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Rottweil "Pfingstprozession" blieb nicht unbemerkt

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Wenig einladend: die Eingangstür in den "Arrest" (linkes Bild). Ein alter Ofen (rechts) teilte sich mit den 14 Jugendlichen vom 22. auf den 23. Mai 1945 den knappen Platz. Fotos: Mager Foto: Schwarzwälder Bote

Leser erinnern sich an das Kriegsende 1945. Markus Banholzer, ehemaliger Ortsvorsteher von Zepfenhan, hat sich vor etwa 20 Jahren mit Zeitzeugen unterhalten, die an Pfingsten 1945 ein nicht alltägliches Erlebnis hatten. Er hatte sich damals Notizen gemacht und diese wahre Geschichte aufgearbeitet.

Rottweil-Zepfenhan. Für ehemals 14 Jugendliche aus Zepfenhan wird Pfingsten 1945 wohl in steter Erinnerung bleiben. Knapp eineinhalb Wochen nach dem offiziellen Kriegsende schmiedeten junge Burschen am 20. Mai, dem Pfingsttag 1945, einen nicht ganz ungefährlichen Plan.

Alle hatten in den zurückliegenden Monaten natürlich mitbekommen, dass eines der zehn geplanten Werke des Geilenbergprogrammes "Wüste", draußen im Eckerwald gelegen, war. Bei dem Unternehmen "Wüste" sollten auf der Basis des von Dr. Sennewald entwickelten Schwelverfahrens zehn Anlagen zur Mineralölproduktion im württembergischen Ölschiefergebiet errichtet werden, eines davon also im Eckerwald, nahe bei Zepfenhan.

Ab September 1944 wurde an Sonn- und Werktagen mit Hilfe von vielen Gefangenen an diesem Projekt gearbeitet. Laut Angaben des ehemaligen Häftlingsschreibers wurde die Arbeit auf der Baustelle Zepfenhan jedoch schon etwa Januar oder Februar 1945 eingestellt. Bombenangriffe sowie die Material- und Transportschwierigkeiten machten eine Fortsetzung der noch im Vorbereitungsstadium befindlichen Bauarbeiten unmöglich.

Was zurückblieb, waren Backsteingemäuer, Fundamente, Betonklötze und sehr viel Eisenmaterial sowie Werkzeug. Ein Teil dieser Ruinen kann auf dem von der "Initiative Gedenkstätte Eckerwald" angelegten Gedenkpfad heute noch in Augenschein genommen werden. Unmittelbar nach Kriegsende waren selbst auf dem Lande Nägel und sonstiges Kleinwerkzeug äußerst rar und Mangelware. Die jungen Leute (einige davon waren noch im Kindesalter) versammelten sich nach der Pfingstsonntagsmesse und dachten nach, was man am Nachmittag unternehmen sollte. Schließlich wurde die Idee geboren, sich in den Baubaracken im Eckerwald einmal näher umzusehen, ob nicht das eine oder andere Brauchbare noch vorhanden wäre.

Strömender Regen

Wie vereinbart, machten sie sich am Mittag auf den Weg über das heutige Flugplatzgelände in den Eckerwald. Selbst strömender Regen ließ sie nicht von ihrem Vorhaben abhalten. Vorsicht war geboten, denn in diesen Tagen und Wochen nach Ende des Krieges ging es verwaltungsmäßig ohnehin überall drunter und drüber. Im Ort einquartierte Franzosen haben eine sogenannte "fliegende Kommandantur" eingerichtet und spielten sich als Besatzungspolizei auf.

Die jungen Menschen waren sich damals über die Tragweite ihres Handelns sicherlich nicht voll im Klaren. Für sie stellte sich die Frage, wem gehört das ganze Zeug überhaupt? Einen Eigentümer gab es nicht mehr, und von der mit dem Projekt beauftragten Firma war auch weit und breit nichts mehr zu sehen, so dass der Tatbestand des Diebstahles für sie nicht relevant war.

Nachdem dieses "Aufräumkommando" sich voll beladen wieder auf den Heimweg machen wollte, regnete es immer noch in Strömen. Eine alte Plane konnte jedoch Abhilfe leisten. Sie wurde an Holzstöcken angebunden und bot wenigstens von oben den nötigen Schutz vor der Nässe. Im Schlamm ging es wie bei einer Prozession zurück zur Heimatgemeinde.

Nützliches mitgebracht

Zuhause angekommen, gab es bei dem einen oder anderen wegen der verschmutzten Sonntagskleidung mächtig Ärger. Andere hingegen wurden von ihren Vätern für das viele Nützliche und Brauchbare gelobt. Die Sache sollte möglichst geheim bleiben, es waren ja noch weitere ähnliche Einsätze geplant. Pfingstferien gab es seinerzeit noch nicht.

Als am Dienstag nach Pfingsten (22. Mai 1945) wieder alle im einklassigen Schulzimmer saßen, ahnte noch keiner, was heute noch auf sie zukommen sollte. Am Vormittag klopfte es am Schulzimmer, die selbst ernannte französische Ortspolizei verlangte Einlass.

Nach anfänglichem Leugnen und Zögern gaben die Schüler schließlich ihre Aktion vom Sonntag zu. Alle Beteiligten wurden aufgefordert, am Nachmittag um 14 Uhr auf dem Rathaus zu erscheinen und die mitgenommenen Werkzeuge und Materialien von der Baustelle "Wüste" zurückzubringen.

Alle sind dieser Aufforderung am Nachmittag nachgekommen. Auf zwei Tischen wurde das ganze "Diebesgut" ausgebreitet. Reumütig und zerknirscht wollten sie nach der Rückgabeaktion wieder den Nachhauseweg einschlagen. Doch es kam anders.

Gegenüber dem Rathauszimmer (heutige Ortschaftsverwaltung) war der Zepfenhaner Arrest. Hier wurden die 14 Jugendlichen auf einer Fläche von 6,25 Quadratmetern für eine Nacht eingebunkert.

Schnell hat sich diese harte Strafe im ganzen Ort herumgesprochen, und zahlreiche Mütter waren in Angst und Sorge um ihre Kinder. Am Abend brachten sie Milch und Brot und sonstige Nahrungsmittel an das kleine Fenster des Zepfenhaner Gefängnisses, damit ihre Sprösslinge auch gut versorgt waren.

Diese gemeinsame Nacht haben diese Jugendlichen lange nicht vergessen. In Sorge war am nächsten Morgen auch der seinerzeitige Ortspfarrer Franz Schädle, denn bei der Frühmesse fehlten fast alle seine Ministranten.

Beim Besuch auf der Ortschaftsverwaltung haben Zeitzeugen von damals gerne noch schmunzelnd von dieser Tat und ihren Folgen vom Eckerwald erzählt. Sie meinten, dass sie in dieser Zeit selten so gut versorgt worden sind, wie an jenem Abend im Arrest im Rathaus. Von den damaligen 14 Gefängnisinsassen lebt heute keiner mehr.

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