In seinem neuen Buch befasst sich Autor Wolfgang Wulz mit der Geschichte der Ortsnecknamen in der Region.Foto: Wulz Foto: Schwarzwälder Bote

Heimatgeschichte: In seinem neuen Buch befasst sich Autor Wolfgang Wulz mit deren Geschichte

Der Herrenberger Autor Wolfgang Wulz ist den Rottenburgern bekannt als Vorsitzender des Vereins "Schwäbische Mundart" und Organisator der Rottenburger "Sebastian-Blau-Tage" sowie des "Sebastian-Blau-Preises". Nun legte er kürzlich ein Buch zu schwäbischen Ortsnecknamen vor, alle Städte und Gemeinden liegen im Kreis Tübingen.

Rottenburg/Kreis Tübingen. Unter dem Titel "Goge, Raupe und Froschabschlecker" unternimmt Wulz eine humorvolle Necknamenwanderung durch die Orte und Landschaften rund um Neckar, Steinlach und Starzel. Der Zeichner Karlheinz Haaf illustrierte die unglaublichen, aber wahren Erzählungen über die Spitznamen. Auf blitzgescheite, treffende und bisweilen auch abgründige Weise karikiert er Wulz’ Sammlung von Geschichten über die Ortsnecknamen.

Die schwäbischen Geschichten laden dazu ein, den Charakter und das Alltagsleben der Menschen in Schwaben näher kennen zu lernen und lassen ihren Alltag noch einmal aus der Vergangenheit aufleuchten.

Das Lesebuch streift auch Rottenburg, seine Teilorte sowie Starzach und Neustetten. Etliche der Ortsnecknamen wurden von den heimischen Narrenzünften aufgegriffen, etwa die Geschichte um die Bierlinger Moofanger, die Felldorfer Klammhoke oder die Ergenzinger Stricker. Auch die Wurmlinger Knöpfle oder die Hailfinger Geesger sowie die Bad Niedernauer Stoagrättle haben ihre Fasnetsfiguren aus den Ortsnecknamen gewonnen.

Wulz erzählt die Geschichten, die sich dahinter verbergen. Bei den Bierlinger Moofangern ist die Geschichte schnell erzählt. Ein etwas geiziger Bierlinger wollte den Mond fangen, um im Stall und auch in der Wohnstube Strom sparen zu können. Mit seiner Mond-Euphorie hatte er bald den halben Ort angesteckt. Bei Vollmond sollte der Mond in den Ställen eingesperrt werden, so der Plan. Alle Türen wurden geöffnet, aber wie die Mondfangerei ausging, ist klar. Auf alle Fälle hat diese fantastische Begebenheit bewirkt, dass die Bierlinger seither in der ganzen Umgebung als "Moofanger" verlacht wurden.

Die Fasnetsgruppe der Ergenzinger Stricker geht ebenfalls auf den Ortsnecknamen zurück. Bereits im 19. Jahrhundert gehörte Ergenzingen zu den wichtigsten Orten der Gegend, mit blühender Landwirtschaft und gut florierendem Handwerk und Gewerbe. Elf Gastwirtschaften, fünf Bierbrauereien und elf Schnapsbrennereien waren 1828 in Ergenzingen registriert. Man sprach im Gäu daher von "Klein-Paris" wenn man Ergenzingen meinte – nicht zuletzt auch aufgrund des großen Selbstbewusstseins der Ergenzinger und ihrem Stolz auf den Ort. Ergenzingen war auch eine kleine Metropole im Hinblick auf das Gewerbe der Wollstrickerei, zwei Drittel der Strumpfstricker des Oberamts Rottenburg waren hier beheimatet. Fast in jedem Hause also betrieb man damals das Stricken. Als es mit der Maschinenindustrie bei den Strickern voranging, spürten die Ergenzinger als arme Stricker oder "Strickerböck" viel Schadenfreude. Der Ortsneckname ist ihnen bis heute geblieben, den die Ergenzinger Narrenzunft alljährlich während der Fasnet aufleben lassen.

Die benachbarten Baisinger tragen den Ortsnecknamen "Strohgänger", was auf ihre Reinlichkeit zurückzuführen ist. Denn fürchterlich matschiges Herbstwetter herrschte, als dem Schultes von Baisingen der Besuch des Horber Oberamtmannes angekündigt wurde. Die Rettung war, Stroh zu streuen und so zu verhindern, dass der Dreck von den Straßen in den Bürgersaal getragen wurde. Da es kurz nach der Ernte war, bekam der Baisinger Bürgermeister viele Angebote fürs Stroh, und er beschloss, dass in allen Straßen und Gassen das Stroh ausgebreitet werden sollte. Der Oberamtmann war beeindruckt und erzählte fortan die lustige Begebenheit, die sich schnell im Gäu verbreitete und den Baisingern ihren Necknamen gab.

Die Felldorfer "Klammhoke" findet man überwiegend in der Fasnetszeit, sie tragen auf ihrem Häs die Symbole der "Klammhoke". Der Name rührt daher, dass den Felldorfern nachgesagt wird, sie würden ihr Geld zusammenhalten wie die Klammhoke das Gebälk. Die Felldorfer tragen aber noch einen weiteren Spitznamen, den der "Mauroche" oder Morcheln, da die Urahnen der Felldorfer eine besondere Vorliebe für diese delikaten Pilze hatten.

Auch die Bad Niedernauer "Stoagrättle" sieht man vorwiegend während der Fasnetstage. Der Neckname rührt daher, dass die Niedernauer mit vollbeladenen "Krättle", also Körben, die Gipssteine aus den Steinbrüchen zur Gipsmühle brachten, um diese zu dem als Düngemittel gebrauchten Steinmehl mahlen zu lassen. In vorderösterreichischer Zeit mussten die Niedernauer der Burg Rottenburg und den herrschftlichen Mühlen Frondienste leisten. Dazu gehörte der Transport von Steinen und die Hilfe beim Straßen- und Wegebau, wobei die Niedernauer ihre "Stoagrättle" zum Einsatz brachten. Die Körbe stellten die Niedernauer selbst her, da die Korbflechterei hier weit verbreitet war.

Noch viele weitere Geschichten enthält das 240 Seiten starke Buch, welches auch noch Geschichten der Tübinger Gogen und Raupen oder der Breitenholzener Froschabschlecker enthält. Es ist im Buchhandel erhältlich für 16,99 Euro.

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