Aus dem Amt, aber nicht aus dem Konvikt verabschiedet Konviktsdirektor Ulrich Fiedler den Stadtschreiber Johann Reißer. Foto: Schwarzwälder-Bote

Johann Reißer bleibt Rottweil auch nach seiner offiziellen Verabschiedung erhalten

Von Bodo Schnekenburger

Rottweil. Er scheint sich wohlzufühlen in Rottweil, und bei seinen Mitbewohnern ist er auf jeden Fall wohlgelitten: Johann Reißer hat zwar sein Amt als Stadtschreiber "abgegeben", doch die Arbeit hält ihn noch eine Weile in Rottweil.

Es sei "der Abend der neuen Dinge", brachte Michael Hellerling, Vorstandsmitglied der Volksbank, die das dreimonatige Aufenthaltsstipendium finanziell unterstützt, am Donnerstagabend die Sache auf den Punkt: Es sei der "Abend der neuen Dinge", die offizielle Verabschiedung finde in einem Saal statt, der noch nicht eingeweiht sei, der scheidende Stadtschreiber bekomme als Abschiedsgeschenk ein Buch überreicht, das es noch gar nicht gebe, und im zweiten Teil gebe es die Uraufführung eines Theaterstücks. Tatsächlich ist das Refektorium des Konvikts nach der Renovierung noch gar nicht in Betrieb, und "Das Rottweiler Konvikt und seine Zöglinge zwischen 1824 und 1924" von Walter Gaus wird erst Anfang Februar vorgestellt werden. Für Johann Reißer bietet es jetzt schon Lesestoff, der mit Rottweil zu tun hat. Einmal mehr.

Denn er hat viel recherchiert, zu Fuß, per Rad, auf der Straße, in der Umgebung, vor allem im Neckartal, im Archiv. Sogar die Narrenzunft habe ihm ihr Allerheiligstes geöffnet, wie Sybille Schumacher berichtete. Die Bürgermeister-Stellvertreterin meinte mit Blick auf die Aufenthaltsverlängerung: "Wir freuen uns, dass er zwar aus dem Stipendium, nicht aber aus der Stadt verabschiedet wird. Ein größeres Kompliment kann es für die Stadt nicht geben." Konviktsdirektor Ulrich Fiedler hatte zuvor berichtet, dass Reißer angefragt habe, ob er seinen Aufenthalt verlängern dürfe. Wie dem bei den Konviktoren "beliebten, interessierten und hochinteressanten" diesen Wunsch abschlagen? Zumal die für die Stadtschreiber-Unterkunft zuständige Reinemachekraft bereits kundgetan hatte, dass Reißer ein "so ordentliches Zimmer wie noch kein Stadtschreiber zuvor" habe. Darauf wäre es letztlich nicht angekommen. Doch die Impulse, die der Hausgenosse gibt, sind nicht gering zuschätzen. So darf der Stadtschreiber ohne Amt auch nach der Verabschiedung, die von Jean-Louis Forrer am Klavier umrahmt wurde, Konviktor auf Zeit bleiben, um seine Arbeit, namentlich über das Neckartal und die Familie Duttenhofer, zu beenden.

Beendet hat er in den vergangenen zwölf Wochen zwar nicht seinen Roman "Landmaschinenparadies", dafür eine ganze Menge Rottweil-Texte. Programmatisch trug er am Donnerstag die teils bei den Lesungen bereits präsentierten Gedichte, vor allem aber "Die zweite Schicht – das zweite Gesicht" vor, quasi ein Übergangsessay über sein Hiersein in einer "barocken, katholischen, vielschichtigen Stadt im Wandel".

Was er auch gemacht hat: In der literarischen Schreibwerkstatt, die ein Viertel der Konviktoren mobilisierte, mit den Jugendlichen ein Medientheaterstück entwickelt. "Die Insel der verschwundenen Dinge", das die Gäste der Verabschiedung am Donnerstag sahen, ist ebenso launig wie tiefgründig, ebenso durchkomponiert wie assoziativ collagiert, mit ebenso vorhersehbaren wie überraschenden Wendungen: unterhaltend, vergnüglich, nachdenklich stimmend – und von den Jugendlichen mit großer Plastizität vorgestellt.

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