leute sind unglaublich, ich bin zum ersten Mal richtig stolz auf mein Land und auf die Belarussen."

Hoffnung weicht Wut

Inzwischen sei bei vielen das Gefühl der Hoffnung und Euphorie dem Gefühl der Verzweiflung, der Wut und der Angst gewichen. Auch Ludmilla, Großmutter und seit Jahren für die Tschernobylkinder engagiert, war beim großen Friedensmarsch dabei und voller Hoffnung auf Veränderung. Inzwischen schreibt sie: "Mit Tränen schaue ich auf die Bilder der Menschenketten und Friedensmärsche der vergangenen Tage. Willkür und harte Brutalität der Staatsmacht nehmen von Tag zu Tag zu. Viele junge Menschen, die friedlich demonstrierten, sind verhaftet, diejenigen die frei gelassen wurden und viele Augenzeugen sprechen von unglaublich schrecklichen Geschichten, von verstümmelten Körpern, von gezielten Angriffen nicht nur bei Demonstrationen, sondern auch in Bussen, Parks, Hauseingängen… wo leben wir? Wie wird es weitergehen?"

Auch Svetja, Mutter eines behinderten Jungens aus Luninetz, sei höchst beunruhigt. "Was gerade in Belarus passiert, ist eine menschenrechtliche Katastrophe."

Weitere Eskalation verhindern

Wie kann man in dieser schwierigen Situation Unterstützung leisten, fragt sich die Rottweiler Bürgerinitiative in Sorge um die Freunde und Partner in Minsk und Luninetz. "Solidarität ist ein Zauberwort in solchen Situationen", schreibt Irina Gruschewaya, die selbst als langjährige Exilantin damit Erfahrung hat. Solidarität bedeute, alles zu tun, um das Blutvergießen und eine weitere Eskalation zu verhindern, das Land nicht der Vergessenheit preiszugeben und Öffentlichkeit zu schaffen, Abgeordnete einzuschalten und sich gemeinsam einzusetzen, dass alle Gefangenen frei gelassen werden und innerhalb eines halben Jahres faire und freie Neuwahlen mit Einbeziehung der Wahlbeobachter von der EU und OSZE stattfinden.

Amnesty International führt eine Online-Petition durch, um Folter und Gewalt gegen Protestierende zu stoppen, die auch die Rottweiler Bürgerinitiative unterstützt:  https://www.amnesty.org/en/get-involved/take-action/protect-peaceful-protesters-in-belarus.  Alle Namen im Bericht wurden zum Schutz der genannten Belarussen geändert