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Rottweil Messerattacke im Jobcenter: Wirbel um Angeklagten

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Aufnahmen vor dem Rottweiler Jobcenter unmittelbar nach der Messerattacke. Foto: Archiv

Rottweil - "Ein seltsamer Mensch. Der fühlt sich wie Jesus." So wird Uwe B. beschrieben, dem ab Donnerstag vor dem Landgericht Rottweil wegen versuchten Mordes der Prozess gemacht wird. Der 58-Jährige wird beschuldigt, Mitte Januar eine Mitarbeiterin des Rottweiler Jobcenters aus dem Nichts mit einem Messer attackiert und schwer verletzt zu haben. Seine Tat hatte er, begleitet von wirren Aussagen, auf Twitter angekündigt, danach Vollzug gemeldet. Als Begründung für die Messerstiche schreibt er von einem "schuldhaften Verhalten der Regierung".

Die Frau stirbt unter mysteriösen Umständen im Himalaja; haben Mönche ein "Goldenes Kind" aufgenommen?

Was die Öffentlichkeit bislang nicht weiß: Uwe B. hat eine unfassbare Vorgeschichte. Eine, die genauso verstörend ist wie die Tat selbst. Dass er "ein seltsamer Mensch" ist, einer, der sich "wie Jesus fühlt" - diese Aussagen über Uwe B. sind 25  Jahre alt und stammen vom damaligen Essener Oberstaatsanwalt Hans-Christian Gutjahr in einem Interview mit der Zeitschrift "Hörzu". Uwe B. steht damals bundesweit in den Schlagzeilen, weil seine Frau bei einem gemeinsamen Trip durch den Himalaja auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Sein siebenjähriger Sohn verschwand - und bleibt bis heute vermisst. Uwe B. berichtet den Medien von einem Unfall seiner Frau. Sie sei beim Fußmarsch durch die Berge abgestürzt. Und sein verschwundener Sohn sei womöglich als "Goldenes Kind" von buddistischen Mönchen in Tibet aufgenommen worden.

Leiche der Mutter wurde geborgen und beerdigt

Im Januar haben die Messerstiche in Rottweil Uwe B. wieder in die Schlagzeilen gebracht. Bei seinem Vater und seiner Nichte im Ruhrpott hat das alte Wunden aufgerissen. Sie haben sich lange vergeblich dafür eingesetzt, dass Uwe B. aus dem Verkehr gezogen wird. Sie wussten um seine krankhafte Psyche, sagen sie. Die Familie vermutet, dass er etwas mit dem Tod seiner Frau und dem Verschwinden seines Sohnes zu tun hat. Doch ihm kann nichts nachgewiesen werden. Die Ermittlungen der Essener Staatsanwaltschaft werden eingestellt.

"Es war eine Familientragödie. Mein Opa hat jahrelang unter dem Verlust seines Enkels gelitten", berichtet die Nichte im exklusiven Gespräch mit unserer Zeitung. Der 83-Jährige habe jahrelang darum gekämpft, den verschollenen Enkel vielleicht doch noch zu finden. "Er hat Tausende von Mark in Nepal für Nachforschungen ausgegeben, schrieb an die Botschaft und sogar an den Kanzler - aber es half nichts." Sebastian bleibt verschwunden. Die Leiche seiner Mutter, Heike B., wird geborgen und in Nordrhein-Westfalen beerdigt.

Eigene Arche Noah im Himalaya 

Uwe B.s Vater hat dicke Ordner mit Zeitungsausschnitten und Briefen gefüllt, alles über den Fall zusammengetragen. Dass sein eigener Sohn gefährlich ist, ist für ihn seit Jahrzehnten Gewissheit. Schon vor den mysteriösen Geschehnissen in Nepal hat er Notizen über die wirren Gedankengänge seines Sohnes gemacht. Auch darüber, wenn er bei seiner Schwiegertochter wieder blaue Flecken bemerkte. Uwe B. habe seine Frau geschlagen, sagt die Nichte. Aber Heike B. ging immer wieder zu ihm zurück. "Das war ihr Todesurteil", ist sich die Familie sicher.

Die "Hörzu" und andere Medien versuchen Mitte der 90er-Jahre nachzuzeichnen, was sich im Himalaya abgespielt hat. Eine WDR-Dokumentation widmet sich dem Fall. Im Fokus: der seltsame Uwe B. Der Mann, der 2020 im Rottweiler Jobcenter eine Frau niedersticht und danach auf Twitter schreibt: "Drei Stiche - warte auf die Polizei."

Im Oktober 1993 verlässt Uwe B. Deutschland und klettert mit Frau und Sohn Richtung Himalaja, um sich dort ein Stück Land zu bebauen. "Seine private Arche Noah in einer Welt, die er vor dem Untergang sieht, seit er sich quer durch alle Religionen gelesen hat", schreibt ein Journalist damals. Freunden sagt er den Weltuntergang "noch in diesem Jahrhundert" voraus. Scheinbar wird der Himalaja in B.s Gedankenwelt davon verschont bleiben.

Mutter soll gestürzt und Sohn weggelaufen sein

Die Familie zieht mit Sherpas los, ein Fünfzig-Kilo-Samensack wird mitgeschleppt, um das Land zu bepflanzen. Nach zehn Tagen Marsch weicht B. von der Route ab und die Sherpas haben genug. Die Familie zieht allein weiter zum Langtang-Gebirge. Und plötzlich, so berichtet B. später in einem kurzen Interview, habe er den Schrei seiner Frau gehört. "Sie muss abgestürzt sein." Der Sohn sei wohl im Schock weggelaufen. "Wenn er verletzt gewesen wäre, hätte ich ohnehin Schwierigkeiten gehabt, ihn zu transportieren."

B. schlägt sich allein nach Tibet durch, ruft am ersten Grenzposten nach Hilfe. Die tote Frau wird gefunden, die Suche nach Sebastian irgendwann eingestellt. Uwe B. kehrt nach Deutschland zurück. Seine Version der Geschichte bleibt zweifelhaft. "Was der Mann sagt, muss nicht der Wahrheit entsprechen", wird Oberstaatsanwalt Gutjahr in den Medien zitiert.

Uwe B. ist nach den mysteriösen Vorfällen im Himalaya nach Deutschland zurückgekehrt. Die Welt ist nicht untergegangen. Stattdessen verschlägt es ihn irgendwann nach Rottweil. Was er genau arbeitet, weiß damals wie heute niemand genau. In Rottweil setzt er sich eine Zeit lang für die sozial Schwächeren in einer Suppenküche ein. Doch das Engagement geht nicht allzu lange gut. Er sei schwierig gewesen, berichtet eine Mitstreiterin.

"Dieser Mann ist psychisch krank, und keiner hat ihn gestoppt damals"

"Dieser Mann ist psychisch krank, und keiner hat ihn gestoppt damals. Kein Arzt, kein Richter, und jetzt hat er diese Frau in Rottweil angegriffen... unsere Familie schämt sich für seine Tat", sagt seine Nichte. Sie hofft, dass es dem Opfer einigermaßen gut geht. "Psychisch wird sie noch lange dran zu knabbern haben."

Wie sie berichtet, habe sie den 58-Jährigen erst 2019 im Internet ausfindig gemacht. "Über Twitter habe ich seine Texte verfolgt. Wie damals, als ich Kind war, zitierte er Verse aus der Bibel." Religiöses vermischt sich auf seinem Account mit antisemitischen Aussagen und Verschwörungstheorien gegen die Regierung. Sie habe die Aussagen ihres Onkels schon früher "krankhaft" gefunden.

Im Zuge der aktuellen Ermittlungen gegen Uwe B. habe sich die Polizei einige Zeit nach der Tat bei ihr gemeldet. Dem Prozess in Rottweil, für den sechs Verhandlungstage angesetzt sind, sehen sie und der betagte Vater von Uwe B. mit Anspannung entgegen. Ob der 58-Jährige jetzt gestoppt wird? "Das, was er unserer Familie damals angetan hat, wird er jedenfalls nie wieder gutmachen können", meint die Nichte.

20 Zeugen und zwei Sachverständige sind vor dem Landgericht Rottweil geladen. Sechs Verhandlungstage sind angesetzt. Die psychische Verfassung des Uwe B. wird im Verfahren eine entscheidende Rolle spielen.

Für Essens Oberstaatsanwalt Hans-Christian Gutjahr war schon vor 25 Jahren klar: "Uwe B. ist mit Vorsicht zu genießen."

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