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Rottweil "Da sitzt man einfach besser drin"

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Sigurd Probst verhilft alten Möbelstücken zu neuem Glanz. Auch das Sofa, auf dem er sitzt, hat eine lange Geschichte. Fotos: Moser Foto: Schwarzwälder Bote

Es ist eine ganz besondere Kombination aus Altem und Modernem, mit der Sigurd Probst es Tag für Tag zu tun hat. Mit Nagelheber, Nähmaschine und Doppelspitz verhilft er alten Möbeln zu neuem Glanz.

Rottweil. Etwa 50 bis 60 Stunden dauert es, ein Möbelstück komplett neu zu polstern – eine beachtliche Zeit, die mit Blick auf die zahlreichen Arbeitsschritte aber nicht überrascht. Als allererstes muss die alte Polsterung runter. Mit einem Nagelheber löst Probst den Stoffbezug vom Holzrahmen, entfernt alte, durchgesessene oder -gelegene Federn und reinigt alles, was noch zu gebrauchen ist. "Wenn nötig, lassen wir das Grundgerüst von einem Restaurator erneuern", erklärt Probst. Und erst wenn all diese Vorarbeiten geschafft sind, kann es ans Polstern gehen.

Zuerst muss Probst dort, wo man später sitzen soll, breite Gurte spannen, auf die in einem zweiten Schritt die Spiralfedern aufgenäht werden. Dann folgt ein zeitaufwendiges Unterfangen: Nach einem bestimmten Muster schnürt Probst die Federn, um sie in der richtigen Position zu fixieren und zu komprimieren. Damit gibt er den Federn schon einmal eine gewisse Grundspannung – "damit man nicht so reinfällt", erklärt er. Über besagte Schnürung kommt eine grobe Federleinwand, die er festnäht und dann mit einer etwa fünf Zentimeter dicken Schicht aus Palmfaser bedeckt.

Die Nadel hat stolze 35 Zentimeter Länge

Dann rückt Probst dem Sessel mit einem sogenannten Doppelspitz, einer etwa 35 Zentimeter langen Nadel, die auf beiden Seiten spitz ist, zu Leibe. Indem er die Palmfaserschicht immer wieder durchsticht, komprimiert er das Material, bevor er eine deutlich dünnere Schicht aus Rosshaar über die Palmfaser legt. "Das benutzen wir nur für den Feinschliff", sagt Probst mit Blick auf das im Vergleich zur Palmfaser deutlich teurere Material.

Obendrauf kommt dann nochmal eine Schicht aus Schafwolle – heutzutage kommt manchmal auch synthetische Wolle zum Einsatz – bevor das Möbelstück erst in Weiß und später mit dem Stoff der Wahl bezogen wird. Manchmal, erklärt Probst, werden die Möbelstücke auch mit Leder bezogen. "Dann bekommen wir das Leder als ganze Haut geliefert. Die ist etwa fünf Quadratmeter groß. Und daraus müssen wir die Teile ausschneiden."

Probst ist als Polsterer in Rottweil tätig. Obwohl, wirft er ein, korrekter wäre die Bezeichnung Raumausstatter. So ein Raumausstatter macht nämlich noch mehr als nur polstern, obwohl das Polstern, wie er sagt, eigentlich sein Hauptgeschäft ist. Daneben tapeziert er, verlegt Teppichböden und macht textile Wandbespannungen.

Um Raumausstatter – und speziell Polsterer – zu werden, müsse man neben handwerklichem Geschick vor allem eines mitbringen: ein gutes Gefühl für Formen und Farben. "Die Menschen, die mit ihren Möbeln zu mir kommen, haben meistens keine genaue Vorstellung, was sie wollen", erzählt Probst. Es liege dann an ihm, sein Gefühl für Stoffe und Stil einzubringen, um vor Ort etwas Einzigartiges – aber auch Funktionales – entstehen zu lassen.

Die Raumausstattung Probst, die Probst zusammen mit seinem Bruder Joachim in dritter Generation betreibt, ist ein echtes Traditionsunternehmen. Sein Großvater habe das Geschäft angefangen, später habe sein Vater, bei dem die Brüder den Beruf des Raumausstatters erlernt haben, das Geschäft übernommen, erklärt Probst. "Wann das war, wissen wir selbst nicht so genau." Auf jeden Fall aber vor 1906, denn aus diesem Jahr stammt der erste schriftliche Hinweis auf das Unternehmen: ein Angebot, das Probsts Großvater an die Stadt Rottweil machte.

Seit damals hat sich eine Menge geändert, weiß Probst. "Früher waren Polstermöbel einfach noch eine Anschaffung für’s Leben." Heute sei das anders: Da kaufe man die Sofas und Sessel, die gerade in Mode seien, und wechsle seine Einrichtung entsprechend oft. Diese Veränderung ist deutlich zu spüren: "Heute gibt es nicht mehr viele, die noch traditionell polstern", weiß Probst – allein schon, weil die traditionelle Technik sehr zeitaufwendig und daher auch entsprechend teuer sei.

"Dass wir komplett traditionell polstern, kommt nur noch in Ausnahmefällen vor." Mittlerweile kann der langwierige Prozess abgekürzt werden, indem Schaumstoffe oder industriell gefertigte Federkerne zum Einsatz kommen. Mit einer traditionellen Polsterung seien solche Schaumstoffpolsterungen – wie sie heute in der industriellen Fertigung fast ausschließlich zum Einsatz kommen – aber nicht vergleichbar: "Da sitzt man einfach besser drin", meint Probst.

Viele Stücke erzählen lange Geschichte

Einen Vorteil haben Schaumstoffpolsterungen: Sie sind deutlich erschwinglicher als traditionelle Polsterungen mit Palmfaser, Rosshaar und Federn. Daher liegen Schaumstoffe im Trend, was auch Probst zu spüren bekommt. Mit Neuanfertigungen werde er nur noch selten beauftragt – "die meisten Möbel, die hierher kommen, sind vom Flohmarkt oder von der Oma".

Das Gute daran: Ältere Möbelstücke haben zum Teil schon viel erlebt. "Dieses Sofa zum Beispiel", sagt Probst mit Blick auf das blau-grün bezogene Möbelstück, "hat eine sehr interessante Geschichte". Es gehöre einer Freundin, die es von ihren Großeltern erhalten und vor 35 Jahren schon einmal von den Probsts hatte neu polstern lassen. Als die Freundin umzog, habe sie das Sofa an ihre Nachbarin weitergegeben – "bis sie nach 15 Jahren zurück kam und das Sofa wiederhaben wollte". Die Nachbarin gab an, das Sofa nicht mehr zu haben – erst später stellte sich heraus, dass das Sofa gar nicht verschollen war, sondern auf dem Dachboden lagerte. Über Umwege wanderte das Möbelstück dann in die Schweiz – scheinbar auf Nimmerwiedersehen. Doch Jahre später nahm die Geschichte eine Wendung, und das gute Stück kehrte zu Probsts Bekannter zurück.

Dass er es mit Möbeln zu tun hat, die solche Geschichten aufweisen, und dass er "immer wieder was Neues" erlebt – das gefällt Probst an seiner Arbeit besonders gut. Zudem müsse er sich mit jedem Kunden auseinandersetzen, was zwar herausfordernd sei, seine Arbeit aber auch sehr abwechslungsreich mache. Und kaum etwas sei so zufriedenstellend wie die Tatsache, dass er am Ende ein Ergebnis habe, "das ich in die Hand nehmen kann".

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