Ursula Sieber war 36 Jahre lang SPD-Stadträtin und Gründerin des Weltladens. Dass sie zur ersten Ehrenbürgerin wird, freut sie wegen der anfänglichen Widerstände besonders.
Die Stadt Rottenburg hat 33 Ehrenbürger. Vielen von ihnen wurde diese Ehre bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts zuteil. Mit der früheren SPD-Stadträtin Ursula Sieber, die in Rottenburg sehr viel bewegt hat und unter anderem den Weltladen gründete, wird am kommenden Donnerstag, 5. Februar, erstmals auch einer Frau die Ehrenbürgerwürde verliehen.
Außerordentliches soziales und politisches Engagement Grund für diesen Beschluss des Rottenburger Gemeinderats ist Siebers außerordentliches soziales und politisches Engagement, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung. Ursel Sieber, so Oberbürgermeister Stephan Neher, sei „für viele Frauen, nicht nur in Rottenburg, ein großes Vorbild“.
Früherer OB wenig erfreut über Frauen im Gemeinderat Während der jetzige OB sich freut, dass Rottenburg endlich auch eine Ehrenbürgerin haben wird, war der frühere Oberbürgermeister Winfried Löffler (CDU) weniger erfreut über eine Frau in der Lokalpolitik. „Er hat zu Anfang nicht viel gehalten von Frauen im Gemeinderat“, sagt die 80-Jährige beim Interview in dem Holzhaus, das sie mit ihrem Mann, zwei Katzen und einer syrischen Flüchtlingsfamilie bewohnt. 1979 war sie in die SPD eingetreten, bei den Kommunalwahlen 1980 kandidierte sie zum ersten Mal für den Gemeinderat. 1982 rückte sie in dieses Gremium nach, um es erst 36 Jahre später wieder zu verlassen.
Erhaltung der ehemaligen Synagoge in Baisingen Siebers erstes großes Projekt als Stadträtin war die Erhaltung der ehemaligen Synagoge in Baisingen. Sie beantragte 1985, Haushaltsmittel für den Kauf der ehemaligen Synagoge bereitzustellen, und war später treibende Kraft bei deren Renovierung. Als die Gedenkstätte 1998 eingeweiht wurde, „hat Löffler mich nicht erwähnt in seiner Rede“, erinnert sie sich. „Er rief aber abends an und entschuldigte sich.“
Sie strickt am liebsten rote Socken Während des Gesprächs greift Sieber zum Strickzeug. „Ich stricke nur Socken“, sagt sie. „Am liebsten rote Socken.“ Und erzählt dann, dass sie früher oft Hut getragen habe. Gerne in der Kombination roter Hut, roter Schal. Als sie einmal derart bekleidet OB Löffler in der Stadt begegnete, begrüßte er sie mit den Worten: „So, Frau Sieber, tun Sie heut’ wieder provozieren?“ Sieber lacht laut und wird dann wieder ernst: Das Verhältnis zwischen ihr und Löffler habe sich im Lauf der Zeit gewandelt. „Zum Schluss verstanden wir uns wirklich gut.“
Großprojekt Synagoge Baisingen
Anfangs ein rauer Wind entgegengeweht
Im Gemeinderat habe ihr anfangs ein rauer Wind entgegengeweht. „Soze, Frau und evangelisch“ – diese Kombination sei im katholischen und damals noch sehr konservativen Rottenburg für viele ein rotes Tuch gewesen. „Deshalb freut mich die Ehrenbürgerwürde besonders“, sagt Sieber.
Die CDU hatte das Sagen
CDU-Rat: „Die SPD hat hier überhaupt nichts zu sagen“Nach der Kommunalwahl 1980 saß im Rottenburger Rathaus die SPD mit nur 13 Sitzen der 31-köpfigen CDU-Fraktion gegenüber. „Wenn die CDU-Räte in der Sitzung gestreckt haben, war das wie eine Wand“, erinnert sich Sieber. Gerhard Schäfer, Mitte der 1980er-Jahre Fraktionsvorsitzender der Christdemokraten, habe es einmal unmissverständlich formuliert: „Die SPD hat hier überhaupt nichts zu sagen.“ Nach dieser Ansage seien ihr die Tränen gekommen und sie habe beinahe den Sitzungssaal verlassen.
Mutter arbeitete für einen kärglichen Lohn Ursula Sieber stammt aus Sulz am Neckar und war trotz Steißlage eine Hausgeburt. Es war das Jahr 1945, ihre Mutter war ledig und konnte deshalb nicht ins Krankenhaus. Siebers Vater war ein verheirateter Mann. Aufgrund dieser Verhältnisse sei ihrer Mutter nichts anderes übrig geblieben, als für einen kärglichen Lohn in einer Wäscherei zu arbeiten. „Deshalb bin ich wahrscheinlich auch in der SPD und habe einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, sagt Sieber. Willy Brandt hatte ebenfalls eine ledige Mutter, „den hab’ ich auch immer verehrt“.
Studium für den gehobenen Verwaltungsdienst Sieber absolvierte das Studium für den gehobenen Verwaltungsdienst. Im Alter von 22 Jahren heiratete sie ihren Mann Willi und bekam den ersten Sohn. Zwei Nachzügler folgen 1983 und 1984. „Ich hab’ alle lange gestillt, das war mir wichtig“, sagt sie. Deshalb habe sie bisweilen eine Gemeinderatssitzung verlassen müssen. Ein Parteigenosse habe ihr damals ein Fläschchen Tabasco geschenkt, so Sieber. Seine Erklärung: Türkische Frauen schmierten das scharfe Zeug auf ihre Brustwarzen, um ihren Babys beim Abstillen die Muttermilch zu verleiden. „Da war ich beleidigt.“
Hochkarätige Auszeichnungen bekommen Der Lohn für ihren politischen und sozialen Einsatz kam erst viel später. 2002 erhielt sie die silberne Ehrennadel des Gemeindetags und 2012 das goldene Verdienstabzeichen des Städtetags Baden-Württemberg für ihre kommunalpolitische Tätigkeit. Seit 2013 ist Ursel Sieber Trägerin des Bundesverdienstkreuzes. 2018 verlieh ihr die Stadt Rottenburg die Ehrenmedaille in Silber, und 2019 bekam sie die Willy-Brandt-Medaille der SPD.
Über 30 Jahre als Elternbeirätin Die Verdienstliste Siebers ist sehr lang. Darauf stehen unter anderem: über 30 Jahre als Elternbeirätin im Kindergarten und an verschiedenen Schulen; aktives Mitglied des Arbeitskreises Ausländer; seit 1979 Mitgliedschaft bei der Arbeiterwohlfahrt (seit über zehn Jahren als 2. Vorsitzende des Ortsvereins Rottenburg-Tübingen). Außerdem war sie Gründungsmitglied des Trägervereins Aktion Dritte Welt, aus dem 1996 der Weltladen wurde, und trug ganz wesentlich dazu bei, dass Rottenburg 2009 die erste Fair-Trade-Stadt Baden-Württembergs wurde.
Jugendschöffin beim Landgericht Tübingen Abgesehen davon war Ursula Sieber Jugendschöffin beim Landgericht Tübingen und über 20 Jahre lang ehrenamtliche Richterin beim Verwaltungsgericht Sigmaringen. „Ich habe das gerne gemacht“, sagt sie, „und ich hab’ es genossen, dass ich mal rauskam.“
Sehr lange Verdienstliste
Festakt am Donnerstag in der Zehntscheuer
Der Festakt
zur Verleihung der Ehrenbürgerinnenwürde an Ursula Sieber ist am Donnerstag, 5. Februar, in der Rottenburger Zehntscheuer und geladenen Gästen vorbehalten.
Passend zu Siebers
entwicklungspolitischem Engagement wird die Parlamentarische Staatssekretärin Bärbel Kofler vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit die Laudatio halten.