Ziegen beim „ökologischen Trassenmanagement“ in Brandenburg. Hier beweiden Sie die Fläche unter Hochspannungsleitungen, die frei von Bäumen sein müssen. An ihrem zukünftigen Arbeitsplatz werden die Ziegen im Lichtwald unter Kiefern stehen. Foto: Juliane Baumann

Mit dem Klimawandel steigt die Waldbrandgefahr. Die Rottenburger Forsthochschule zeigt bei einem Modellprojekt in Brandenburg, wie man Wald und Mensch vor Bränden schützen kann.

Auf über 35 Grad war das Thermometer an jenem Junitag im Jahr 2022 in Beelitz geklettert. Der Kiefernwald nahe der brandenburgischen Kleinstadt war knacketrocken. Ein böiger Wind fuhr durch die Baumkronen.

 

Bei solchen Bedingungen reichen eine weggeworfene Kippe oder eine Glasscherbe, die wie ein Brennglas wirken kann, um einen Waldbrand zu entfachen. Die genaue Ursache wird sich nie ermitteln lassen. Die Folgen schon: 230 Hektar Wald brannten damals ab. Der Wind trieb das Feuer in Richtung der Stadt. Nur wenige hundert Meter vor der Stadtgrenze konnte das Feuer eingedämmt werden: Waldbrand-Spezialisten hatten, zum ersten Mal überhaupt in Deutschland, ein Gegenfeuer gelegt und damit den Flammen und der Zerstörung von Teilen der Stadt Einhalt geboten.

Waldbrand sei in Deutschland für viele immer noch „ein Forst-Ding“, sagt die Berliner Waldbrand-Expertin Juliane Baumann. Doch im südlich von Berlin gelegenen Beelitz wird das Thema nach den extremen Erfahrungen der vergangenen Jahre auch als Bevölkerungsschutz eingestuft. In Beelitz wurde deshalb ein „Waldbrandschutzkonzept“ erarbeitet, an dem die Rottenburger Hochschule für Forstwirtschaft (HFR) mit dem Projekt „PreGraze“ beteiligt ist. Die Rottenburger Expertise für den Waldbrand-Hotspot Brandenburg kommt von Mattias Rupp, an der Rottenburger Hochschule Professor für Landschaftsökologie und Naturschutz. Er ist bundesweit als Experte für Projekte gefragt, in denen Forst- und Weidewirtschaft zusammentreffen.

Die Idee von PreGraze: Anstatt wie in anderen waldbrandgefährdeten Regionen kahlgerodete Feuer-Schneisen durch die Wälder zu schlagen, werden ökologisch hochwertige Schutzstreifen mit Lichtwald angelegt. Wie das in Beelitz aussehen wird, erklärt Juliane Baumann: Der für die trockenen, sandigen Böden Brandenburgs typische Kiefernwald wird auf diesen Streifen ausgelichtet. Es bleiben hohe Kiefern in einem Abstand von mehreren Metern stehen. Im Schutz dieser Bäume bildet sich eine ökologisch vielfältige neue Vegetation am Boden aus. Dadurch wird die Biodiversität gefördert. Damit Sträucher, Kraut und Gräser nicht übermäßig wuchern, weiden Schafe und Ziegen auf diesen Schutzstreifen.

Lichtwald-Schutzstreifen halten Flugfeuer auf

Solche Lichtwald-Schutzstreifen können bei einem Waldbrand Flugfeuer und Glutfontänen aufhalten. Sie sind zudem Flächen, auf denen sich eine hohe Artenvielfalt entwickeln kann. So wird Waldbrandprävention gleichzeitig zu einem wirksamen Instrument im Naturschutz, so der HFR-Professor Mattias Rupp.

Juliane Baumann als Feuerwehrfrau in Katalanien. Foto: Baumann

Die Waldfläche für das Modellprojekt ist größtenteils in Gemeindebesitz. Das vereinfacht vieles und erspart den Projektmanagern die Verhandlungen mit einzelnen Privatwaldbesitzern. Angelegt werden die Schutzstreifen links und rechts einer Forststraße, auf einer Strecke von 3,5 Kilometern. Jeder Schutzstreifen ragt etwa 25 Meter in den Wald hinein. Im Februar dieses Jahres wurde mit der Anlage der Schutzstreifen begonnen. Ab Sommer ziehen dort dann regelmäßig Schafe und Ziegen auf die Fläche.

Man braucht Schäfer, die hüten können

Das Projekt in Beelitz ist vorerst auf drei Jahre angelegt und wird gefördert von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Eva-Mayr-Stihl-Stiftung. In dieser Zeit wird beobachtet, wie sich die Schutzstreifen entwickeln. Ein positiver Nebeneffekt: Der Beruf des Schäfers und das Hirtentum werden aufgewertet. Es wird ins Bewusstsein geholt, welch wichtige landschaftspflegerische Aufgabe dieser Berufsstand leistet. „Wir haben hier einen ortsansässigen Schäfer, der tatsächlich noch hüten kann“, sagt Baumann. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn fachkundige Schaf- und Ziegenhirten gibt es immer seltener.

Sind Waldflächen erstmal durch Brände zerstört, ist die Wiederaufforstung nicht so einfach, wie das Beispiel Beelitz zeigt, wo man mit großem Elan und finanziellem Einsatz die abgebrannten Flächen wieder aufforsten wollte. Weil die nachfolgenden Sommer auch heiß und trocken waren, vertrockneten die neu gepflanzten Bäume umgehend wieder.

Höhere Gefahr von Waldbränden

Brandenburg gehört zu den waldbrandgefährdestesten Regionen in Deutschland. Immer wieder mussten bei vergangenen Waldbränden auch Ortschaften evakuiert werden. Das Bewusstsein, dass mit dem Klimawandel die Gefahr für Waldbrände steigt, nimmt aber deutschlandweit zu – ein Grund, weshalb die Rottenburger Hochschule für Forstwirtschaft zusammen mit Feuerwehrleuten und Förstern das „Forest-Fire-Fighting Laboratory“ gründete, um Einsatzkräfte besser auf Einsätze bei Flächenbränden vorbereiten zu können.

Juliane Baumann, die freiberuflich als Expertin für Waldbrand-Prävention arbeitet, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HFR für das PreGraze-Projekt. Sie lebte zehn Jahre in Spanien (bei Barcelona), wo sie während des Auslandsemesters für ihr Geologie-Studium „bei der katalanischen Feuerwehr hängen blieb“. Ihren akademischen Abschluss machte sie später im Fach Öko-Agrarmanagement. Noch heute hält sie engen Kontakt zu den Feuerwehren in Spanien, wo sie mehrere Jahre als Feuerwehrfrau aktiv und bei Waldbränden im Einsatz war.

Waldbrand ist auch in Baden-Württemberg ein Thema

Im Forest-Fire-Fighting-Laboratory
arbeitet die Hochschule für Forstwissenschaft unter anderem mit der Feuerwehr Reutlingen zusammen, um die Expertise für die Bekämpfung und Prävention von Waldbränden zu erhöhen.

Ein anschauliches Projekt:
Die digitale Simulation eines Waldbrands am Gönninger Albtrauf. An einem heißen Sommertag mit niedriger Luftfeuchtigkeit ist Wald in Hanglange besonders brandgefährdet: Flammen schlagen nach oben und zünden die höher gelegenen Bäume an. Anhand solcher Simulationen können Technik und Taktik bei der Bekämpfung von Waldbränden aufgezeigt und geschult werden.