Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Rottweil Mundart als Heimat und Kulturgut

Von
Die Mundart im Kreis Rottweil wird derzeit intensiv erforscht. Foto: Schwarzwälder Bote

Rottweil - Seit Wochen ist Dialektforscher Rudolf Bühler von der Universität Tübingen im Landkreis Rottweil unterwegs. Er interviewt im Auftrag des Landkreises die Menschen, um einen Sprachatlas zu erstellen. Dieser soll dokumentieren, wie in jedem Dorf, in jedem Ortsteil gesprochen wird.

Seit zwei Jahrzehnten ist Rudolf Bühler in der Mundart-Forschung unterwegs. Nun ist er mitten in einem Projekt, das ihn in jeden Winkel des Landkreises Rottweil führt. Bühler besucht 70 Ortsgemeinden und spricht mit Menschen aus jedem Dorf. Er hört zu, fragt nach und nimmt alles akribisch auf – mithilfe einer speziellen Lautschrift auf seinen Papierbögen und als Audio-Dateien auf dem Band.

Jedes noch so kleine Detail, jeder winzige Unterschied ist wichtig. Denn am Ende seiner Befragungen wird das umfangreiche Material ausgewertet, aufbereitet und in Form eines Sprachatlasses allen Interessierten zur Verfügung gestellt. Allen, die wissen wollen, wie genau man in Schiltach, Dürrenmettstetten, Eschbronn oder Feckenhausen schwätzt. Dabei helfen dem Dialektforscher die Menschen aus den Ortsteilen.

In Rottweil nimmt die Befragung zwei Tage in Anspruch: Neben der Kernstadt und allen Ortsteilen nehmen auch die "Muttersprachler" aus der Altstadt und aus Bühlingen an Interviews teil. "Aus soziokulturellen Erwägungen", erklärt der ehemalige Stadtarchivar Winfried Hecht, der die Bürgerbefragung in Rottweil vorbereitet und koordiniert hat. Hecht war es auch, der ursprünglich die Idee mit dem Sprachatlas hatte, die der Landkreis nun umsetzt.

Diese Menschen, die dem Dialektforscher von der Uni Tübingen im Rottweiler Dominikanermuseum gegenübersitzen, lassen sich sofort auf ihn ein. Man sieht ihnen an, dass sie ihre Aufgabe ernst nehmen – und dass sie stolz auf ihren Dialekt sind und darauf, Teil des Projektes zu sein. Bei manchen Fragen kommen die Antworten wie aus der Pistole geschossen. Bei einigen anderen müssen die Befragten tief in ihren Erinnerungen graben.

Auch junge Menschen aus verschiedenen Ortsteilen sind mit im Boot. Sie schildern, wo und wie sie ihren Dialekt sprechen, welche Vorteile und welche Probleme er mit sich bringen kann. Sie sprechen darüber, was ihr Dialekt für sie bedeutet.

Projekt trifft Nerv der Bevölkerung

Kreisarchivar Bernhard Rüth zeigt sich mit dem bisherigen Verlauf des Projektes zufrieden. "Dieses Projekt trifft den Nerv in unserer Bevölkerung. Dabei geht es um etwas Alltägliches, etwas, was man oft nicht so wahrnimmt und vielleicht nicht wertschätzt", sagt Rüth. Umso wichtiger sei es, die gesprochene Sprache zu dokumentieren. "Solange es noch möglich ist", fügt Hecht hinzu. Bühler wird am Ende seiner "Rundreise" durch den Landkreis weit mehr als 100 Personen interviewt haben.

"Die gesprochene Sprache ist ein zentrales, integrales Moment unserer regionalen Kultur", hebt Kreisarchivar Rüth hervor. Sprache habe immer mit Identität zu tun und sei in ihrer regionalen Ausprägung auch ein Stück Heimat. "Vor diesem Hintergrund sind Wandlungsprozesse so wichtig", betont Rüth. Neben dem Sprachatlas schwebe dem Landkreis auch eine digitale Variante im Netz vor – mit O-Tönen und Erklärungen der Experten.

Hecht erwähnt in diesem Zusammenhang die beunruhigenden Tendenzen der Nivellierung. "Da kommt eine Art Einheitsschwäbisch raus", kritisiert er und muntert auf, der Mundart überall grundsätzlich mehr Raum zu geben.

Wobei die Sprache, das wissen die Experten, auch je nach Gesprächspartner und Situation stark variieren kann. "Es gibt diese vielen Sprachebenen, die wir alle virtuos handhaben. Ich spreche mit dem Hausmeister zum Beispiel anders als mit dem Landrat oder einem Wissenschaftler aus dem Norden", führt Rüth ein Beispiel an.

Das ist ein Phänomen, das auch Dialektforscher Bühler ab und zu während der Interviews beobachtet. "Das ist das Besondere, dass die Menschen zwischen dem Ortsdialekt und dem persönlichen Hochdeutsch wechseln können", sagt er. Bühler ermutigt seine Interviewpartner immer, "so zu schwätza, wie dr Schnabl gwachsa isch".

Ein weiterer spannender Aspekt ist, dass der Landkreis Rottweil kein "kernschwäbischer Bereich" ist, wie es Kreisarchivar Rüth formuliert. Das bestätigt Bühler: "Wir haben hier eine sprachliche Übergangslandschaft, in der das Schwäbische ins Alemannische übergeht."

Grammatische und phonetische Besonderheiten

"Gsi", "gsai" oder "gwe", "I han" oder "I hao": Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Mundartforscher. Grammatische und phonetische Besonderheiten interessieren ihn genauso wie der Wortschatz. Er bekommt in den Gesprächen aber auch Einblicke in die Lebensweise der Menschen damals und heute. Dafür ist er dankbar – Kreisarchivar Rüth ebenfalls. "Ich will ein globales Dankeschön richten an all die Personen, die sich bereit erklärt haben, Rede und Antwort zu stehen", sagt Rüth.

Wie fällt denn Bühlers Zwischenfazit aus? Immerhin hat er mehr als die Hälfte aller Ortsteile hinter sich. "Dem Dialekt geht es gut", meint er. Denn: Auch die junge Generation schwätzt durchaus Mundart. "Und die Infrastruktur ist hier positiv für den Dialekt, weil junge Leute, die hier aufgewachsen sind, zurückkommen, weil die Vereinsstrukturen gut funktionieren."

Einer der letzten Interviewpartner, der dem Dialektforscher in Rottweil gegenübersitzt, ist Günter Hirth aus Hausen. Wann sagt man in Hausen denn Pferd, Gaul oder Ross? Ist "Britt" statt "Brett" gebräuchlich? Werden die Haare "gestrählt" oder nur noch gekämmt? Hirth denkt nach, gibt gründliche Antworten. Oft heißt es dann: Ich würde das zwar verstehen, aber nicht selber sagen. Auch das notiert Bühler in seinen Unterlagen.

Für einen witzigen Moment sorgt die Frage danach, wie man denn "vom Stuhl runterspringen" sagen würde. "Hopsa", erwidert Hirth. "Kann man auch ›nabjucka‹ sagen?" interessiert sich der Forscher. Das sei eher ein Ausdruck für die Fasnet. D’Stadt nabjucka eben. "Was bedeutet das?", fragt Bühler. Hirth sieht ihn zunächst etwas ratlos an. Zusammen mit Winfried Hecht formuliert er dann eine Beschreibung: "Es ist die Art, wie man sich beim Narrensprung zu den Klängen des Rottweiler Narrenmarsches in der Stadt bewegt." Klingt doch gut – als Hilfe für all diejenigen, die in der Rottweiler Fasnetsszene nicht so bewandert sind.

Weitere Informationen: www.sprachalltag.de

Artikel bewerten
1
loading

Ihre Redaktion vor Ort Rottweil

Armin Schulz

Fax: 0741 5318-50

Flirts & Singles

 
 

Top 5

0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.