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Rottweil Jobcenter war für Uwe B. eine "Angst-Instanz"

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Uwe B. (hier bei einem früheren Verhandlungstag) gibt dem Gericht Rätsel auf. (Archivfoto) Foto: Otto

Rottweil - Die Messerattacke auf eine Mitarbeiterin des Rottweiler Jobcenters hat im Januar die Region erschüttert. Seit Anfang August steht der 58-jährige Uwe B. wegen versuchten Mordes vor Gericht. Die Tat streitet er nicht ab. Sein geistiger Zustand - zum Zeitpunkt der Tat und darüber hinaus - steht bei der Verhandlung im Vordergrund.

Uwe B. hat einen abwesenden, gleichgültigen Gesichtsausdruck, als am Montagmorgen der vierte Verhandlungstag beginnt. Schwarzer Pullover, dunkle Jeans, Fußfesseln. Als einziger bleibt er bei Eintreten des Gerichts sitzen - und signalisiert so erneut seine Missachtung oder gar Verachtung.

"Hochintelligent, aber psychisch krank"

Denn in den Augen des 58-Jährigen gehört das Gericht genauso wie das Jobcenter zum gehassten System - das wird bei seinen Kommentaren, die er ab und zu mit einem süffisanten Lächeln abgibt, klar. Seine übrigen Gedankengänge sind dagegen nicht immer verständlich. Die Aussagen sind zum Teil wirr, er spricht von Kontakten zu höheren Mächten, von Berufung und wirft nur so mit Vorwürfen um sich. "Sie wollen es nicht verstehen", "Sie hören mir nicht zu", "Sie reimen sich da was zusammen" oder "Sie sind hier kränker als ich" - solche und ähnliche Sätze sagt der Angeklagte, an den Vorsitzenden Richter der Schwurgerichtskammer, Karlheinz Münzer, gerichtet.

"Hochintelligent, aber psychisch krank", ein Eigenbrötler ohne Freunde und Kontakt zur Familie: Ein solches Bild des Angeklagten zeichnet der erste Zeuge an diesem Verhandlungstag. Er berichtet, er habe zu Uwe B. von 2001 bis 2004 in einer Einrichtung für Obdachlose im Rottweiler Neckartal Kontakt gehabt, später auch in der Wärmestube, wo der Angeklagte bis 2018 auf geringfügiger Basis beschäftigt war.

"Als Bewohner und Mitarbeiter war er unproblematisch. Aber er war sicher etwas anders. Er war ein Stück weit immer in seiner eigenen Welt, war mit sich selber beschäftigt, mit eigenen Gedanken", schildert der Zeuge.

So soll Uwe B. etwa Konstruktionspläne für eine große Arche gezeichnet und ein Brettspiel selbst entwickelt haben - nur dass keiner das Spiel jemals gespielt habe. In der Wärmestube habe Uwe B. seine Aufgaben immer ordentlich und zuverlässig erledigt, betont der Zeuge. Und: Gewalttätig sei er nie gewesen. "Er hat nie gedroht, nie an Auseinandersetzungen teilgenommen oder Gewalt angewendet", sagt der Zeuge. Fügt aber hinzu: "Er konnte verbal ziemlich wütend werden."

Das Jobcenter sei für Uwe B. eine Art "Angst-Instanz" gewesen. "Den Druck, den er vom Jobcenter empfand, hat er nur ganz schlecht ausgehalten", so der Zeuge. "Ich weiß nicht, wieso diese Angst so ausgeprägt war, aber es war bei ihm sehr auffällig."

2018 soll sich der psychische Zustand von Uwe B. nach dem Kauf eines Handys verschlechtert haben. "Er hat die Realität vollständig verlassen", sagt der Zeuge. Uwe B. habe erzählt, mit Donald Trump und mit höheren Mächten in Kontakt gestanden zu haben. In jenem Jahr sei auch die Situation in der Wärmestube eskaliert, als Folge habe Uwe B. gekündigt.

Während der Schilderung schüttelt der Angeklagte ab und zu den Kopf, lächelt immer wieder und reagiert dann mit dem Satz: "Ich habe noch nie so viele Lügen gehört."

Ähnlich fällt auch die Reaktion auf die Ausführungen der zweiten Zeugin aus. Auch sie hatte in der Wärmestube zu Uwe B. Kontakt. "Als Gesprächspartner war er manchmal schwierig, weil es keine Diskussionen waren, sondern Monologe von ihm. Die Gespräche waren unglaublich wirr", erinnert sie sich. Ihr habe Uwe B. erzählt, dass er Kontakte zur chinesischen und amerikanischen Regierung gehabt und viele Briefe an sie im Internet verschickt habe. Er sei überzeugt gewesen, dass er Dinge wisse, die die anderen nicht durchschauen könnten.

Uwe B. streitet ab, überhaupt jemals Diskussionen mit der Zeugin geführt zu haben. "Es gab keine Gespräche, höchstens Bemerkungen wie ›Guten Tag‹", meint er.

Zitate aus der Bibel

Ist er nach dem Kauf des Handys vor zwei Jahren in die virtuelle Welt geflüchtet? Seine Tat hat Uwe B. im Januar auf Twitter angekündigt. Seit August 2018 hat er laut Aussage des zuständigen Polizeibeamten insgesamt mehr als 4000 Tweets abgesetzt. Unter anderem darüber, was in Deutschland alles schieflaufe und wie ihn das System - vom Arzt bis zur Pharmaindustrie - krank mache.

Ob diese Tweets jemals jemand gelesen hat, bleibt fraglich. Denn kein einziger User ist Uwe B. auf Twitter gefolgt. An diesem Punkt lacht der Angeklagte wieder und wirkt amüsiert: "Man hat ja meinen Twitter-Account nicht untersucht. Sie wissen ja nicht, wer darauf zugegriffen hat." Dann folgt wieder eine etwas wirre Aussage über "Regierungsleute". "Aber es ist mittlerweile egal", beendet Uwe B. seine Ausführungen, als er sieht, dass seinen Gedanken keiner wirklich folgen kann.

Über Twitter hat auch seine Nichte aus dem Ruhrgebiet versucht, den abgebrochenen Kontakt zu ihrem Onkel wieder herzustellen. Er habe in Rätseln gesprochen, sodass sie nichts verstanden habe, sagt sie am Montag im Gerichtssaal. Sie ist aus dem Ruhrgebiet nach Rottweil zur Verhandlung gekommen.

Ihr Onkel habe immer schon viel aus der Bibel zitiert, erinnert sich die Nichte. Und er sei auf der Suche gewesen nach einem Ort, wo es keine Katastrophen gebe. 1993 sei er nach Nepal gegangen, wo seine Frau unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen und sein siebenjähriger Sohn spurlos verschwunden sei. "Mein Onkel hat ein extremes Geheimnis daraus gemacht, was dort passiert ist", sagt sie.

Auf die Geschehnisse im Himalaya angesprochen, blockt Uwe B. sofort ab. Er will nicht antworten. Auch auf die Frage des Gutachters, ob er Stimmen gehört habe, reagiert er ungehalten. "Ich habe keine Stimmen gehört. Ich habe meine Gedanken, meine Emotionen. Man kann eben nicht alles mit Verstand begreifen und umsetzen."

Der Prozess wird am Dienstag, 15. September, fortgesetzt. An diesem Tag wird das psychiatrische Gutachten vorgestellt. Eventuell wird auch schon das Urteil gesprochen.

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