Das bricht einem das Herz: Eine junge Frau aus Rottweil hat ihr ungeborenes Kind verloren. Sie selbst befand sich in Lebensgefahr, sie litt an einem HELLP-Syndrom. Foto: SB-Archiv

Junge werdende Mutter erhebt Vorwürfe gegen Krankenhaus. HELLP-Syndrom nicht erkannt?

Kreis Rottweil - Ein Kind ist tot, gestorben im Bauch der Mutter, in der 24. Schwangerschaftswoche. Auch das Leben der jungen Frau war bedroht. Sie litt unter dem HELLP-Syndrom, der so genannten Schwangerschaftsvergiftung, lag zwei Tage auf der Intensivstation. Ob es so weit hätte kommen müssen?

Manches Mal reichen Bruchteile von Sekunden, um ein Leben aus den gewohnten Bahnen zu werfen. Bei der jungen Frau aus Rottweil waren es drei Tage zu Beginn dieses Jahres, die aus ihrem bisherigen Leben ein anderes machten. Die 21-Jährige suchte am 30. Januar spätabends das Krankenhaus in Rottweil auf. Es sei ihr schlecht gegangen, äußert sie im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. "Ich hatte starke Oberbauchschmerzen, Kopfschmerzen und erhöhte Temperatur", erinnert sie sich.

Symptome, die nicht gleich Schlimmes befürchten lassen. Doch ist das auch so, wenn man in der 24. Woche schwanger ist und es zudem bekannt ist, dass die Frau an Rheuma leidet und somit in gewissem Maße als "risikobehaftet" gilt?

Erkenntnis kommt spät: Leben der Patienten gerät in Gefahr

In der Helios-Klinik wird die Schwangere ambulant von der diensthabenden Ärztin der Inneren Medizin behandelt. Ihre Diagnose: Die Oberbauchschmerzen rührten von einer Gastritis her. Die 21-Jährige erhält eine Infusion und Schmerzmittel – nach telefonischer Rücksprache mit der Gynäkologin des Krankenhauses. Die Frauenärztin selbst sieht sich die Patientin nicht an. "Ich fragte noch, ob man nach meinem Kind schauen könne, aber die Ärztin meinte, dass ich mir keine Sorgen machen sollte, da würde nichts sein", so die junge Rottweilerin.

In einer Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung teilt die Klinik später mit, dass aufgrund dieses Vorfalls als Konsequenz angeordnet worden sei, "dass alle schwangeren Patientinnen, die sich einer ambulanten oder stationären Behandlung außerhalb der Gynäkologie im Hause unterziehen, zwingend der gynäkologischen Abteilung im Hause vorzustellen sind."

Für die Patientin kommt diese Erkenntnis zu spät, zumindest so spät, dass sogar ihr eigenes Leben ernsthaft in Gefahr geriet. Vielleicht hätte man sonst bereits an jenem Januarabend feststellen können, wie es dem Kind wirklich geht, vielleicht wäre die Diagnose anders ausgefallen, vielleicht hätte man dann schon auf das HELLP-Syndrom schließen können. Das alles ist nicht passiert.

Das Kind wäre wohl sowieso nicht mehr zu retten gewesen, so die Klinik im Nachhinein: "nachträgliche Gewebeuntersuchungen sprechen dagegen". Das bedeutet aber auch: Die Frau trug mindestens zwei weitere Tage ein totes Kind in ihrem Bauch aus.

Als es ihr am 1. Februar nicht besser geht, sucht sie den Hausarzt auf. Der kann keine Bewegung des Kindes mehr feststellen und weist sie wiederum in das Rottweiler Krankenhaus ein. Von nun an geht alles sehr schnell. Weil man keine Herztöne registriert, will man die Geburt einleiten, erinnert sich die Frau. Doch die Patientin hat mittlerweile ein laut Arztbericht "fulminantes HELLP-Syndrom" entwickelt und sie wird schleunigst in die Frauenklinik nach Tübingen verlegt. Nach zwei Tagen intensiv-medizinischer Betreuung dort muss sie noch sieben Tage stationär im Krankenhaus verbringen. Sie ist gerettet, es hätte aber auch anders ausgehen können.

"Das HELLP-Syndrom ist ein schwerwiegendes, für die Patientin in dieser Situation lebensbedrohliches Krankheitsbild", formuliert die Klinik.

Gespräch soll in den nächsten Tagen stattfinden

Für die junge Frau ist klar, wer sie in diese Situation gebracht hat. Sie wirft dem Krankenhaus vor, sie am 30. Januar falsch behandelt zu haben: "Sie hätten mich behalten oder genauer untersuchen müssen", sagt sie. "Mein Kind hätte man wahrscheinlich nicht mehr retten können, aber mein Leben wurde in Gefahr gebracht", ist sich die Frau sicher.

Die Klinikleitung sieht dies anders: Die Möglichkeit eines HELLP-Syndroms habe die diensthabende Ärztin nicht in Betracht gezogen, zumal die Notfalldiagnostik keinen hinreichenden Verdacht ergeben habe. Ein HELLP-Syndrom sei zudem selten und es trete zumeist erst in einem späteren Stadium der Schwangerschaft auf, als es bei der Patientin vorlag. "Zudem trat das Vollbild erst in den Folgetagen in Erscheinung".

Diese Antwort stellt die junge Frau nicht zufrieden, ihr Vertrauen in das Rottweiler Haus ist erschüttert. "Dort gehe ich nicht mehr hin". Die Klinikleitung indes bemüht sich, ihre Sicht der Dinge darzustellen. In den nächsten Tagen soll es zu einem Gespräch kommen.

Es wird nicht einfach sein, einer jungen, werdenden Familie zu erklären, warum das ungeborene Kind gestorben ist und die Schwangerschaft für die Mutter beinahe ebenfalls tödlich endete.

Kommentar

In Rottweil dürfte man sehr sensibel registrieren, wie sich die Klinik seit der Privatisierung entwickelt. Keine Frage: Der neue Eigentümer, der Helios-Konzern, ist bemüht. Das liegt freilich schon im eigenen, wirtschaftlichen Interesse. Ebenso ist unbestritten, dass die Übernahme von nicht gerade fördernden Begleitumständen geprägt war: Im Kreistag herrschte monatelang Streit. Da entfalten Nachrichten wie jene, dass sich eine schwangere Frau nicht richtig behandelt fühlt und ihr Kind verloren hat, eine eigene Dynamik. Positiv anzumerken ist, dass die Klinik reagiert und die Behandlung umgestellt hat. Besser wäre, es würde hierzu keine derartigen Fälle geben müssen. Zumal mit Gynäkologie und Geburtshilfe Bereiche betroffen sind, die für den Ruf einer Klinik von entscheidender Bedeutung sind. Daran muss das Rottweiler Krankenhaus noch arbeiten.

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