Das ist die Landesstraße zwischen Sulz und Hopfau – oder was davon übrig ist. Der Landrat fordert das Land auf, die Strecke zu sanieren. Foto: Armbruster

Landrat spricht Tacheles. Projekte werden auf Eis gelegt. Ländlicher Raum schaut in die Röhre.

Kreis Rottweil - Unzuverlässig, nachlässig, geizig: Das Land lässt im Kreis Rottweil die eigenen Straßen verfallen. Darüber ärgern sich Landrat und Kreisräte. Und es gibt noch einen weiteren Grund, sauer auf das Land zu sein.

Landrat Wolf-Rüdiger Michel fährt einen Wagen wie es sich vermutlich für einen Landrat gehört: ein deutsches Fabrikat, eines mit einem Stern an der Haube. Doch es gibt Pisten, da hilft solche Wertarbeit nicht viel. Und der Landrat muss da nicht einmal sehr weit fahren, um in diesen Grenzbereich zu gelangen. Es reicht schon, wenn er von Hopfau in Richtung Sulz unterwegs ist, auf der Landesstraße 409. Eine Straße, die bei Michel erst zu Sorgenfalten um die Stoßdämpfer seines Wagens auf der Stirn führen, später zu einem Kopfschütteln über das Gebaren des Landes.

So jedenfalls muss man sich die Straßenszene vorstellen, wenn der Landrat im Ausschuss für Umwelt und Technik mit den Kreisräten über die Verkehrsverhältnisse im Kreis spricht. Die Verbindung Hopfau-Sulz gehört demnach zu den schlechtesten weit und breit. Laut Michel lässt die Regierung in Stuttgart die Straße "verlottern". Die Kurven brechen an den Rändern ab, der "Belag kracht auf der ganzen Fläche mehr oder minder zusammen". Seit Jahren sei das schon so, betont der Landrat, um etwaigen Missverständnisse gleich zu begegnen.

Die Verbindung Hopfau-Sulz steht beispielhaft für eine Politik des Zauderns und Verzögerns, die das Land und der Bund betreiben. Nachholbedarf gibt es im gesamten Glatttal oder zwischen Fluorn und Rötenberg. Es trifft offensichtlich vor allem den ländlichen Bereich. So habe laut Kreisverwaltung die Straßenbaubehörde festgestellt, dass der Landkreis Rottweil bei der Auswahl der Maßnahmen nur unzureichend berücksichtigt worden sei und "dadurch die Interessen des ländlichen Raumes nicht ausreichend Beachtung finden". Ob sich das Verkehrsministerium dadurch beeindrucken lässt, steht auf einem anderen Papier.

"Ich bin nicht allzu optimistisch"

Zurzeit läuft das Anhörungsverfahren zum Generalverkehrsplan des Landes. Kaum das Papier wert sein dürften geforderte Projekte wie die Ortsumfahrungen von Fluorn-Winzeln, Waldmössingen oder Seedorf. Kreisrat Martin Maurer (CDU) weist darauf hin, dass es besser wäre, die Landesstraße 422 gleich ganz neu um die Orte zu führen. Doch weder die Ortsumfahrungen, noch die neue Trasse dürften umsetzbar sein. "Ich bin nicht allzu optimistisch", drückte es der Landrat vorsichtig aus.

Die Skepsis ist begründet: Wo der Kreis neue Straßen verlangt, setzt das Land den Rotstift an, wo ein Ausbau gefordert wird, gibt es allenfalls eine Sanierung. Wie bei dem Straßenstück zwischen Lein­stetten und Bettenhausen. 6,5 Meter sollte die Straße breit sein, damit sie etwas taugt, damit Lastwagen aneinander vorbeifahren können, ohne auf das Bankett ausweichen zu müssen. So in etwa dürften der Dornhaner Bürgermeister Markus Huber und der Leiter des Straßenbauamtes, Gerold Günzer, gedacht haben.

Das Land denkt anders. Die Straße ist eben keine 6,5 Meter breit. Wenn man sie breiter machen wollte, müsste man Flächen dazukaufen, das wäre dann aber schon ein Ausbau und den gibt es nicht. Dann wenigstens die Sanierung, oder wie Huber sagt: "Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach." Jetzt sind es 20 bis 30 Zentimeter weniger. Als eine Liste von Träumereien bezeichnet Ruth Hunds (SPD) das Programm. Sie fordert die Abkehr von derartigem Wunschdenken, von Projekten, die seit Jahren immer wieder diskutiert würden.

Richtig sauer sind sie im Ausschuss indes auf das Land. Es nicht nur so, dass die Stuttgarter Zentrale weniger Geld für Straßenprojekte ausgibt und zusieht, wie die Strecken langsam zerbröseln. Hinzukommt, dass das Land Geld schuldig bleibt. Geld, dass der Kreis in die Hand nimmt, um die landeseigenen Straßen in Schuss zu halten. Erneut werden in diesem Jahr 130 000 Euro fehlen. Schon sieben Jahre geht das so. Hochgerechnet auf Baden-Württemberg steht das Land mit 32 Millionen in der Kreide der Kreise. Der Bund ist übrigens da kaum besser, auch er ist ein Schuldner des Kreises, 70 000 pro Jahr bleibt er schuldig.

Der Landrat wird also noch einige Male seinen Wagen strapazieren müssen, bis zwischen Sulz und Hopfau geordnete Verhältnisse herrschen. Wann das sein wird, steht jedoch in den Sternen.

Kommentar

Alle sind sich einig: Sie wollen die Probleme gemeinsam anpacken. Das war nicht immer so. In der jüngsten Ausschusssitzung ist aber zu spüren: Die Gräben, die die Krankenhausdiskussion zwischen den beiden Kreisteilen Schramberg und Rottweil gerissen hat, sollen nicht wieder aufbrechen.

Selbst die kritische Frage des Straßenbauamtsleiters Gerold Günzer, ob die Stadt Schramberg denn selbst genügend für die Infrastruktur (Stichwort Schillerstraße) unternehme, wird von Landrat Wolf-Rüdiger Michel zum Anlass genommen, den Schulterschluss mit der Fünftälerstadt zu demonstrieren. Nach einem ernsten Einwand des Schramberger Kreisrats Martin Maurer ("Ist das eine öffentliche Sitzung?" und: "Den Schwarzen Peter hin- und herzuschieben, finde ich nicht gut"), stellt sich der Landrat auf die Schramberger Seite. Er betont, dass Stadt und Kreis gesagt hätten, die L 175 zwischen Schramberg und Tennenbronn "ist uns wichtig".

Die gleiche Botschaft gibt es auch in Sachen Umweltzone. Michel sieht die Kreisverwaltung Seite an Seite mit Schramberg gegen die Umweltzone ins Felde ziehen. Michel sagt: "Wir stehen der Zone ablehnend gegenüber." Damit dementiert er anderslautende Informationen.

Es wird zur Gewissheit: Auf dem Lande verkommen nicht nur die Straßen, der ländliche Raum droht insgesamt ins Hintertreffen zu geraten. Hier im Kreis Rottweil kann man das an allen Ecken und Enden beobachten: kaputter Asphalt, wohin das Auge blickt, gekappte Zugverbindungen auf der Gäubahn, Internetverbindungen, die so langsam sind, dass man sie kaum brauchen kann. Es ist ein Teufelskreis: Ohne eine gut funktionierende Infrastruktur kann das Wirtschaftsleben nicht blühen. Und wo das nicht der Fall ist, sterben Dörfer und Städte aus – ein Blick in die neuen Bundesländer genügt. Gewiss, so weit sind wie hier noch nicht. Doch wenn Landrat, Bürgermeister und die Politikerriege sich jetzt nicht lautstark zur Wehr setzen, haben wir bald Verhältnisse wie im Osten der Republik. Das darf nicht sein. Es ist allerhöchste Zeit, dass etwas getan wird.