Christian Hörburger war 30 Jahre lang stark engagiert in der Kommunalpolitik. Foto: Meinert

Man darf Christian Hörburger ohne Bedenken als eine der schillernden Figuren Rottenburgs bezeichnen. 30 Jahre lang wirbelte er durch die Kommunalpolitik, legendär ist der erfolgreiche Kampf gegen das geplante Gewerbegebiet "Galgenfeld".

Rottenburg - Nebenbei schreibt er Bücher, das Thema ist die Stadt und die Winkelzüge der Lokalpolitik. Mitunter liest er aus seinen Büchern vor – zuzuhören lohnt sich allemal.

Christian Hörburger ist ein wortgewandter und wortgewaltiger Mann, das spürt der Besucher bereits an der Haustür. Zunächst geht es um den Fuchs, der des nachts im Hühnerstall wildert. "Eine Mahlzeit mit fünf Hühnern", nennt das der Hausherr lakonisch. Die Worte sprudeln geradezu aus ihm heraus. "Zudem gibt es Rotmilane und Habichte." Hörburger und seine Frau wohnen am äußersten Ende von Obernau, man kann auch sagen, am Ende der Welt, das Haus ist idyllisch an einem steilen Hang gelegen. "Da macht der Fuchs täglich Besuche."

Rhetorik in Tübingen studiert

Dass der 76-jährige Hörburger so gut und flüssig und nahezu druckreif erzählen kann, dürfte nicht zuletzt an seinem Studienfach liegen: Er hat in Tübingen Rhetorik studiert, seinerzeit noch beim legendären Professor Walter Jens. Was macht man mit einem solch ausgesprochenen Orchideenfach wie Rhetorik, welchen Beruf strebt man an, will man wissen? "Wenn man Rhetorik studiert, liegt es nahe, dass man in die Politik geht", meint Hörburger mit einem feinen Lächeln, das einen gehörigen Schuss Humor und Sarkasmus verrät. Nebenbei verweist er allerdings nicht ganz ohne Stolz darauf, dass führende deutsche Politiker ihre Redenschreiber aus dem Fundus der in Tübingen ausgebildeten Rhetoriker auswählen.

Tatsächlich ging auch Hörburger, der in Stuttgart und Esslingen aufwuchs, in die Politik, wenn auch in die Lokalpolitik. Sozusagen als Brotberuf arbeitete er unter anderem als Nachrichtensprecher für Privatrundfunk, als freiberuflicher Radiokritiker, als Hörspiel- und TV-Kritiker, zeitweise auch für das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. Reden, das ist für Hörburger Lebenselixier. "Ich rede gern", sagt er freimütig von sich selbst, zuweilen spricht er auch – wieder mit einem feinen Lächeln – von der "Krankheit, zu viel zu reden".

Buch ist teils Dokumentation, teils Fiktion

"Rottenburg – Kommune der Freidenker, Frommen, Verwalteten und Verliebten" heißt der etwas sperrige Titel seines Buches, aus dem er gerne auch öffentlich vorliest. Es geht um den Kampf gegen das geplante Gewerbegebiet Herdweg alias "Galgenfeld". Man erinnert sich: Der Gemeinderat von Rottenburg hatte Anfang 2018 das umstrittene Gewerbegebiet beschlossen – und den Kampf um das Stück Natur losgetreten. Der Wirbel war groß, ebenso der Widerstand, Ende 2018 gab es einen Bürgerentscheid, der völlig überraschend mit einer großen Mehrheit gegen das Gewerbegebiet endete. Das Büchlein ist teils Dokumentation, teils Fiktion, mit einem deftigen Schuss Humor und Sarkasmus, es geht um "die Winkelzüge kommunaler Schlachten" und, wie er sagt, "um den ökologischen Wahnsinn zu verhindern". Rückblickend meint der Autor: "Wir lassen uns die Natur nicht kaputt machen, weder durch Bagger, noch durch Politiker." Für Hörburger ist der Kampf um das Stück Natur sowie der Triumph der Abstimmung so etwas wie sein politisches Erweckungserlebnis - brandaktuell ist das Thema Ökologie und Umwelt nach wie vor.

Dabei ist auch das schmale Büchlein gespickt mit Humor. Als "kommunalen Prolog" gibt es etwa folgende Beschreibung der Rottenburger: "Im Durchschnitt ist der Wuchs der Einwohner eher groß als klein, und die Körperbildung regelmäßig. Sie sind größtenteils muskulös und kräftig, ihre Gesichtszüge verraten Munterkeit und Offenheit..." Die Sätze sind, ganz im Sinne einer Dokumentation, ein amtliches Zitat der Stadt – wenn auch aus dem Jahr 1828.

Wertschätzung für politische Parteien eher gering

Höchst lesenswert und lästerlich ist auch Hörburgers Kurzbeschreibung der lokalen Parteien im Gemeinderat: Zu den Jungen Aktiven heißt es etwa wenig schmeichelhaft, sie seien "dynamisch immer auf der Spur des kommunalpolitischen Zeitgeistes" und "kämpfen für Hot-Spots und gegen Hundekot. So mancher Gemeinderat aus ihren Reihen konnte direkt in eine Spitzenposition der Verwaltung wechseln." Ähnliches argwöhnt Hörburger bei der CDU, nämlich eine verdächtige Nähe zur Verwaltung: "Normalerweise duzt man sich. Nur im Gemeinderat selbst bleibt es beim förmlichen Sie, weil die Presse dabei ist und die Zuhörer privates Gekungel nicht mitbekommen sollen."

Zu den Grünen schreibt der Autor: "Die Naturbelassenen sind seit gut 30 Jahren im Gemeinderat... Allenfalls fordert die Kampfgruppe begrünte Abstellzonen für Fahrräder ...und neue Markierungen für Zebrastreifen." Das sind eher ätzende Urteile, mit denen sich Hörburger ganz sicher nicht nur Freunde macht.

Die Wertschätzung Hörburgers für politische Parteien ist in der Tat eher gering. "Ich bin heilfroh, dass ich nie ein Parteibuch angenommen habe", sagt er heute. Dabei hat er durchaus seine kurzen Stippvisiten bei einzelnen Parteien gemacht, etwa bei den Grünen, auch bei den Linken, wie er offen einräumt. "Aber nie mit Parteibuch", betont er.

"Wir sind völlig verkrustet"

Doch was den 76-Jährigen heute umtreibt, geht tiefer als bloßes Gemäkel und Nörgelei an den lokalen Parteien. "Wir sind völlig verkrustet", sagt er. "Verkrustung" ist ein Wort, das er immer wieder verwendet, Parteien und Politik seien nicht mehr auf der Höhe der Zeit und auf der Höhe der gegenwärtigen Probleme. "Die Probleme sind monströs", urteilt der Wortmächtige, "verstrickt sind wir alle in den Wahnsinn" – und was er damit meint reicht vom Kampf um die Ökologie in Rottenburg bis zum "globalen Wahnsinn" des Klimawandels. "Man kann das, was heute passiert, eigentlich nur mit Hilfe der Satire beschreiben", so das abschließende Urteil des gelernten Rhetorikers.

Auch ein neues Buch sei bereits in Arbeit, "Wo die Hütte brennt" sei als Titel geplant, es geht darum, "wie eine Kleinstadt die Pandemie erlebt". Zum Abschluss äußert sich Hörburger noch einmal zum Fuchs und den nächtlichen Raubzügen im Hühnerstall. Und er überreicht seine Visitenkarte, als Motto ist da ein biblisches Zitat zu lesen: "Am Anfang war das Wort."