Schlüsselübergabe: Die Kinder des Kindergartens Gut-Betha hatten nicht nur den symbolischen Schlüssel für Oberbürgermeister Stephan Neher, sondern auch Noten, ein Buch, Farben und Spielsachen aus ihrem Kindergarten-Alltag auf die Bühne gebracht. Rechts im Bild: Architekt Martin Bez. Foto: Angelika Bachmann

Im Erdgeschoss der Kindergarten Gut-Betha, darüber die Räume der Musikschule, unterm Dach ein Konzert-Raum: Am Samstag wurde der 14 Millionen Euro teure Neubau gefeiert.

In Festreden ist ja immer viel davon die Rede, was sein soll: in dem Gebäude, zu dessen Eröffnung an diesem Tag alle zusammengekommen sind. Beim Einweihungsfest der Rottenburger Musikschule und des Kindergartens Gut-Betha an der Sprollstraße zeigte sich gleich beim ersten Auftritt auf der Bühne, dass hier schon geschieht, was später in Worten beschworen wurde: Hier treffen sich Menschen, um gemeinsam Freude an Musik zu haben.

 

Das bemerkenswerte Ensemble, das zum Einweihungsfest der Musikschule und des Kindergartens Gut-Betha auf die Bühne trat, setzte sich zusammen aus der Concert-Band der Musikschule, Musikerinnen und Musikern der Stadtkapelle, Schülern und Lehrern der Musikschule, darunter auch Ehemalige. Und die kleine Trommel schlug Alexander Widlowski, seines Zeichens Leiter des Rottenburger Hochbauamtes. Geleitet wurde das bunte Ensemble von Musikdirektor Arno Herrmann, bei dem man nicht so recht wusste, worüber er sich gerade mehr freute: über die gelungene musikalische Kooperation oder über die tollen Räume für die Musikschule. Für den Fortgang des Festakts wechselte Widlowski dann flugs die Drum-Sticks gegen das Mikrofon, um die Festredner auf die Bühne zu bitten.

Baubeschluss in einer anderen Zeit gefasst 14,8 Millionen Euro hat der Neubau an der Rottenburger Sprollstraße gekostet. Ein Gutteil der geladenen Festgäste war sich der Tatsache bewusst, dass der Baubeschluss für dieses Kultur- und Bildungszentrum im Herzen der Stadt in einer Zeit gefasst wurde, als es den Gemeinden finanziell noch besser ging. „Wenn wir in der aktuellen Haushaltslage ein solches Projekt finanzieren müssten, wären da mehrere Fragezeichen“, sagte Oberbürgermeister Stephan Neher. Dabei sei die Rolle, die die Erziehung und Bildung junger Menschen für die Gesellschaft spiele, nicht zu unterschätzen. Dazu zählt der OB auch die musikalische (Aus-)Bildung in der Musikschule, ebenso die in der Volkshochschule angebotenen Kurse, zu denen auch viele Sprach- und Integrationskurse gehören. „Wir hoffen, dass das Haus sich mit Leben füllt.“

Dieser Wunsch ist bereits in Erfüllung gegangen. Denn drei der vier Stockwerke im Neubau sind seit September 2024 bezogen. Im Erdgeschoss hat sich der Kindergarten Gut-Betha bereits eingelebt. Auch in den Räumen der Musikschule wird bereits fleißig an Querflöte, Gitarren und Geige geübt und das Flügelhorn geblasen. Lediglich der große Saal unter dem Dach war nicht wie geplant vergangenen Oktober fertig. Das ursprünglich für Herbst 2025 geplante Einweihungsfest wurde deshalb auf Februar verschoben.

Saal unterm Dach ist Konzert-Raum und Probelokal Aber auch hier sind bereits Musiker eingezogen: Der Saal unterm Dach dient als Konzert-Raum der Musikschule, ist aber auch Probelokal für die Stadtkapelle, die bislang im Bengel-Saal in der Zehntscheuer beheimatet war. Nicht vermissen werden die Musiker die Beengtheit und das Schummerlicht im bisherigen Probelokal, in dem zudem zahlreiche Säulen den freien Blick versperrten. Dafür darf sich die Stadtkapelle allerdings auch mit 70.000 Euro an den Baukosten beteiligen.

Er habe leider nie ein Instrument gelernt, bekannte der OB am Schluss seiner Rede. Und kassierte dafür prompt einen Zwischenruf von Musikschulleiterin Gabriele Richter: „Es ist nie zu spät!“ Der nur kurz überrumpelte OB spielte auf Zeit: Er wisse so spontan gar nicht, welches Instrument zu ihm passen würde. Man brauche ja auch noch „Pläne für später“. Auch darauf wusste Richter die passende Antwort: Beim anschließenden Tag der offenen Tür in der Musikschule könne er ja gleich mal verschiedene Instrumente testen.

Bausubstanz nach 140 Jahren immer noch top Der Neubau ist als Zwillingsbau des benachbarten alten Schulgebäudes konzipiert, in dem sich bis vor wenigen Monaten Kindergarten, Musikschule und Volkshochschule unter einem Dach drängten. Weil die Räume nicht ausreichten, waren viele Kurse ausgelagert. Das Nachbargebäude, in dem sich nun die VHS entfalten kann, ist zwar sanierungsbedürftig. Die robuste Bausubstanz ist aber nach 140 Jahren immer noch top, sagte Architekt Martin Bez vom Stuttgarter Architekturbüro Bez + Kock. Beim Entwurf und der Materialität des Neubaus habe man sich vom alten Schulgebäude inspirieren lassen. Eine gestalterische Herausforderung sei es gewesen, einen Bau zu entwerfen, der sich in den historischen Kontext der Altstadt einfügt, das 21. Jahrhundert und die Lage an der vielbefahrenen Sprollstraße aber nicht verleugnet.

Treppenhaus verbindet Altbau der VHS und Neubau für Kindergarten und Musikschule Als ausgezeichnete Investition erweist sich das neue Treppenhaus, das den Altbau der VHS und den Neubau für Kindergarten und Musikschule verbindet. Dessen Zentrum bildet ein Aufzug, so dass Kursräume endlich barrierefrei erreichbar sind. Am Samstag, beim Tag der offenen Tür, war er im Dauerbetrieb und transportierte Familien mit Kinderwagen und Senioren mit Rollatoren von Stockwerk zu Stockwerk. Im Saal im Dachgeschoss musizierte die Stadtkapelle, in den Räumen der Musikschule konnten Interessierte Darbietungen von Musikschülern lauschen – oder selbst Instrumente ausprobieren. Im Kindergarten verzierten die jüngsten Besucher sich Arme und Hände mit „Glitzertattoos“. Auch die Volkshochschule lud in ihre Räume ein. Dort konnte sich jeder davon überzeugen, dass eine Sanierung den Räumen guttun würde. „Aber es bricht ja noch nicht zusammen“, sagte Volkshochschul-Leiter Bodo Müller augenzwinkernd. Schließlich hatten alle gehört, dass der OB bei seiner Rede gesagt hatte, dass man die Sanierung der Volkshochschule – den zweiten Bauabschnitt – zwar wegen Geldknappheit verschoben aber „nicht vergessen“ hat.