Frank Widmer, gebürtiger Rottweiler, fühlt sich in Neuseeland sehr wohl und ist am liebsten in der Natur unterwegs. Foto: Widmer

Einkaufstrip dauert sechs Stunden. Frank Widmer lebt in Neuseeland. Als Koch auch in der Antarktis.

Rottweil/Lake Wakatipu - Frank Widmer ist schon viel herumgekommen: In Irland, der Schweiz und sogar auf einem Eisbrecher in der Antarktis hat der gebürtige Rottweiler schon als Koch gearbeitet. Jetzt wohnt er in Neuseeland - so abgelegen, dass viele Freunde sagen: "Du erlebst die Corona-Zeit am sichersten Platz."

Newsblog zur Ausbreitung des Coronavirus in der Region

Wer auf der Karte nachschaut, wo Frank Widmer lebt, sieht nur Wasser, Berge und wenig Zivilisation. Der 49-Jährige wohnt abgelegen am Lake Wakatipu in der südlichen Hälfte Neuseelands. Widmer arbeitet für ein großes Unternehmen, das für Touristen Bootsausflüge und Touren anbietet. Zuletzt auf einer großen Farm am Berg "Walter Peak". "Wir hatten hier bis zu 1000 Essen täglich", sagt er. Seit fünf Wochen ist alles dicht. Nach Bekanntwerden des ersten Corona-Falls im Land habe die Regierung sofort reagiert. "Es ging ziemlich schnell, wir hatten nur zwei Tage, um zu schließen und alles fachgerecht zu verstauen", berichtet er bei einem Video-Telefonat mit dem Schwarzwälder Boten. Auch alle Läden bis auf Supermärkte und Apotheken wurden geschlossen.

Die bei ihm und den Neuseeländern beliebtesten Freizeitaktivitäten wie Wandern, Fischen, Mountainbiken und "Adventure Riding" mit dem Motorrad wurden von der Regierung ebenfalls auf Eis gelegt. "Damit soll vermieden werden, dass Retter in unnötige Gefahr gebracht werden", sagt Widmer.

Jeder in seiner "Bubble"

An die Maßgabe der Regierung, in der eigenen "Bubble" zu bleiben, also nur mit den Menschen Kontakt zu haben, mit denen man zusammenwohnt, halten sich eigentlich alle, meint Widmer. "Und hierher kommt sowieso niemand", lacht er. Wenn im weiten Umland ein Auto zu sehen sei, dann werde gleich von Farm zu Farm telefoniert, ob diese Person bekannt ist.

Die Maßnahmen zeigen positive Wirkung, sagt Widmer. "Schon nach zwei Wochen ging die Zahl der Erkrankungen zurück." Die Infektionsketten im Land seien genau nachverfolgt worden. "Wir haben dem Kampf gewonnen", verkündete die Premierministerin am Montag, nachdem landesweit nur noch eine Neuinfektion bestätigt wurde. Insgesamt gab es offiziell rund 1100 Infektionen und 19 Todesfälle in Neuseeland. Zum Vergleich: Im Kreis Rottweil sind es rund 600 Fälle und 17 Verstorbene.

"Am Montag wurden wir von der höchsten Sicherheitsstufe vier auf drei zurückgestuft", berichtet der 49-Jährige. Restaurants dürfen jetzt Essen zum kontaktlosen Mitnehmen anbieten, und etliche Läden dürfen wieder öffnen. Frank Widmer freut sich darauf, wieder einmal einkaufen gehen zu können. Das ist allerdings mit etwas mehr Aufwand verbunden: Allein um in die nächste Ortschaft zu gelangen, fährt er 90 Kilometer auf unwegsamen Schotterstraßen und weitere 30 Kilometer auf einer "Main Road". "Für eine Strecke muss ich so zweieinhalb bis drei Stunden einplanen", sagt er. Es ist dem abenteuerlustigen 49-Jährigen allerdings am verschmitzten Grinsen anzumerken, dass ihm das nicht viel ausmacht. Er ist ohnehin am liebsten draußen unterwegs.

Im Sternen und der Villa

Inzwischen ist Widmer einen längeren Zeitraum seines Lebens im Ausland gewesen, als in der Heimat. Er wuchs mitten in Rottweil, in der Johannsergasse, auf und besuchte die Maximilian-Kolbe-Schule. Seine Ausbildung zum Restaurantfachmann begann er im Hotel Sternen und zog dann mit dem Betreiber in die Villa Duttenhofer um. "Das muss so um 1988 gewesen sein", meint Widmer.

Seither hat er viel erlebt und gesehen. Seine Ausbildung beendete er im "Hänslehof" in Bad Dürrheim, danach setzte er eine Kochausbildung in Überlingen obendrauf. Sein Beruf führte ihn dann nach Irland. "Ich hatte vor, ein Jahr zu bleiben, es wurden dann aber acht", erzählt er lachend.

Alles etwas entspannter

Irgendwann wollte er der Kälte entfliehen und reiste nach Neuseeland. "Es war einfach, eine Stelle als Koch zu finden. Und zum ersten Mal arbeitete ich in einer wirklich abgelegenen Gegend." In Milford Sound begann er als "Sous Chef" auf Ausflugsschiffen, nach sieben Jahren lockte wieder das Abenteuer, und Widmer kochte auf einem Eisbrecher in der Antarktis.

Abstecher nach Asien folgten, jetzt aber fühlt er sich in Neuseeland bei seinem Arbeitgeber "Real Journeys" sehr wohl. "Es ist als Koch alles etwas relaxter hier, als in Deutschland", sagt er. Sein Arbeitstag sei ganz geregelt, wenn er auf den Schiffen arbeitet ist um 15 Uhr Feierabend. "Es bleibt genug Zeit für Ausflüge in der Natur, für Barbeques mit Kollegen und Freunden und für lange Motorradtrips mit Campen und Lagerfeuer.

Flughafen noch lange zu

Immerhin das Fischen ist nun seit Montag wieder erlaubt. Widmer richtet sich auf sehr lange Einschränkungen ein. Und es ist ungewiss, wann er die Eltern in der Heimat wieder einmal besuchen kann. Es sei angekündigt worden, dass der Flughafen für internationale Flüge noch bis April 2021 gesperrt bleiben soll, um ein erneutes Aufflammen des Virus in Neuseeland zu verhindern. Wie es für ihn weitergeht, weiß der 49-Jährige noch nicht. Er bleibt gelassen. Auch nach fünf Wochen Quarantäne sei es ihm noch keinen Moment langweilig gewesen. Am liebsten zieht er mit der Fotokamera durch die Natur. "Dafür", sagt er, "ist dieser Platz, an dem ich lebe, einfach perfekt."