Rottweil als gefährliches Pflaster für Taxifahrer? Zumindest einer hat es an der Fasnet so erlebt. Foto: Schickle

Verletzungen schlimmer als angenommen: Angreifer bricht Mann Kiefer. Polizei sucht Zeugen des Vorfalls.

Rottweil - In der Nacht auf Dienstag hat ein Unbekannter einen Rottweiler Taxifahrer attackiert. Laut Polizeimitteilung wurde dieser "leicht verletzt" (wir berichteten).

Inzwischen ist klar: Der Kiefer des Mannes ist gebrochen. Für ihn und das Taxiunternehmen ist die Sache auch deshalb noch nicht erledigt.Seit 19 Jahren sitzt Vera Siegel bei Taxi Hafa am anderen Ende der Leitung: Als Disponentin nimmt sie die Anrufe entgegen. Siegel bekommt am Telefon allerlei zu hören, genauso wie ihre Kollegen, die in den eierschalengelben Wagen unterwegs sind, allerlei erleben. So etwas ist ihr allerdings noch nicht untergekommen. Was in der Nacht auf Fastnachtsdienstag, gegen 4.30 Uhr, in der Waldtorstraße passiert, will ihr nicht in den Kopf.

Ihr Kollege, ein Taxifahrer mit 30 Jahren Erfahrung – auch in anderen Städten – wartet mit seinem Wagen hinter dem Schwarzen Tor auf Fahrgäste, die ein Taxi vorbestellt haben. Um ihn herum: Fastnachtsbegeisterte, die bis in die frühen Morgenstunden feiern.

"Nachtschicht ist die schwierigste"

So weit ist noch alles normal. Bis ein junges Paar zu dem Taxi kommt, dass unbedingt schnell heimgefahren werden will, berichtet Siegel. Der Fahrer habe den beiden allerdings gesagt, er könne sie nicht fahren, er habe eine Vorbestellung. Das wiederum passt ihnen nicht: Die junge Frau habe dem Taxifahrer den Stinkefinger gezeigt, der Mann begonnen, auf das Auto einzuschlagen.

"Dann hat er den Fehler gemacht, auszusteigen", erklärt Vera Siegel über ihren Kollegen. Denn eigentlich schützen sich die Taxifahrer bei solchen Nachteinsätzen, indem sie ihre Autos verriegeln und das Fenster nur ein stückweit aufmachen, um mit den potenziellen Fahrgästen zu sprechen. Doch was soll er tun, als sein Auto attackiert wird? Laut Polizei tritt der unbekannte Täter gegen den Spiegel des Wagens. Bis er den Taxifahrer, einen Familienvater Anfang 60, angreift. Er verpasst seinem Opfer einen Faustschlag und haut ab. Die junge Frau kann der Taxifahrer offenbar noch kurz festhalten. Allerdings habe er stark geblutet, berichtet Dietmar Moosmann, Verantwortlicher bei Hafa. Irgendwann ist auch sie verschwunden. Zurück bleibt der verletzte Taxifahrer.

Was zunächst nach einer leichten Verletzung aussieht, hat sich inzwischen als eine schwerwiegende herausgestellt. Von der Rottweiler Helios-Klinik wird der Mann nach Tübingen verlegt: Kiefer und Jochbein sind laut Moosmann gebrochen. Der Taxifahrer ist inzwischen wieder zu Hause, am Montag wird er allerdings in Tübingen operiert. "Er hat natürlich Angst vor der OP", erzählt sein Chef.

Gerade die Angst ist nach solch einem Erlebnis oft das große Problem: So ein Vorfall bleibe im Hinterkopf, erklärt Rolf Seyler, ebenfalls Fahrer bei Hafa. Die Nachtschicht sei die schwierigste. "Speziell morgens zwischen 4 und 6 Uhr." In dieser Zeit seien die unterwegs, die den ganzen Abend getrunken hätten. "Oft machen sie dicke Backen vor der Freundin" – genau wie in der Nacht auf Dienstag. Auf solche Situationen können sich die Fahrer nicht wirklich vorbereiten, höchstens versuchen, die Spannungen im Gespräch herauszunehmen. Deeskalation nennt Seyler das.

Nachdem vor rund zwei Jahren einer seiner Taxifahrer überfallen worden war, hatte Dietmar Moosmann eine Schulung mit der Polizei für die Fahrer organisiert. Dabei hatten sie gelernt, wie sie sich bei einem Überfall verhalten sollen. Wird ein Fahrer attackiert, nutzt freilich alles nichts. "Was willst du dagegen tun?", fragt Moosmann. "Du hast keine Chance – es geht so schnell." Genauso schnell, wie er angriff, macht sich der Täter von Dienstag auch aus dem Staub.

Selbst die Polizei, die vor Ort ist, kann den Mann nicht schnappen. Dem Opfer kommt ein Fastnachtsbesucher sofort zur Hilfe und informiert die Zentrale. Dennoch: Offenbar kann keiner der Umstehenden etwas über den Angreifer sagen. Dabei, so erklärt ein Polizeisprecher, seien Zeugen oftmals die einzige Möglichkeit, Informationen über den Beschuldigten zu erhalten.

Für Dietmar Moosmann hat der Zwischenfall noch eine andere Dimension: Er muss sich auf die schwierige Suche nach einem Ersatzfahrer machen, diesen sowie den Lohn für seinen verletzten Fahrer bezahlen. Davon abgesehen kann er ihn vermutlich – und verständlicherweise –­ erst mal nicht mehr nachts einplanen. "Der Mann ist sicher eine Weile traumatisiert", erklärt Rolf Seyler.

Weitere Informationen: Das Polizeirevier Rottweil, Telefon 0741/47 70, nimmt Hinweise von Zeugen entgegen.

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