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Rottweil Aus dem Engpass wird ein Notfall

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Foto: pixabay Foto: Schwarzwälder Bote

"Wir sind nicht mehr weit von einem Versorgungsnotstand entfernt", sagt Jochen Scherler, Vorsitzender der Kreisärzteschaft in Rottweil. Er hat kürzlich im Rottweiler Gemeinderat Alarm geschlagen. Die Stadt soll beim Thema Ärztemangel initiativ werden.

Kreis Rottweil. Sich als kreative Stadt zu präsentieren, ist schön und gut. Doch es reicht nicht, meint Jochen Scherler. Vielmehr sollte man initiativ werden, was das Thema Ärzteversorgung angeht, findet der Allgemeinmediziner, der seine Praxis in Dietingen vor einem Jahr abgegeben hat.

Doch die Nachfolgesuche, die er mit 63 Jahren begann, war keinesfalls ein Selbstläufer. Von der Gemeinde erfuhr Scherler damals offenbar keine Unterstützung. Dabei ist das Thema Ärztemangel kein neues und keines, das sich von selbst erledigt. In den vergangenen Jahren sind allein in der Stadt Rottweil mehr als fünf Hausärzte ohne Nachfolger ausgeschieden. Ein Handeln wird immer dringlicher, meint Jochen Scherler. Er weiß von drei Arzt-Kollegen in Rottweil, die bald aufhören wollen. Zudem gebe es Mediziner, die altersmäßig schon "jenseits von Gut und Böse" seien.

Als Kreisärzteschaft-Vorsitzender ist Jochen Scherler regelmäßig mit den Ärzten in Kontakt und weiß: Die Kollegen sind am Limit. "Kannst du noch zwei Patienten aufnehmen? Ich kann nicht", seien typische Nachrichten, die diese austauschten. Das Problem habe sich vom Land in die Stadt verlagert, meint Scherler. "Manche ländliche Gemeinden erhalten Finanzspritzen von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). So etwas ist im Stadtgebiet leider nicht vorgesehen." Sollte es aber sein, findet Scherler. Außerdem könne man mit lokalen Mäzenen zusammenarbeiten.

Eine Entspannung der Krise sieht er vor allem im Modell des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ). Mit der Planung eines solchen hat sich der Arzt erstmals bei seiner geplanten Praxisübergabe befasst. "Ein Apotheker, ein Arztkollege und ich hatten die feste Absicht", berichtet Scherler. Doch zu einem MVZ gehöre mehr als nur die medizinische Fachkompetenz. Es braucht Räume und finanzielle Unterstützung, so der 68-Jährige.

In Schramberg ist das Projekt MVZ gescheitert: Nachdem eine Gynäkologin ihre Stellung aufgegeben hatte und diese Facharztstelle nicht wiederbesetzt werden konnte, musste das MVZ geschlossen werden. Für den Betrieb eines solchen sind unter anderem mindestens zwei vertragsärztliche halbe Zulassungen vorgeschrieben.

In Oberndorf gab es vor gut vier Jahren den Versuch eines MVZ, angestoßen vom SRH-Krankenhaus, erinnert sich Psychotherapeut Eberhard Ruh aus Oberndorf. Doch so schnell die Idee da war, so schnell war sie auch wieder fort.

In Dornhan wurde im Mai die Eröffnung des städtischen Gesundheitszentrums gefeiert. Dort sind Hausarztpraxen, Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, die Sozialstation und ein Gesundheitscoach zu finden.

Jochen Scherlers Besuch in der Gemeinderatssitzung sollte der Stadtverwaltung die Dringlichkeit verdeutlichen, beim Thema Ärztemangel aktiv zu werden. Denn bis eine Lösung umgesetzt wird, dauert es einige Zeit, weiß Scherler, der in verschiedenen Gremien aktiv ist und sich regelmäßig zu Planungskonferenzen mit dem Gesundheitsamt und weiteren Akteuren des Landkreises trifft. "Alles geht einfach furchtbar langsam. Deshalb muss man jetzt anfangen. Aus einem Versorgungsengpass wird in nicht mehr allzu langer Zeit ein Notfall", prognostiziert er.

Die Zahlen sprechen für ihn. So liegt der Versorgungsgrad beim Thema Hausarzt in Rottweil –­ dem Landesausschuss (LA) für Bedarfsplanung bei Ärzten und der KV zufolge – bei 85,6 Prozent. Laut Tabelle des LA praktizieren zum Stand 3. Juli 2019 etwa 48 Ärzte in Rottweil, Oberndorf und Sulz. In einem älteren Bericht der KV ist noch von 57 Hausärzten die Rede (Stand 1. Januar 2018). Damals kamen 1608 Einwohner auf einen Hausarzt.

Zudem lag der Anteil der über 60-jährigen Hausärzte im Kreis Rottweil bei 33 Prozent. Mehr als die Hälfte davon ist sogar zwischen 65 und 93 Jahre alt. Auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Stefan Teufel im Juni 2018 hatte die Landesregierung auf Basis der Zahlen der KV eine Entwicklung der Ärzteversorgung im Kreis Rottweil von 2008 bis 2018 dargestellt. So ist die Zahl der Hausärzte in diesem Zeitraum um rund elf Prozent zurückgegangen. Das Durchschnittsalter der Ärzte beträgt laut KV-Daten in Rottweil 55,4 Jahre, in Baden-Württemberg 55 Jahre.

Die Tendenz älter werdender Bürger und Ärzte spiegle sich in ganz Baden-Württemberg wider, so die KV zur Entwicklung in den kommenden zehn Jahren. "Da die Tendenz zu mehr Anstellungen und größeren Strukturen geht, wird es wohl zu einer verstärkten Zentrenbildung kommen", heißt es. Von einer Unterversorgung im Kreis ist dabei nicht die Rede. Davon spreche man erst bei einem Versorgungsgrad von weniger als 75 Prozent bei den Hausärzten.

Die Stadt Rottweil reagiert auf den Appell von Jochen Scherler so: "Die Stadtverwaltung Rottweil hat das Thema Ärzteversorgung im Blick. Unter dem Dach des Landkreises gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit der Ärzteversorgung befasst und in der die Stadt Rottweil vertreten ist". Man arbeite eng mit dem Landkreis zusammen, so Pressesprecher Tobias Hermann. Im September soll eine Informationsveranstaltung für die Ärzteschaft mehrerer Kommunen in Rottweil stattfinden. Dabei werden unterschiedliche Modelle für eine zukunftsfähige Ärzteversorgung vorgestellt, heißt es.

"Unsere Wirtschaftsförderung steht regelmäßig im Austausch mit Ärzten. Einzelne Fachärzte konnten in der Vergangenheit in Rottweil angesiedelt werden. Ferner hat sich die Stadt über die Wirtschaftsförderung an regionalen Studien zum Thema Gesundheit beteiligt, unter anderem der Industrie- und Handelskammer und der drei Landkreise in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg", so Hermann weiter zur Frage nach den Bemühungen der Stadt.

Um ein MVZ auf den Weg zu bringen, erklärt sich Jochen Scherler bereit, an der Planung mitzuwirken. Das Konzept sei attraktiv für Ärzte, ist sich der Mediziner sicher. Zunächst müsse man sich dabei nur auf die ärztliche Verantwortung konzentrieren und sich nicht um eine ganze Praxis mit all den Verwaltungsaspekten kümmern: "Man muss nur noch den eigenen Job machen". Zudem könnten Mütter und Teilzeitarbeitende einen Platz finden. Des Weiteren entstünden dadurch, dass alles an einem Ort ist, Synergieeffekte für Allgemeinmediziner und Fachärzte, auch, was die gegenseitige Vertretung anbelangt.

Die Krux bei der Sache: "So etwas muss man gut organisieren, um schwarze Zahlen zu schreiben". Natürlich sei das für eine Stadt immer ein Wagnis, aber eines, das sich im Fall Rottweils lohne.

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