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Rottweil Der eigenen Zukunft beraubt

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Das Schicksal entzweit das Paar, um es später wieder zusammenzuführen. Foto: Schwarzwälder Bote

Was passiert, wenn man vor lauter Denken das Fühlen vergisst? Wenn man so viel kämpft, dass man am Ende nicht mehr weiß, worum es eigentlich ging? "Atmen" ist eine Geschichte mitten aus dem Leben, in der sich der Zuschauer an so mancher Stelle wiederfinden kann.

Rottweil. "One day baby, we’ll be old and think of all the stories that we could have told", singt Renate Braun sanft ins Mikrofon, während die Protagonisten von "Atmen", ein junges Paar, das von Nora Kühnlein und Stephan Müller gespielt wird, ziellos über die Bühne schreiten. "Eines Tages werden wir alt sein und über all die Geschichten nachdenken, die wir hätten erzählen können." Bis es soweit ist, tut sich das Paar jedoch allerhand an. Worte und Taten, die verletzen, entzweien, entfremden und am Ende doch wieder zusammenführen.

Im Zentrum des Stücks von Duncan Macmillan steht die Frage nach einem gemeinsamen Kind. Doch noch bevor der erste Schritt dazu getan ist, gibt es so viel zu durchdenken. CO2-Ausstoß, Überbevölkerung, Gewalt – will man in so eine Welt wirklich ein Kind setzen? Irgendwie schon – und dann auch wieder nicht. Zweifel, Erwartungen, Sorgen, Glücksgefühle und Hoffnung bilden das Wechselbad der Gefühle, in dem das Paar treibt.

Erwartungen spielen eine große Rolle – die an das Elternsein, aber auch an einen selbst, Druck von der Gesellschaft, Klischees, wie ein Kind und eine Familie zu sein haben. Manchmal bewegt sich das Paar nicht nur verbal in der Alten Stallhalle aufeinander zu, dann zieht sich wieder jeder auf seinen "Steg" zurück, steht dem anderen gegenüber, ist distanziert. Bei all den Gedanken und Diskussionen wäre gar kein Platz für mehr. Entsprechend schlicht ist die Bühne gehalten: alles in Weiß, nur wenige Requisiten. Trotzdem ist die Bühne brechend voll – mit Emotionen, Überlegungen, Entscheidungen.

Der Zuschauer begleitet das namenlose Paar bis ins hohe Alter und erkennt sich selbst wieder in den Streitigkeiten, in den Formulierungen, in den Krisen. Etwas, das glücklich machen soll, wird zum Ballast, der das Paar in die Krise stürzt. Wo Freude und Liebe sein sollten, drängen sich Angst und Vorwürfe in den Vordergrund. Die Diskussionen drehen sich im Kreis.

Schnoddrige Worte wechseln sich mit geradezu poetischen Formulierungen ab. Die Dialoge lassen den Zuschauer tief in die Gefühlswelt eintauchen. Kühnlein und Müller gehen unter der Regie von Peter Staatsmann voll in ihren Rollen auf. Der Zuschauer kann sich mit ihnen identifizieren.

Und auch wenn das Thema ernst ist und viel gestritten wird, bleibt auch jede Menge Raum für Komödiantisches während der emotionalen Achterbahnfahrt.

Eigentlich scheint die Lösung für all die Diskussionen auch so nah, man spricht sie sogar aus: "Kuscheln und einfach mal die Klappe halten". Aber es geht nicht.

Das Paar ist hin- und hergerissen. Mal wird das Elternsein wie ein Traum beschrieben, dann wieder wie ein Verkehrsunfall, der das "Gehäuse" der Mutter "zerbeult und zerfetzt" zurücklässt. Abstruse Bettgespräche wechseln sich mit der gegenseitigen Versicherung ab, dass sie doch eigentlich gute Menschen sind. Das unausgesprochene "Oder" schwebt als Frage in der Luft. Aus schlechtem Gewissen wird der Müll getrennt, und man will so viel ändern und tut dann doch das Gegenteil.

Als der Traum der Schwangerschaft endlich in Erfüllung geht, fühlt es sich so anders an als erwartet. Und alles wird sogar schlimmer als zuvor. Eine Fehlgeburt lässt die Protagonisten völlig zerstört und verzweifelt zurück. Sie verlieren den inneren Kompass, verlieren sich selbst in Vorwürfen, die sie dem anderen machen, und fühlen sich ihrer Zukunft beraubt. Das Paar trennt sich. Der Satz "ein Glück, dass wir keine Kinder haben" schmeckt bittersüß.

Doch noch ist die Geschichte nicht zu Ende. Der Zuschauer sieht ein Leben im Zeitraffer, wird aber zu bedeutenden Momenten und Gesprächen im Leben des Paars mitgenommen, untermalt von Renate Brauns Gesang. Ihre Lieder klingen wie ein Appell an die Protagonisten und die Zuschauer, sich selbst und die Liebe nicht zu verlieren. "Don’t go chasing waterfalls. Stick to the rivers and the lakes that you’re used to" – soll, salopp ausgedrückt, heißen: "Warum in die Ferne schweifen, wenn das Glück so nah liegt?".

Und das tut es in der Tat. Das Paar findet zueinander, doch es bleibt kompliziert. Eine Kette von Ereignissen wird in Gang gesetzt und überrollt es. Diesmal will es alles besser machen. Aber wird das gelingen?

Die Moral der Geschichte? Das Leben nimmt manchmal seltsame Wege. Und, wie Renate Braun singt, "Go to the desert to find what’s left of me" – manchmal muss man erst Fehler machen, um zu verstehen, dass man eigentlich schon alles hatte.

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Armin Schulz

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