Im Selbsterntegarten „Zur Wilden Möhre“ am Rand Rottenburgs machten die Abonnenten den Ernteführerschein. Alles wächst und gedeiht, aber die Erdflöhe haben Spuren hinterlassen.
Viele Leute haben einen Einkaufskorb mitgebracht, andere etwas zu Essen, zum Beispiel Hummus oder einen Salat. Günter Hebäcker aus dem Rottenburger Ortsteil Weiler hat ein Glas Honig von seinen eigenen Bienen dabei. Der 75-Jährige überreicht es Mia Wilkinson und Simon Hofmeister, den Gründern des neuen Selbsterntegartens „Zur Wilden Möhre“. Und wünscht Ihnen viel Glück bei ihrem Unternehmen.
Wilkinson und Hofmeister haben Teile einer großen Wiese bei den Aussiedlerhöfen hinter der früheren Gärtnerei Staudenmaier nach dem Konzept des Market Gardening in Gemüsebeete verwandelt. Der Kopfsalat, die Radieschen und die Rettiche, Mangold, Spinat und Petersilie, die sie dort gepflanzt beziehungsweise ausgesät haben, sind inzwischen erntereif.
Zur offiziellen Eröffnung ihres pestizidfreien Selbsterntegartens sind rund 20 Abonnentinnen und Abonnenten gekommen, die sich dort künftig für einen Preis von 10 bis 20 Euro pro Woche bedienen dürfen. Die Kosten richten sich nach der jeweiligen Selbsteinschätzung: Starke Gemüseesser, die täglich kochen, bezahlen mehr. Berufsbedingte Auswärtsesser, die abends nur noch etwas Grünzeug frisch vom Feld naschen wollen, kommen günstiger davon.
Gemüse-Abonnenten brauchen den Ernteführerschein
„Jetzt kann’s losgehen“, freut sich die 31-jährige Mia Wilkinson. Bevor die zahlenden Gäste an die Beete dürfen, müssen sie allerdings noch ein theoretisches Pflichtprogramm hinter sich bringen, um, wie Wilkinson sagt, „den Ernteführerschein“ zu erwerben.
Das ist kein Hexenwerk. In einem Schrank unter einem stabilen Wetterschutz mit vier Pfosten und Überdachung zeigt sie Erntescheren (für Tomaten und Paprikaschoten später im Jahr), glatte Messer (für Salat und Kräuter) sowie Wellenschliffmesser (für Zucchini, die ebenfalls erst im Lauf des Sommers reif werden). Außerdem stehen unterm Dach ein großer Kanister mit Regenwasser, um das Gemüse von Erde zu befreien, und eine kleine Sitzbank zum Ausruhen. Eine große Tafel signalisiert, auf welchem der vier großen Gemüseblöcke gerade was reif ist.
Die Erdflöhe essen gerne mit
Zur Ernte freigegeben ist beispielsweise die prächtig herangewachsene Salatrauke. Sie hat beim ersten Kauen einen cremig-fülligen Geschmack, zu dem sich dann eine leichte Schärfe und etwas Bitterstoffe gesellen. Die Salatrauke hat aber auch einen kleinen Schönheitsfehler: kleine runde Löcher in den Blättern. Erdflöhe hätten sie hineingefressen, erklärt Simon Hofmeister. „Wir spritzen gar nicht, wir bekämpfen die Insekten nicht mit Gift“, sagt der 33-Jährige. Man könne die Salatrauke aber bedenkenlos essen, die Löchlein seien nur ein kosmetischer Mangel.
Die bei den Erdflöhen so beliebte Salatrauke ist ein Kohlgewächs. Engmaschige Netze sollen sie im Selbsterntegarten vor den kleinen Mitfressern bewahren. Unter schützenden Netztunneln wächst bei Hofmeister und Wilkinson auch der Kohlrabi heran, eine beliebte Beute der Kohlfliege – ihre Larven tun sich gerne an Stängeln und Wurzeln gütlich.
Mia Wilkinson erklärt an einem Beet, dass die Rettiche erntereif sind (ihr Tipp: lieber die großen aus dem Boden ziehen, „die kleinen sind unendlich scharf“). Derweil hocken Jutta Bichler und Frank Kleemann aus Bondorf schon am Baby-Mangold. Die beiden Bondorfer sind mit dem Fahrrad gekommen, und zwar ohne elektrischen Zusatzantrieb. „Dann schmeckt das Gemüse noch besser, wenn man vorher gearbeitet hat“, sagt der 68-jährige Kleemann. „Wir finden die Idee mit dem Selbsternte-Abo super“, sagt seine Frau Jutta Bichler und schneidet zur Abrundung der Mangold-Ernte noch etwas Spinat ab.
Lob für Solidarität, Regionalität und Bio-Qualität
Sie habe vor dem Abschluss des Abos „gar nicht groß gerechnet“, erklärt die 54-jährige Sybille Hengst aus Rottenburg. „Man muss die Idee einfach gut finden“, sagt sie. Was Hofmeister und Wilkinson da aufgezogen haben, sei „super“. Außerdem mache es Spaß, das Gemüse zu ernten.
Zu den 37 Abonnenten des Selbsterntegartens „Zur Wilden Möhre“ gehört auch die Rottenburgerin Sandra Holzherr. Sie findet „den Solidaritätsgedanken toll“. Die Verbindung von Regionalität und Bio-Qualität sei „fantastisch“ und eine prima Ergänzung zum Wochenmarkt, so die 60-Jährige. Während der Corona-Zeit habe sie im eigenen Garten ein paar Sachen wie Brokkoli und Salat angebaut, erzählt Holzherr. „Aber da hat man immer das Gießproblem, wenn man mal weg ist.“ Den Selbsterntegarten pflegen und wässern Hofmeister und Wilkinson.
Günter Hebäcker, der den beiden zum Einstand ein Glas Honig von seinen eigenen Bienen geschenkt hat, ist beeindruckt vom Start-up-Projekt des jungen Paars. „Ich finde es ganz schön mutig von den jungen Leuten“, sagt der 75-Jährige. „Das unterstützen meine Frau und ich gerne.“ Mit dem Gemüseanbau im eigenen Garten hat er ungute Erfahrungen gemacht. Der Grund: „Das Schneckenproblem .“
Noch sind Gemüse-Abos zu haben
Für den Mai
sei die momentane Zahl von knapp 40 Abonnenten in Ordnung, sagt Simon Hofmeister. Im Sommer, wenn das Angebot mit Gemüsearten wie Karotten, Erbsen, Dicken Bohnen, Zucchini, Paprika und Tomaten größer sein wird, gebe der Selbsterntegarten „Zur Wilden Möhre“ voraussichtlich genug für 40 bis 50 Leute her.
Abo-Preise und Bedingungen
sowie weitere Informationen finden sich im Internet auf www.instagram.com/zur_wilden_moehre/.
Eine Anmeldung
zum Abo ist auch per Mail an info@zurwildenmoehre.de oder telefonisch unter der Nummer (0163) 230 49 13 möglich.