Rottenburgs Erster Bürgermeister Thomas Weigel (Zweiter von rechts) schaut sich mit einer deutschen Delegation im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos um. Foto: Jörn Neumann

Minderjährige könnten in Wohngemeinschaften betreut werden. Zustände in Lager katastrophal.

Rottenburg - Er habe Dinge gesehen, die er nicht hätte sehen müssen, sagt Rottenburgs Erster Bürgermeister Thomas Weigel nach einem Besuch im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos. Die Stadt Rottenburg (Kreis Tübingen) möchte jetzt helfen und hofft dabei auf die Unterstützung der Landesregierung.

"Das Lager funktioniert gar nicht", sagt Weigel am Montag bei einer Pressekonferenz im Rathaus. Erst am Samstag war er von einer dreitägigen Reise auf die griechische Insel Lesbos zurückgekehrt. Gemeinsam mit der städtischen Integrationsbeauftragten Ourania Kougioumtzidou, Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert, Vertretern der Evangelischen Kirche Deutschland und der Initiative Seebrücke hatte er sich ein Bild des Flüchtlingslagers Moria gemacht. Weigel sagt: "Das Lager ist für 3000 Leute eingerichtet. Es leben dort aber 20.000 Menschen unter unvorstellbaren Bedingungen." Rund um das eigentliche Lager befinde sich der sogenannte "Dschungel". Dort halte sich der Großteil der Menschen auf.

Weigel beschreibt die Notunterkünfte in dem Lager: "Man hat Euro-Paletten verteilt, auf die Pappe gelegt wird. Dann wird mit Dachlatten ein Verschlag gebaut. Planen machen diese Häuser wind- und wasserdicht." Ein normales "Haus" habe die Größe einer Euro-Palette, größere würden zwei Paletten nutzen. "Wasser und Strom gibt es nicht. Die Bewohner werden mit drei Litern Wasser in Flaschen versorgt", erzählt Weigel. Das führe da-zu, dass 40.000 bis 50.000 Flaschen pro Tag für ein enormes Müllaufkommen sorgen. Eine Müllabfuhr werde derzeit eingerichtet. Dramatischschlecht sehe es mit der sani-tären Versorgung aus: Auf 150 Menschen komme eine Toilette. Bei den Duschen sehe es noch schlechter aus.

Weigel berichtet, dass dieMenschen den Großteil ihrer Zeit mit Registrierungsaufga-ben verbringen müssten. Esgebe Fälle, in denen Personen schon seit April vergangenen Jahres in dem Lager festste-cken, da auf eine Registrie-rung lange gewartet werden müsse. "Es gibt zu wenige Arbeitskräfte, die mit den Menschen die Interviews füh-ren. Zur Zeit sind es gerade einmal neun Personen."

Oberbürgermeister Neher: könnten fünf bis zehn Kinder aufnehmen

Am schlimmsten ist die Situation von Kindern in Moria. "Es gibt viele sexuelle Übergriffe auf Kinder", sagt Weigel. Täglich kommen neue Flüchtlinge in Booten aus der Türkei auf Lesbos an. 140 Si-chere-Häfen-Städte in Deutschland, darunter Rottenburg, wollen nun 500 minder-jährige unbegleitete Flüchtlinge aufnehmen. Weigel sagt: "Flucht braucht einen sicheren Ankunftsort." Wie viele Kinder nach Rottenburg kommen könnten, sagt Oberbürgermeister Stephan Neher (CDU): "Wir könnten in Rottenburg fünf bis zehn Kinder aufnehmen." Wohnungen würden bereitstehen. Denkbar sei die Betreuung in zwei bis drei WGs. Klar ist für Neher: "Man kann die Kinder nicht sich selbst überlassen. Diese Zeitmuss aufgearbeitet werden."

Weigel berichtet, dass viele Kinder in Moria gar nicht mehr sprechfähig seien. "Vie-le wollen gar nicht mehr wei-terleben", sagt er. Neher sieht die baden-württembergische Landesregierung, die Bundesregierung und die EU in der Pflicht, jetzt einzugreifen. Der türkische Präsident Recep Erdogan habe ein Druckmittel auf die EU, indem er immer weitere Flüchtlinge die Grenze nach Griechenland passieren lässt. "Das zeigt, dass eine internationale Lösung dringend notwendig ist. Die EU muss stärker zusammenarbeiten", sagt Neher.

Gerade weil die Asylverfahren mit traumatisierten Kindern schwierig seien, unterzeichnet OB Neher gemeinsam mit zahlreichen anderen Initiatoren einen Brief an Ministerpräsident Winfried Kretsch­mann (Grüne), um schnelle Hilfe zu ermöglichen. In dem Brief heißt es: "Die Europäische Union vernachlässigt ihre Verpflichtung gegenüber schutzsuchenden Menschen und beschädigt den solidarischen Gedanken einer gemeinsamen Werteunion nachhaltig. Daher fordern wir Sie als Ministerpräsident, die Landesregierung und die obersten Landesbehörden dazu auf, mit sofortigem politischen Handeln Einfluss zu nehmen und zumindest 5300 unbegleitete Minderjährige vor drohender und bereits dokumentiertet körperlicher, psychischer und sozialer Misshandlung zu beschützen."

Die Unterzeichner fordern die Landesbehörden dazu auf, Kontakt zu Akteuren aus Les-bos, also beispielsweise zu staatlichen Behörden und der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen, aufzunehmen. Essolle ein Krisenstab eingerich-tet werden. Die zweite Forde-rung besteht in einer "soforti-gen Übernahme der unbeglei-teten Minderjährigen aus hu-manitären Gründen.

Die Unterzeichner führen dazu Paragraf 23 des Aufenthaltsgesetzes an, in dem es heißt, dass aus völkerrechtlichen oder humanitären Gründen oder zur Wahrung politischer Interessen der Bundesrepublik angeordnet werden könne, dass Ausländer aus bestimmten Staaten eine Aufenthaltserlaubnis erteilt wird.