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Rottweil Die Frustration der Landwirte steigt

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Lisa Guth (von links), Martin Scheffold, Manfred Haas und Frank Schittenhelm sind besorgt wegen der aktuellen Probleme, denen sich Landwirte aktuell stellen müssen. Foto: Merk Foto: Schwarzwälder Bote

"Viele Landwirte in der Region und ganz Deutschland sind frustriert", so Manfred Haas. Und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen: Wegen Regierungsbeschlüssen, Beschluss-Entwürfen, aber auch wegen Verbrauchern.

Kreis Rottweil. Dass den Bauern das Leben manchmal nicht gerade leichter gemacht wird, ist kein Geheimnis. Vor allem Beschlüsse und Diskussionen aus den vergangenen zwei Wochen sorgen beim Kreisbauernverband Rottweil, aber natürlich auch bei den Landwirten in ganz Deutschland im Moment für Bauchschmerzen.

"Wie zum Beispiel der Beschluss zur neuen Düngeverordnung für die sogenannten ›Roten Flächen‹ vom Umwelt- und Landwirtschaftsministerium vom 13. Juni letzter Woche", fängt Manfred Haas, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Rottweil, an, aufzuzählen. Dieser würde den Landkreis zwar in erster Linie nur indirekt betreffen, aber dennoch für Diskussionen sorgen: "Dieser Beschluss besagt, dass Pflanzen künftig 20 Prozent weniger gedüngt werden dürfen, als sie eigentlich brauchen, was sich natürlich auch im Ertrag am Ende bemerkbar macht", erklärt Haas. Das sei vor allem für Betriebe mit vielem Vieh problematisch. Im Kreis Rottweil gebe es glücklicherweise nur 0,6 Vieheinheiten pro Hektar, was eine geringe Quote sei. "Weiter nördlich steht aber eine Zwei oder sogar eine Drei vor dem Komma", so der Vorsitzende. Die müssen künftig also gucken, was sie mit ihrem Dünger machen. "Und da kommen wir ins Spiel: Denn dadurch wird der sogenannte ›Mist-Tourismus‹ gefördert".

In den nächsten Jahren nimmt der "Mist-Tourismus" im Kreis zu

Mit Mist-Tourismus sind die Gülle-Transporte aus dem Norden gemeint, über die auch in den vergangenen Wochen in den Medien vermehrt berichtet wurde. Landwirte aus Norddeutschland oder angrenzenden Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark haben durch ihre vielen Tiere zu viel Dünger und verkaufen diesen in den Süden – auch in den Kreis Rottweil. Die haben, weil sie so wenige Tiere haben, zu wenig Dünger und beziehen diesen dann von ihren Kollegen aus dem Norden. "Im Extremfall müssen wir hier nicht mal für den Dünger zahlen, denn die Landwirte sind froh, wenn ihnen jemand die Gülle abnimmt und zahlen manchmal sogar Geld dafür", erklärt Frank Schittenhelm, Landwirt aus Dietingen. "Und die Frage ist natürlich, was daran dann noch ökologisch sein soll", ergänzt Lisa Guth, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands Rottweil. Viele Landwirte im Kreis seien dadurch, dass sie weniger Vieh haben, zwar froh, dass sie den Dünger bekommen. "Der ist natürlich deutlich fruchtbarer, als mineralischer Dünger", sagt Guth, gleichzeitig sorge das aber dafür, dass im Norden künftig weniger Tiere gehalten werden, wodurch dann der Dünger irgendwann nicht mehr in den Süden gebracht werden könnte und hier fehlen wird.

Ein weiterer Beschluss-Entwurf aus den vergangenen zwei Wochen stößt den Landwirten ebenfalls schlecht auf: "Vorab müssen wir erklären, dass die weibliche Sau fixiert wird, wenn sie besamt werden soll", erläutert Haas. Das sehe so aus, dass die Sau für 28 Tage in einen eingegrenzten Bereich komme, wo die Befruchtung ungestört stattfinden kann. Das dürfe künftig nur noch für fünf Tage geschehen, wodurch befürchtet wird, dass die Sau weniger Ferkel gebären wird. Auch hier wird die Tierhaltung also reduziert. Entbindet die Sau dann, kommt sie in eine Geburtsstation, "dem sogenannten Ferkelschutzkorb", sagt Haas. Dieser verhindere, dass sich die schwere Sau versehentlich auf eines ihrer Jungen lege, wodurch dieses zerquetscht würde. Künftig soll dieser Ferkelschutzkorb allerdings größer sein, nämlich 7,5 Quadratmeter. "Und da wären die Ferkel dieser Gefahr wiederum ausgesetzt", erklärt Martin Scheffold, Ortsobmann aus Irslingen. "Außerdem stehen für die Landwirte dadurch auch Umbaumaßnahmen an, die auch nicht billig sind", erklärt er weiter. Viele Bauern könnten ihre Betriebe dann schließen. "Solche Auflagen empfinden wir einfach als Schikane, das treibt viele an die Existenzgrenze", so Scheffold. Außerdem könne man davon ausgehen, dass durch diese Bestandsreduzierung künftig deutlich mehr Schweinefleisch aus dem Ausland importiert werden muss, so Scheffold weiter. Das alles sei zwar erst ein Beschluss-Entwurf, der voraussichtlich in den kommenden 15 Jahren durchgesetzt werden soll, dennoch könnte das fatale Folgen für die Landwirte haben, befürchten die Mitglieder des Kreisbauernverbands.

Verärgert seien viele Landwirte außerdem von den Worten des Präsidents des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied: "Der hat vor cirka zwei Wochen gesagt, dass drei bis vier Prozent Strukturwandel normal sei", erzählt Haas: "Unserer Meinung nach muss man von einem Strukturbruch sprechen, denn in Deutschland wird statistisch gesehen täglich 3,5 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen". Damit meint der Vorsitzende, dass vielen Betrieben Pachtverträge für Land nicht verlängert oder gekündigt wird, um dieses dann zu verkaufen, für Bau- oder Gewerbegebiete. Dafür bekämen die Bauern zwar einen Flächenausgleich, "aber oft sind das dann Grundstücke, bei denen der Boden einfach weniger gut ist. Das heißt, der Ertrag ist deutlich niedriger, und das ist dann nicht nur ein Quantitäts-, sondern auch ein Qualitätsverlust", erklärt Lisa Guth. "Da sitzen die Landwirte einfach am kürzeren Hebel. Für Grundstücke steigen die Preise, gleichzeitig sinken die Lebensmittelpreise immer weiter. Wie soll das für die Bauern noch funktionieren?", will Manfred Haas wissen.

Solche Beschlüsse machen den Landwirten das Leben schwer. Gleichzeitig sei deren Arbeit aber zur Zeit so gefragt wie lange nicht mehr – immerhin sei der Konsum von regionalen Biolebensmitteln momentan modern. "Allerdings passt das Verhalten vieler Verbraucher auch nicht zu dieser Nachfrage. Die sollen Regionalität und Bio nämlich nicht nur fordern, sondern auch einkaufen", sagt Lisa Guth.

Regionale Bioprodukte nicht nur fordern, sondern auch kaufen

Außerdem spiele dazu, dass viele Metzgerein schließen müssten, weil sie keinen Nachwuchs finden. Dadurch könnten die Bauern ihre Tiere aber auch nicht mehr zum Schlachten bringen. "Der nächste städtische Schlachthof von hier aus ist in Balingen und der schließt Ende 2020. Dann müssen die Tiere nach Ulm gebracht werden, da wären wir dann wieder beim Thema Tiertransporte –­ was ja gleichzeitig auch keiner will. Aber viele kleine Landwirte bekommen auch keinen ganzen Lkw voll, der dann die Tiere nach Ulm fährt. Das können sich nur die Großen leisten. Also sind viele Bauern gezwungen, aufzuhören", erklärt Haas das Dilemma. "Dieser Zwiespalt zwischen dem Verbrauchertrend und dem Verbraucherverhalten darf einfach nicht sein: Die Leute wollen etwas, das sie durch ihr Verhalten aber momentan ins Gegenteil verkehren. Das geht so einfach nicht. Verbraucher sollen nicht nur reden, sondern dann auch handeln", sagt Guth.

All das führe auch bei Landwirten zu psychischen Belastungen, erklärt Lisa Guth. Um Verbraucher zu informieren und zu zeigen, wie ein landwirtschaftlicher Betrieb arbeitet, gebe es immer wieder Veranstaltungen.

Beim Hoffest können die Konsumenten hinter die Kulissen gucken

So auch in der Korn-Kammer in Dietingen, dem Hof von Frank Schittenhelm: Dort findet kommendes Wochenende ein Hoffest statt, wobei Schittenhelm auch bei der landesweiten Aktion "Gläserne Produktion" teilnimmt. Diese Aktion soll Verbrauchern zeigen, wie Landwirte arbeiten. "Oft wird Bauern nachgesagt, dass diese nicht zeigen würden, was bei ihnen im Stall passiert", sagt Lisa Guth. Das lege aber vor allem daran, dass große Personengruppen bei den Tieren im Stall Stress auslösen und manchmal auch Krankheiten dort hineingetragen werden. "Und hat man erstmal irgendeine Krankheit im Stall, wird das sehr teuer für den Landwirt", so Scheffold. Diese hätten dadurch hohe Ausfälle, im schlimmsten Fall sterben die Tiere, und der Stall müsse hinterher natürlich auch gereinigt werden. "Viele Menschen verstehen nicht, dass das ein hohes Risiko für Landwirte ist", so Scheffold. "Die Landwirte wollen sich nur schützen und nichts verbergen, wie viele meinen", sagt Guth dazu. Frank Schittenhelm geht das Risiko dennoch ein, um Verbrauchern zu zeigen, wie er arbeitet.

Bei seinem Hoffest wird unter anderem auch der Kreisbauernverband einen Info-Stand haben, bei dem auch Manfred Haas die Verbraucher informieren will und gerne auch über das ein oder andere Thema diskutieren wird "solange meine Gesprächspartner sachlich bleiben und man ganz normal miteinander umgeht".

Ihre Redaktion vor Ort Rottweil

Armin Schulz

Fax: 0741 5318-50

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