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Rottweil/Schramberg Steige-Unfall: Angeklagter leitet interne Infos weiter

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Am Landgericht Rottweil findet derzeit der Prozess statt. Foto: Fritsche

Rottweil/Schramberg - Am zweiten Verhandlungstag des Steige-Prozesses gab der Angeklagte eine Erklärung zu den Tatvorwürfen ab und weitere Zeugen wurden befragt.

Pünktlich setzte der Vorsitzende Richter Karlheinz Münzer die Hauptverhandlung vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Rottweil fort. Auch das Opfer, der im März 2018 schwer verletzte Schramberger, kam im Rollstuhl in den Saal und nahm mit seiner Anwältin den Platz für den Nebenkläger ein.

Angeklagter entschuldigt sich

Die schwerwiegenden Tatvorwürfe - fahrlässige Körperverletzung sowie versuchter Mord durch Unterlassen in Tateinheit mit unerlaubtem Entfernen vom Unfallort – hatte die Staatsanwältin am Prozessbeginn vorgeworfen. Jetzt, am zweiten Verhandlungstag, ließ der Angeklagte seine "Einlassung zur Sache" durch Verteidiger Bernhard Mussgnug verlesen. Zunächst entschuldigte er sich bei dem Geschädigten dafür, dass er durch ihn schwer verletzt worden sei. Er hoffe, dass durch seine Ausführungen auch für diesen der Vorfall zumindest nachvollziehbar werde, was zunächst "unfassbar erscheint".

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Weil er zu nervös und angespannt sei, äußere er sich nicht mündlich zur Sache, sondern über diese schriftliche mit seinem Verteidiger abgesprochene und von diesem verlesene Einlassung. Darin berichtete er, dass er wenig geschlafen, Medikamente gegen seine Schlafstörungen genommen habe und dass es auf der Fahrt die Steige hoch dunkel und neblig gewesen sei. Plötzlich habe er ein Ruckeln und ein anderes Verhalten des Fahrzeug bemerkt. Er dachte, er sei "über einen Ast oder sonstigen Gegenstand" gefahren und dieser sich unter dem Auto befinde. Weil er Angst vor einer möglichen "Anhalte-Falle" gehabt hätte, wäre er erst noch ein Stück weitergefahren, bevor er anhielt. Er habe sich dann aber nicht aus dem Auto getraut.

Polizei erklärt, was wirklich war

Das begründete der Angeklagte mit Ängsten, derentwegen er schon in psychiatrischer Behandlung gewesen sei. Er sei dann etwas zurückgefahren und in einem Bogen weiter. Der vermutete Ast habe sich gelöst. Was es genau gewesen sei, habe er nicht gesehen, auch nicht beim Zurücksetzen. Er sei weiter gefahren zu seiner Bekannten, um diese mit ihrer Tochter zum Flughafen zu bringen. Dort habe er lose Plastikteile "unten am Auto" festgestellt und entfernt und auch bemerkt, dass Wasser tropfte. Deshalb wurde mit dem Auto der Mutter zum Flugplatz gefahren.

Nach seiner Rückkehr zu seinem bei der Bekannten abgestellten Fahrzeug habe ihm dort die Polizei gesagt, was passiert war. Er sei geschockt gewesen und habe zur stationären Behandlung ins Krankenhaus gemusst. Und dass er in der Verteidigungsschrift seines früheren Verteidigern vom 18. Juli 2019 bestritten habe, angehalten zu haben und rückwärts gefahren zu sein, sei ein Missverständnis gewesen, fügte er noch hinzu.

Nach Unfallflucht: Wie gefährlich ist Steige?

Als nächstes befragte Münzer den Geschädigten: Seit dem Unfall wohnt dieser bei seinen Eltern und ist auf deren Pflege angewiesen. Nach dem Unfall lag er wochenlang im Koma und monatelang auf der Intensivstation.

Entlassung aus der Haft gefeiert

Als er aufwachte, habe er sich an nichts erinnern können, war ruhelos, hatte Panikattacken: "Es war die Hölle". Er habe auch ans Aufgeben gedacht. Mehreren Therapien müsse er sich unterziehen. Das Wichtigste sei aber, geistig mit dem Geschehen klar zu kommen. Die seelischen Narben seien schlimmer als die zahllosen anderen. Er habe jetzt drei Jahre verloren, einfach so. Er wolle wieder fit werden und arbeiten können. "Dieser Mensch hat keine Ehre und keinen Stolz", wandte er sich an den Angeklagten. Wären die anderen Zeugen nicht gewesen, die ihn gefunden hätten, wäre er nicht mehr hier.

Am Abend vor dem Unfall habe er seine Entlassung aus 50 Tagen Haft mit Freunden, beziehungsweise Bekannten gefeiert und dann zu Fuß über die Steige nach Hause auf den Sulgen wollen. Auch diejenigen, die mit ihm gefeiert haben, sind als Zeugen geladen, werden über den Verlauf des Abends und die Menge des konsumierten Alkohols (viel Wodka) befragt. Danach berichten seine Eltern über den Pflegebedarf zu Hause und über seine geplatzten Zukunftspläne. Seine Mutter kann kaum sprechen, weint bei ihrer Aussage, muss immer noch Therapie machen.

Mutter soll Lösung geben

Die nächsten Zeugenvernehmungen konzentrierten sich darauf, welchen Eindruck und welche Äußerungen der Angeklagte nach dem Unfall und in den Wochen danach über das Geschehen gemacht habe. Große Bedeutung wäre der Aussage von Mutter und Tochter zugekommen, die der Angeklagte direkt nach dem Unfall traf, um sie zum Flughafen zu fahren.

Die Befragung der Mutter verlief zäh, sie antwortete stockend und vage, Richter Münzer musste oft nachfragen. Formulierungen der Mutter, die sich mit der Einlassung des Angeklagten deckten und die sie eigentlich nicht kennen konnte, brachten ihn auf die richtige Spur.

Wir waren nach dem Unfall mit der Kamera vor Ort:


Scheibchenweise und nur unter hartnäckigem Nachfragen des erfahrenen Richters kam heraus, dass der Angeklagte ihr nicht nur schon am Vorabend dieses Prozesstags seine gerade verlesene Einlassung per Whatsapp übermittelt und dazu telefoniert hatte, sondern auch den früheren Eröffnungsbeschluss und mutmaßlich auch die Anklageschrift vom Januar. Verblüffung machte sich breit bei den Zuschauern im Gerichtssaal.

Die Zeugin sei eine Vertraute des Angeklagten und helfe ihm bei Behördengängen, erklärte der Verteidiger nach der Mittagspause.

Tagelang nur geweint im Krankenhaus

Auch der Bruder des Angeklagten, der ebenfalls in Schramberg wohnt, berichtete nicht viel – nur dass sein Bruder ihm erzählt habe, dass er nichts gesehen habe und starker Nebel war. "Sie wollen behaupten, dass Sie als Bruder nicht näher gefragt haben, was passiert ist", musste sich der Bruder von Richter Münzer vorhalten lassen.

Befragt wurde auch die Exfrau des Angeklagten. Sie habe ihn im Krankenhaus nach dem Unfall besucht. Da habe er nur geweint. Einige Tage nach dem Unfall habe er erzählt, er sei zwei, drei Meter zurückgefahren und habe sich nicht getraut auszusteigen.

Als letzter Zeuge berichtete ein Kriminalbeamter, der den Angeklagten nach dem Unfall im Krankenhaus aufsuchte: Da sei dieser ansprechbar gewesen und habe ausgesagt, von allem nichts mitbekommen zu haben. Fortgesetzt wird der Prozess am Montag.

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